Aus dem Nichts

Er sei stolz darauf, einen Film über Neonazis gemacht zu haben, in dem kein einziges Hakenkreuz zu sehen sei, so Fatih Akin in einem Interview mit n-tv über seinen jüngsten Film „Aus dem Nichts“[1].

Tatsächlich ist das Politische der Thematik weitgehend ausgeklammert. Stattdessen sollen die Gefühle der Protagonistin spürbar werden (was durchaus gelingt – Diane Kruger gewann die goldene Palme für ihre schauspielerische Leistung in dem Drama). Für Katja muss der Anschlag wirklich wie ‚aus dem Nichts’ gekommen und die Wut und Verzweiflung über den Verlust ihrer Familie schlicht unfassbar sein.

In der Realität entstehen Nazis aber nicht aus dem Nichts, und so hinterlässt der Film einen fahlen Geschmack im Mund.

Kann Akin wirklich stolz darauf sein, die Hakenkreuze ausgeklammert zu haben?

Oder anders gefragt: Macht es Sinn, ein politisches Thema aufzugreifen und es allein der individuellen Erfahrung einer (fiktiven) Person zu überlassen?

Diese Frage ist im Zusammenhang mit Filmen über den Nationalsozialismus immer wieder aufgetaucht. Das erste Mal wohl bei der Ausstrahlung der vierteiligen Fernsehserie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre. Sie gilt als erstes filmisches Werk, das die nationalsozialistischen Verbrechen fiktiv und aus der Perspektive der Opfer behandelt.[2]
Der Kritik, das Leiden der Opfer zu fiktionalisieren (und es zu kommerzialisieren) wird entgegnet, dass diese Form der filmischen Abhandlung die Solidarisierung und Empathie mit den Opfern ermögliche. Dadurch verleite sie zu anderen Diskussionen als eine schlichte Dokumentation.

Das mag für „Holocaust“ gestimmt haben. Nur leben wir heute in einer anderen Zeit als in den 1970ern. Heute zwingt die Solidarisierung mit den Opfern nicht mehr automatisch zu der Frage, was das alles mit ‚mir’ zu tun habe. Der Zweite Weltkrieg ist zu weit weg, und die Schuldfrage wurde schon so oft diskutiert. Rechtsradikalismus lässt sich heute leichter als verurteilenswertes Randphänomen von sich weisen. Die Solidarisierung mit den Opfern ist der Normalfall – die Frage, was Nationalsozialismus noch mit mir zu tun hat, eher nicht, jedenfalls nicht die politische Dimension der Frage. Woher kommen die Nazis heute und weshalb gibt es sie immer noch? Was hat das tatsächlich mit der gesamten Gesellschaft zu tun? Solche Fragen gilt es für einen Film über Neoradikalismus (auch) zu stellen. ‚Aus dem Nichts’ beantwortet sie vorschnell mit der Verdrängung der Nazis ins ‚Nichts’. Keine befriedigende Antwort – und daher auch der fahle Nachgeschmack, der bleibt.

[1] Akin, Fatih: Der Film hat kein einziges Hakenkreuz. Interview mit n-tv, 23.11.2017. Abgerufen von <https://www.n-tv.de/mediathek/videos/unterhaltung/Der-Film-hat-kein-einziges-Hakenkreuz-article20148494.html&gt; (23.05.2018).

[2]„Holocaust“: Die Vergangenheit kommt zurück, in: Der Spiegel, 29.01.1979. Online Version des Artikels abgerufen von <http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40350860.html&gt; (23.05.2018).
Marek, Michael: Die US-Serie „Holocaust“, in: Deutsche Welle, 28.05.2009. Abgerufen von <http://www.dw.com/de/die-us-serie-holocaust/a-4279045&gt; (23.05.2018).

Bild: http://www.kinowelt-sylt.de/wp-content/uploads/2017/11/aus_dem_nichts.jpg(23.05.2018).

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