Zur Dialektik¹ von ‘einfach’

Alles ist einfach. Nichts ist einfach.

Nimmt man den Satz ‚Weil einfach einfach einfach ist.‘ unabhängig davon, worauf seine Begründung abzielen soll, auseinander, wird in ihm gesagt, dass ‚einfach‘ gleich ‚einfach‘ sei und dies auf eine einfache Art und Weise. Man könnte, wenn man irgendeinen Sinn darin sehen oder konstruieren möchte, folgende Ebenen trennen, um einer Tautologie zu entkommen: Einfachheit als Konzept oder ein einfaches Konzept sei auch in seiner Performanz einfach. Und die Erkenntnis dessen eine einfach zu findende. Das halte ich in den meisten Fällen für falsch, um nicht zu sagen für zu einfach.

Man nehme beispielsweise die Formel E=mc². Ein wahnsinnig einfaches Konzept: Die Energie ist äquivalent zum Produkt aus der Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat und der Masse. Die Aussage und die in ihr enthaltenen Begriffe sind beinahe jedem verständlich und zugänglich, während schon die Vorstellung oder Anwendung dieser Formel (Womit ich nicht das bloße Einsetzen von entsprechenden Werten in den Taschenrechner meine.) wenigen Experten vorbehalten ist und es nur einen gab, der sie (zum ersten Mal) erkannt hat.

Ginge man nun – analog dazu – davon aus, dass das Leben letztlich eine sehr einfache Sache sei und es zu einem glücklichen Leben nichts weiter brauche, als – beispielsweise – Ernährung, Sicherheit, Freiheit und Liebe. Dann kann schon diese Erkenntnis dessen, was einen (oder gar alle) wirklich (gemeinschaftlich) glücklich macht, sehr kompliziert sein. Und selbst wenn man, am unstrittigen Beispiel der Ernährung, etwas gefunden hätte, das notwendigerweise für das Glück eines*einer jeden eine Voraussetzung ist, scheitert schon die bloße Verteilung von Grundnahrungsmitteln für jeden Menschen weltweit tagtäglich an der Umsetzung.

Wer also die einfache Erkenntnis hatte, dass das Leben doch eine einfache Sache sei, hat einfach noch gar nichts erreicht.

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Den Text verfasste Lennart Mehrwald für das Programmheft seiner Inszenierung ‚ISI‘, die am 4. Juli Uraufführung an der studiobuehnekoeln feiern wird, zu der er alle Funzel Leser*innen herzlich einlädt. Er wird hier unverändert zitiert. Es handelt sich nicht um einen dezidiert philosophischen Aufsatz.

 

¹Der Autor weist darauf hin, dass er das Wort ‚Dialektik‘ nur verwendet hat, weil er es fancy findet und nicht weil es tatsächlich im folgenden um irgendetwas Dialektisches ginge. Tatsächlich wird dieses Wort häufig aus genau diesem Grund verwendet.

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