Friedrich Liechtenstein

Ein Portrait

Von denen, die Friedrich Liechtenstein kennen, können sich die meisten wahrscheinlich nur an einen Werbespot erinnern, der vor einigen Jahren mal erfolgreich war. Da geht die Story so: ein sehr gut frisierter, älterer Herr im Anzug tanzt durch einen Edeka-Markt und sagt Sachen wie: „Uh, guck mal hier. Sehr, sehr geiler Dorsch.“ Und: „Supergeil, supergeil.“ Das Video ging viral. Für einige Monate dancten Halbwüchsige durch die Republik und kicherten sich halbtot bei Sachen wie: „Uh, hier, Klopapier. Sehr, sehr geil.“ Das war einer dieser Momente, in denen Friedrich Liechtenstein viel Geld verdiente, sich aber auch fast selbst zerstört hätte. Denn neben Werbefritzen und den neuen Freunden vom Privatfernsehen hat Liechtenstein auch noch einen älteren Bekanntenkreis. Und da geht die Story anders. Da ist Friedrich Liechtenstein ein Mythos. Ein Dandy, der in den 90er Jahren brandenburgischen Waldseen entstieg und im Dadaismus von Berlin Mitte versank. Ein Gogo-Dancer. Ein Abgrund aus Melancholie und Glamour, ein europäischer Nachtzugreisender, ein Salon-Anarchist. Andere würden sagen: der mondänste Mann der deutschen elektronischen Musik. Er selbst vielleicht: eine Erinnerung an den milchigen Schleier des Mondes – vor den Altbauten der Hauptstadt.

Es gibt also zwei Geschichten. Wenn Friedrich sie erzählt, spielt sie zwischen Tänzerinnen der Blue Belle Group, zwischen hellblauen, weiß abgesetzte Oktagonpavillons und unbeleuchteten Pools, zwischen Biarritz und Brüssel. Er heißt dann Delphin Man, wird in unterirdischen Freimaurerlogen verprügelt, sammelt in Bocciasälen Kugeln auf, wenn sie hinter die Bande springen, stirbt schließlich und macht Platz für sein zweites Ich. Wenn es nicht Friedrich ist, der erzählt, dann klingt die Story wieder anders. Dann arbeitet Liechtenstein, 1956 geboren in Eisenhüttenstadt, jahrelang in der DDR als Puppenspieler. Nach der Wende geht er nach Berlin und begründet einen Musikstil, den man beim Singen irgendwie dahinhauchen muss, der mit Nostalgie und Glanz die Insel der Schönheit und Jugend bespricht, der irgendwo zwischen Pan American Airways und Campingplatz die Sommer vergessener Jugenderinnerungen einholt. Flauschige Beats und einsame Saxophonklänge bauen hier die Erwartung auf, dass Songs im Autoradio noch eine ganz andere Bedeutung haben – genauso wie alte Überschriften der New York Times, Badeseen oder Tankstellen. Man muss dafür nicht, wie Liechtenstein, auf Arte und Tele5 über die erotische Anziehungskraft von Algen sprechen. Es genügt, zuzuhören und die Zeit totzuschlagen. Denn: Sie hat provoziert / Sie ist vergangen / und nichts ist passiert.

Kurz nach der Edeka-Werbung launcht Liechtenstein dann mit Bad Gastein ein Album, das die Connaisseure befriedigt und sonstige Erwartungen grandios enttäuscht. Nach oben fließende Wasserfälle, verstaubte Grand Hotels, ein Sound, der 80er Jahre Disco und Kammerorchester kombiniert. Das Album examiniert die vergessene Grandezza des österreichischen Kurorts in den Alpen und zelebriert die mondäne Einsamkeit zerfallender Paläste. Das Feuilleton lobt es als „erzählerisches Epos“, als „Monolith“. Liechtenstein, aristokratisch in Badewannen liegend, zitiert Falco, Italo-Pop, Kraftwerk, Tom Waits und Louis Armstrong. Er erzählt von seiner Reise ins Badeschloss, vom Regen im Park, davon, wie wir Rücken an Rücken gelbe Jo-Jos festhalten. Er weiß, wir sind auf dieser Welt, um die falschen Frauen zu lieben. Und er weiß auch: Wer sich durch Bad Gastein durchgehört hat, ist made for the future.

In den letzten Jahren hat sich Liechtenstein so eine kleine, aber feine Gemeinde geschaffen. Und 2017 ein neues Album rausgebracht. Es heißt Ich bin dein Radio und ist eine Neuauflage eleganter Beats aus seiner Zeit in Berlin. Ein bisschen verträumt, ein bisschen Potsdam, ein bisschen Strandpromenade. Sicherlich kann das jederzeit eine Orgie werden. Oder, wie Liechtenstein es selbst sagen würde: I’m a loser / I’m a fool / but deep in my mind / I’m making Sex with you.

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