Das Konzept der Plastizität bei Catherine Malabou

Catherine Malabou ist eine zeitgenössische französische Philosophin. Im deutschsprachigen Raum ist sie noch relativ unbekannt, aber die Art und Weise, wie sie die Neurowissenschaften mit der Philosophie verbindet, ist einzigartig.

Zunächst ein paar Fakten zu ihr: Geboren wurde sie am 18. Juni 1959 in der algerischen Stadt Sidi bel Abbès.[1] Über ihr Privatleben gibt sie sonst nichts preis; lediglich ihr akademischer Lebenslauf ist bekannt. Promoviert hat sie 1994 hat sie bei Jaques Derrida, der ihr Denken maßgeblich geprägt hat. Allerdings hat sie sich, nach eigenen Bekunden, im Lauf der Zeit von Derrida durch ihr Interesse an den Neurowissenschaften distanziert. Malabou bekennt sich explizit zu einem Materialismus verbindet diesen aber mit der Psychoanalyse, mit Beispielen aus der Literatur und mit Philosophen wie Spinoza, Heidegger und Hegel. Letzterer wird auch in ihrer Argumentationsweise sichtbar, denn Malabou arbeitet oft mit dialektischen Begriffspaaren. Dies betrifft auch den zentralen Begriff ihrer Philosophie: Die Plastizität. In ihren beiden Werken Was tun mit unserem Gehirn? von 2006 und Ontologie des Akzidentiellen von 2011 wird eine große Bandbreite von Malabous Konzeption des Plastizitätsbegriffs ersichtlich.

In Was tun mit unserem Gehirn? definiert Malabou die Plastizität zunächst als die Eigenschaft eines Materials, eine Form annehmen zu können, aber auch eine Form schaffen zu können.  Im Gegensatz dazu steht die Flexibilität, welche bewirkt, dass sich ein Material an jede beliebige Form anpassen kann, aber auch die Möglichkeit hat, in seine Ursprungsform zurückkehren zu können. Einem plastischen Material bleibt das verwehrt. Auch das Gehirn ist plastisch. Anhand der Neuroplastizität beziehungsweise ihrer drei Hauptfunktionen[2], die Malabou auch als die drei Plastizitäten bezeichnet, erkennt man ebenfalls die beiden Pole der Plastizität, die Formannhme und Formgebung. Zunächst entwickelt sich das Gehirn streng nach seinen genetischen Vorgaben (dies bewirkt auch, dass jedes menschliche Gehirn ähnlich aufgebaut ist) und beginnt sich dann durch die äußeren Einflüsse zu modifizieren. Durch verschiedene Biographien ist auch jedes Gehirn einzigartig. Das Problem ist aber nun, nach Malabou, dass für die Plastizität des Gehirns kein Bewusstsein in der Gesellschaft herrscht, weshalb es in vielen Bereichen zur Verwechslung mit der Flexibilität kommt. Besonders gut sieht man dies an der modernen kapitalistischen Arbeitswelt, die auf den ersten Blick ihrer Struktur nach dem Gehirn ähnelt: Alles ist miteinander vernetzt, es gibt eher flache Hierarchien etc. Allerdings wird vor allem Anpassungsfähigkeit gefordert, also Flexibilität.  Da die Menschen hier aber gegen ihre eigene Struktur der Plastizität anarbeiten müssen, können dies viele nicht mehr leisten. Die Folge ist eine steigende Zahl an Depressiven und von der Gesellschaft abgehängter Individuen. Viele Neurowissenschaftler postulieren in diesem Zusammenhang eine Art Darwinismus, der diejenigen bevorzugt, die in der Lage sind, sich am besten an die Gegebenheiten anzupassen. Mit dieser These würde die Identität aber rein der Evolution und damit der Determination unterliegen. Es würde keine wirkliche Freiheit geben. Doch diese Auffassung widerspricht der Struktur unseres Gehirns. Malabou wendet sich in diesem Zusammenhang der Betrachtung des Übergangs zwischen dem Neuronalen und dem Mentalen zu. Etliche Neurowissenschaftler nehmen unhinterfragt eine Kontinuität zwischen Biologie und Geist an, was Malabou scharf kritisiert. Zwar bekennt sie sich zum Materialismus, sieht aber auch, dass man an dieser Stelle mit rein naturwissenschaftlichen Beschreibungen nicht mehr weiterkommt. Aus diesem Grund plädiert sie für eine metaneurobiologische Sicht. Für sie ist dieser Übergang vom Neuronalen zum Mentalen durch radikale Sprünge und Brüche gekennzeichnet, ähnlich der Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen selbst. So verweist sie auf den synaptischen Spalt, an dem ein elektrischer Impuls in einen chemischen Reiz umgewandelt wird. Schließlich führt sie im Zuge dessen eine vierte Plastizität ein, die „die Herausbildung der einzigartigen Person ausgehend von der neuronalen Matrix ermöglicht und kennzeichnet.“[3] Auch diese ist ihrem Wesen nach dialektisch und ihre beiden Pole sind Kontinuität und Zerstörung – wobei nur durch letztere etwas Neues entstehen kann, da notwendigerweise für die Entstehung einer neuen Form die alte zunächst zerstört werden muss. Die Identität eines Menschen konstituiert sich nun dadurch, dass sie auf der einen Seite aufrechterhalten wird, aber auf der anderen Seite permanent der Bedrohung ausgesetzt ist, durch äußere Einflüsse zerstört zu werden. Durch diese Spannung ist eine Entwicklung begründet, die Kreativität und Freiheit erst möglich macht. Nur an der Grenzlinie der drohenden Zerstörung formt sich das Selbst ausgehend von der Vernichtung der Form. Die Identität ist damit immer brüchig und vulnerabel, wie das Gehirn selbst.

Dieses zerstörerische Potential der Plastizität denkt sie in ihrem Buch Ontologie des Akzidentiellen sehr konsequent weiter. Traumata, Gehirnverletzungen oder andere Einflüsse können zu einer derart radikalen Veränderung der Identität einer Person führen, dass diese Person mit ihrer bisherigen Identität nichts mehr gemein hat. Der/die Betroffene wäre vollständig von sich und seiner/ihrer Biographie losgelöst. Da diese Veränderung aber so radikal ist, hat sie für die Betroffenen keine Bedeutung mehr und sie reagieren daher mit einer absoluten Gleichgültigkeit.

Auch in den Überlegungen zu Alter und Sterben verfolgt Malabou diese Argumentationslinie. Denn durch das Altern, das auch das Gehirn betrifft, wird es durch die Fähigkeit zur Plastizität so tief verändert, dass sich seine Identität vollständig in eine andere auflöst. Für Malabou scheint es daher keinen eigentlichen Identitätskern zu geben. Das, was Identität genannt wird, verändert sich damit in jedem Moment, in jeder Sekunde, immer ein klein wenig. Indirekt veranschaulichen lässt sich dies auch nochmals mit Blick auf die Aktivität des Gehirns, dessen Zustände und Verknüpfungen sich aufgrund der Fähigkeit zur Neuroplastizität permanent verändern. Sicherlich hat sie damit recht, dass der Mensch zeit seines Lebens von inneren und äußeren Bedingungen beeinflusst wird und sich seine Identität dadurch immer wieder ändert. Dies wird aber oft nicht wahrgenommen, weil die Plastizität selbst eben unsere Lebenswirklichkeit ist.

[1]          Als kleine Randnotiz: Algerien war lange Zeit eine Kolonie Frankreichs, bis es 1959 zum Algerienkrieg kam, der bis 1962 anhielt. Malabous Geburtsort war zudem ein Stützpunkt der französischen Fremdenlegion.

[2]          1. Die genetisch determinierte Entwicklung des Gehirns, 2. die Modulation des Gehirns durch die äußeren Einflüsse und 3.das Heilungsvermögen des Gehirns.

[3]          Malabou 2006,102.

Literatur:

Malabou, Catherine: Was tun mit unserem Gehirn?, diaphanes, Zürich – Berlin 2006.

Malabou, Catherine: Ontologie des Akzidentiellen. Über die zerstörerische Plastizität des Gehirns, Merve, Berlin 2011.

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