Vom Leben und Sterben einer Schneeflocke

Vor vielen Jahren hatte ich in einem Wahlfach den Auftrag, etwas zu verfassen. Es sollte um den Winter gehen.  Jetzt fragt man sich, was zum Winter passen könnte. Und die Antwort liegt zumindest in Alpennähe auf der Hand: Schnee. Jetzt kann man nicht sagen, dass man Schnee nicht ohne Winter oder Winter nicht ohne Schnee denken kann. Denn auch in anderes Jahreszeiten kann es schneien und Winter können auch schneelos bleiben. Das sind jedoch Ausnahmen und somit irrelevant für die Schreibidee.

Ich beginne also, über das Subjekt meiner Geschichte nachzudenken. Und ich entschließe mich ziemlich schnell, dass es eine Schneeflocke wäre. Zunächst ist die Flocke hoch im Himmel, dann fällt sie auf die Welt hinab, und das wäre der Anstoß für die Abenteuer der Schneeflocke auf der Erdkugel.

Die Schneeflocke wird also geformt und bildet ab einem bestimmten, aber uns nicht bekannten Zeitpunkt ein Bewusstsein. Das ist großartig. Denn erst wenn die Schneeflocke ein Bewusstsein hat, kann eine Geschichte über sie entstehen. Geschrieben wird immerhin aus ihrer Perspektive. Was kann sie uns berichten? Sie muss in der Lage sein, eigene Gedanken zu formulieren. Es gäbe sonst auch keinen Grund, ihr ein Bewusstsein zu verleihen. Zusätzlich muss ich festlegen, welche Sinne so eine Schneeflocke hätte. Das bedeutet: worüber ich schreiben will. Sie muss sehen können. Ansonsten könnte ich ziemlich wenig über ihre Abenteuer sagen. Auch das Hören steht zur Debatte. Es ist zwar eine Erweiterung des Erlebens, wenn die Flocke hören kann, was um sie herum passiert. Aber hört sie die Umgebung exakt so, wie wir sie hören? Oder ist der Klang durch den Größenunterschied verändert? 

Riechen würde ich weglassen, da ich diese Sinneseindrücke nicht beschreiben will, und ich auch nicht den Geruch von Schlamm oder viel Schlimmerem beschreiben will. Schmecken braucht sie nicht, denn sie braucht keine Nahrung zum Überleben. Sie hat keinen Tastsinn, aber Emotionen. Ansonsten ließen sich ihre Erlebnisse schildern wie in einem Protokoll.

Ich beginne also zu schreiben. Die Schneeflocke hat ein Bewusstsein und beginnt ihre Umgebung zu sehen. Es ergibt sich allerdings folgendes Problem. Ich will die Felder und Städte beschreiben. Woher kennt die Schneeflocke Farben? Oder anders formuliert: in welcher Weise ist die Schneeflocke in der Lage, Gegenstände beschreiben zu können, wenn sie diese jetzt zum ersten Mal sieht und nie eine Sprache erlernt hat?

Andere Schreiber würden vermutlich daran keinen Gedanken verschwenden und einfach weiterschreiben. Ich eigentlich nicht, denn die Sprachbarriere lässt sich nicht überwinden. Aber ich gebe auf und entscheide mich für den billigen Taschenspielertrick, dass die Schneeflocke Gedanken halt in einer ihr innewohnenden Sprache formuliert. Und durch diese auch über Farben und einige Objekte reden kann.

Wir lassen sie also vom Himmel fallen und schauen, wo sie landet. Auf der Kleidung lebt sie, bis sie der Verdunstung zum Opfer fällt. Auf dem Boden ist es etwas komplizierter. Sie ist nicht die einzige Schneeflocke am Boden. Können Schneeflocken untereinander kommunizieren? Dazu müssten sie sich gegenseitig hören können. Und erkennen sie überhaupt, dass sie alle gleich sind? Wenn sie entstehen, dann sehen sie die anderen Flocken um sich herum. Können sie daraus schließen, auch selbst eine Schneeflocke zu sein? Die Antwort dazu lautet: Sie wissen es schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.

Wir kommen zurück zur Frage, ob und wie sie sich untereinander hören können. Den Begriff „hören“ habe ich hier etwas ungenau verwendet. Es gibt nämlich auch Methoden, sich ohne den Hörsinn zu verständigen. Dazu zählen Gebärdensprache oder auch schriftliche Mitteilungen wie Briefe und der Gruppenchat. Sie können sich selbst nicht manipulieren. Schreiben können sie auch nicht. Zum Sprechen benötigt sie einen Sprachapparat und das ist mir zu kompliziert. Telepathie ist keine Option, weil das in Gebiete dringt, die ich in der Geschichte nicht behandeln möchte. Die Schneeflocken sind also dazu verdammt, auf ewig in Isolation zu leben.

Was kann die Schneeflocke auf dem Boden beschreiben? Wenn sie eine der Ersten dort ist: den Boden und dann die Umgebung. Wenn nicht und bereits eine Schneeschicht vorhanden ist: dann fällt die Beschreibung des Bodens weg. Nach und nach wird sie von weiterem Schnee begraben und dann gibt es nichts mehr.

Jetzt taut’s. Die Schneeflocken sind nicht mehr Individuen, sondern eine Wassermasse. Das macht die Sache komplizierter als sie ohnehin schon ist. Jeder einzelnen Schneeflocke ein Bewusstsein zu geben, war ziemlich einfach. Wir hatten stets ein einziges Gebilde mit definierten Grenzen. Das Wasser hat diesen Vorteil nicht. Es gibt die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten oder vielleicht auch dreien. 

Die erste wäre, dass durch das Tauen die Schneeflocken ihr Bewusstsein verlieren, und es jetzt nur das Superbewusstsein des Wassers gibt. Das stellt uns vor ein neues Problem: Wie formt sich dieses Bewusstsein? Eine zweite Möglichkeit wäre, dass das Bewusstsein jeder einzelnen Schneeflocke bestehen bleibt. Jetzt besteht das Problem, dass es keine Grenzen gibt, die anzeigen, wann eine Bewusstseinseinheit beginnt und wann sie endet. Die Lösung ist, dass die Mindestmenge an Wassermolekülen, die für die Bewusstseinsformung essentiell waren, jetzt die Ausbreitung des Bewusstseins innerhalb des Wassers darstellen. Das Bewusstsein hat nun das Potenzial, seinen Standort zu ändern. Dazu ändert es einfach die Moleküle, die für das Bewusstsein wichtig sind. Die dritte Variante wäre die Kombination der beiden Lösungen. In diesem Fall würde ich das Überbewusstsein ignorieren und entsprechend Variante zwei fortfahren.

Die Vereisung habe ich nicht behandelt, weil sie meiner Meinung nach ähnlich verläuft wie das Schmelzen.

Jetzt haben wir Wasser. Was machen wir damit? Es sickert ab. Irgendwann erreichen wir eine Quelle und läuft in einen Fluss. Dieser Fluss mündet irgendwo. Der Standort bereitet wenige Probleme. Sollte das Wasser aber der Bewässerung dienen, könnte es schwierig werden. Zum Beispiel, wenn auch Pflanzen oder Früchte über ein Bewusstsein verfügen. Aber dann könnte ich argumentieren, dass es sich so verhält wie mit der getauten Schneemasse selbst, die ein Überbewusstsein hat. Das Wasser könnte noch in Form der Nahrung gegessen und ausgeschieden werden. Oder über die Verdauung in den Blutkreislauf geraten. Wenn es im See oder im Meer oder sogar Ozean landet, ist es trivial. Das Bewusstsein ist dort eines von vielen und bleibt in dieser Form, bis es verdunstet.

So wird es langsam erkennbar, dass egal in welchen Aggregatzustand ich die Schneeflocke überführe, ich ihr Bewusstsein über kurz oder lang außerhalb ihrer selbst ansiedeln muss. Es stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt in der Masse aller potenziell beschreibbaren Dinge einen Platz, der nicht über kurz oder lang durch das Bewusstsein der Schneeflocke beschrieben werden kann? 

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