Horváth – ein Existenzialist?

Eine Theaterkritik.

Ich leb und weiß nicht wie lang,
ich sterb und weiß nicht wann,
ich fahr und weiß nicht wohin,
mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

Elisabeth ist ganz offensichtlich unten angekommen. Zigarettenstummel aus dem Mülleimer rauchend steht sie vor dem anatomischen Institut und will Ihre Leiche verkaufen. Selbstverständlich noch zu Lebzeiten, damit sie das Geld zur Tilgung einer Strafe verwenden kann: sie hatte ohne Wandergewerbeschein gearbeitet. Wer Geld braucht, muss arbeiten, aber wer arbeiten will, braucht Geld. Elisabeth lässt sich dadurch ihre Hoffnung nicht nehmen. Genauso spielerisch, wie sie zu Beginn des Stücks durch Regenpfützen gehüpft ist, schafft sie es mit einer leichten Verdrehung der Wahrheit, dem anatomischen Präparator 150 Mark abzuluchsen und erneut an der Lotterie der Chancen zu kurbeln. Sie findet Anstellung. In einem Miederwarenladen. Ihre Entblößung hört nicht auf, ihr Pech auch nicht. Vor der mit aggressiver Weiblichkeit bestückten Irene Prantl buckelnd, kommt die Kamelle wieder hoch, der Präparator erfährt von der tatsächlichen Verwendung seines Geldes, Elisabeth wird gefeuert und darf für vierzehn Tage ins Gefängnis. In ähnlicher Manier geht das Stück weiter: Elisabeth gibt die Hoffnung nicht auf, „lässt es sich nicht nehmen, dass sie doch auch einmal Glück haben wird“ – verliebt sich, heiratet, kommt in sichere Verhältnisse. Und wird immer aufs Neue enttäuscht, verlassen, stürzt in eine Abwärtsspirale, in der sich niemand um sie kümmert, jeder sie beschuldigt, alle sie alleine lassen. Noch nicht einmal der Selbstmord wird ihr leicht gemacht: aus dem Wasser wird sie rausgefischt. Es ist ein starker Moment des Stückes: die Beteiligten stehen um die triefende Elisabeth herum, der Präparator erkennt die vermeintlich Tote wieder. Er zeigt Reue, bezichtigt sich, zeigt sich als ihr Mörder an. Doch bei ihrer ersten Regung geht das Spiel von vorne los: Noch in ihrer Ausflucht ist Elisabeth, die Hure, das leichte Mädchen, unmoralisch: Der Freitod ist verboten! Und wieder ist sie schuldig. Und wieder allein. Nicht umsonst untertitelte Horváth das Stück als „Kleiner Totentanz.“

Dessen Inszenierung ist gelungen, die schauspielerische Leistung großartig. Valerie Pachner spielt eine verletzliche, als Spielball hin- und hergeworfene Elisabeth, die trotz allem nicht aufhört, zu glauben und das Leben zu lieben. Und die, an diesem Leben leidend, nach und nach doch ihre Prinzipien aufgeben muss. Die Szenen, in denen sie ihre Würde verliert, in denen sie sich in einer Strip Bar verdingt, es einem schmierigen Baron, fettige Haare, Bierbauch, mit der Hand machen muss, dafür die Geldscheine mit Spucke ins Gesicht geklebt bekommt, sind nahe an der Schmerzgrenze. Es ist fast unmöglich, nicht mitzufühlen – das gilt auch, wenn sich die Träume stellenweise mal erfüllen, alles gut zu gehen scheint. In manchen Momenten läuft das Stück zwar Gefahr, in den Kitsch abzugleiten. Da ist ein Wutausbruch zu laut, die Musik zu schmachtend, der Ausweg des Selbstmordes vor lauter Sternentalerromantik doch etwas zu lyrisch. Aber im Großen und Ganzen bleibt die Regie von David Bösch souverän und setzt die richtigen Akzente. Die behördliche Formularwüste vor Gericht lässt Kafka anklingen. Und Horváths Portrait des miefigen Kleinbürgertums erinnert durchaus an den ebenfalls schwarzhumorigen, bitterbösen Günther Grass.

Es tat der politischen Kraft des Stückes gut, nicht zwanghaft in ein neues Gewand gesteckt zu werden. Ähnlich wie Grass in seiner Blechtrommel lässt auch Horváth in seinen Stücken, in „Kasimir und Karoline“ oder „Geschichten aus dem Wienerwald“ immer wieder durchblicken, dass der Aufstieg der Nazis in erster Linie eine Sternstunde der Spießbürger war. Da darf der Schutzpolizist, vom Obermeister normalerweise untergebuttert, endlich ungezwungen Fantasien in seine Marschmusik projizieren. Und der Kleinwarenhändler von Nebenan – jetzt sind wir in Danzig – bekommt auch sein Kuchenstück vom großen Ruhm des Volkes. Es ist eine große Stärke von Horváth, dass man zweimal hinschaut. Dieser autoritäre, dieser selbstsüchtige, rücksichtloslose Mief: wo genau finden wir den eigentlich heute? Und es ist eine große Stärke von David Bösch, uns keine vorgekaute Antwort vorzusetzen.

Trotzdem bleibt nach Ende des Stücks ein fader Beigeschmack. Wenn Elisabeth zerbrechlich auf der Bühne steht und fragt, wer denn hier für sie zuständig ist. Was Gott mit ihr vorhat. Dass sie endlich mal den Zuständigen sprechen will, und fragen: Wozu das alles? Wozu all ihr Leid, ihre zertrümmerten Hoffnungen? Es ist nicht zu verhindern, dass sich da ein gewisses Gefühl einstellt, dass es hier um mehr ginge – nicht bloß um politischen Verve, um Kritik an einer schonungslosen Gesellschaft, um das Offenlegen der Zwischenkriegsmentalität. Sondern, dass da ein Menschheitsthema verhandelt wird. Und dann kommt ein beunruhigender Gedanke auf: was wäre eigentlich, wenn Horváth nicht mit Figuren des Prekariats inszeniert würde? Sondern auf der Vorstandsetage, mit Personen, die nicht in ihrer Existenzgrundlage gefährdet sind, die nach außen erfolgreich und abgeklärt scheinen? Wäre die Verzweiflung eventuell dieselbe?

Horváth würde das sicher verneinen. Bei ihm würde sich Elisabeth nicht umbringen, „hätt‘ sie doch nur Brot.“ Aber was, wenn die Träume, die auf Vorstandsetagen zerbrechen, Menschen in exakt die gleiche Verzweiflung stürzen? Könnten wir uns nicht auch eine Abwärtsspirale von Elisabeth als Managerin vorstellen, die ohne jede leibliche Not genauso allein gelassen wird, genauso sehr die Sinnfrage stellt, mit dem gleichen Nachdruck fordert „endlich mal den Zuständigen zu sprechen?“ Das wäre zum einen ein sehr interessantes Theaterprojekt. Zum anderen wirft es eine entscheidende philosophische Frage auf.

Lässt sich das Leiden der Menschen auf gesellschaftliche Umstände zurückführen? Lässt es sich verringern, wenn man Elisabeth nur genug Brot, Sicherheit, Wärme gibt? Oder ist das Leiden dem Menschen etwas ganz Eigenes, etwas, das sich nie durch noch so viel Brot, noch bessere Arbeitsgesetze, noch höheres Gehalt wirklich auslöschen lässt? Es fühlt sich fast häretisch an, intuitiv zu Letzterem zu tendieren. Denn das bedeutete ja, dass man sich um Verbesserungen, um sozialen Fortschritt, um Brot und Wärme nicht zu kümmern braucht. Ganz fatalistisch könnte man Elisabeth bei ihrem Selbstmord betrachten, in dem Bewusstsein, dass jede weitere Mark ihr bei der Bekämpfung der existenziellen Sinnfrage gar nicht hilft, und ihr deswegen auch keine angeboten werden braucht. Das fühlt sich aber schlichtweg so falsch an, dass wir, sollte unsere Hilfe tatsächlich gefordert sein, wohl niemals einen Fatalismus erwögen.

Aber der fade Beigeschmack bleibt. Vor allem, weil Horváth die Angst, die Verbitterung, die Trauer der Menschen so unglaublich eindrücklich nachzeichnen kann. Nicht nur bezogen auf das Jahr 1932, sondern allgemein, auf die Lebenssituationen normaler Menschen. Und wir uns fragen: was, wenn all die Erleichterungen, all die Vereinfachungen des Lebens, die seitdem stattgefunden haben, doch nur übertünchen, dass die gleiche, furchterregende, schnöde Verzweiflung am Dasein, die Elisabeth in den Selbstmord trieb, auch uns stets gegenwärtig ist. Und dass wir es in Zukunft, was immer wir unternehmen, nicht besser machen können.

Bildquelle: https://www.residenztheater.de/inszenierung/glaube-liebe-hoffnung

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