Bologna und die Tropen

Versuch einer Bestimmung des doppelten Begriffes von Bildung im gesellschaftlichen Diskurs nebst einer unerwarteten Konsequenz hinsichtlich der Motivation zu Bildungsprozessen.

  1. Bologna und die Tropen – Überhitzung einer gesellschaftlichen Debatte

Die Bologna-Reform begeht dieses Jahr ihren 20.Geburtstag („Sorbonne-Erklärung“ vom 25.05.1998). Ein Grund zum Feiern? Ja, sagen die Einen. Nein, sagen die Anderen. Es gibt wohl wenige Reformen, die auch 20 Jahre nach ihrer Durchführung noch so umstritten sind wie die Bologna-Reform. Die Angleichung der deutschen Universitäten und Hochschulen an das europäische Umfeld und der damit verbundene Versuch, einen europäischen Hochschulraum zu erschaffen, wird auf der einen Seite als Verlust einer über Jahrhunderte gewachsenen und zutiefst in der Gesellschaft verwurzelten Tradition beklagt, auf der anderen Seite als Gewinn an Internationalität, Flexibilität und Effizienz gelobt. Dabei scheinen die Fronten unversöhnlich und verhärtet. In der ZEIT findet sich dieser Tage ein Lobeshymnus auf Bologna: „An der Situation der Studenten lässt sich der Erfolg von Bologna denn auch ablesen. Im Gegensatz zur meist empiriefreien Kritik manifestiert er sich in Zahlen…“ (ZEIT 17.05.2018, 67). Auf der anderen Seite wird Kritik laut, formuliert u.a. durch Intellektuelle wie Julian Nida-Rümelin, der vor „Verschulung und Ökonomisierung der akademischen Bildung“ (ZEIT 17.05.2018, 67) warnt und eine „Krise beruflicher und akademischer Bildung“ (so der Untertitel seiner Veröffentlichung Der Akademisierungswahn) diagnostiziert. Wer sich in die gesellschaftliche Debatte einarbeitet, kann leicht den Eindruck bekommen, dass hier ein Diskurs heiß gelaufen ist, dass überhaupt nicht um ein und dieselbe Sache gestritten wird – so weit liegen die Meinungen auseinander. Doch Moment mal: Werden hier vielleicht tatsächlich zwei verschiedene Sachverhalte unter einem Etikett verhandelt?

  1. Vor Hitze doppelt sehen? – Begriffsklärung: Der doppelte Bildungsbegriff

Im Schatten der Bäume betrieb schon Platon auf der Agora in Athen Philosophie als Begriffsklärung. Dem folgend soll hier der Versuch unternommen werden, den Begriff ‚Bildung‘ im gesellschaftlichen Diskurs aufzuklären – in der Hoffnung, nicht in die Aporie zu stürzen, sondern mit einem „Jawohl, mein Lieber, das sagst du ganz recht“ enden zu können. Die These dieses Artikels lautet daher: ‚Bildung‘ wird in den derzeitigen Debatten in einem doppelten Sinne verwendet. Diese beiden Verwendungsweisen des Begriffes bezeichnen eine unterschiedliche Realität. Kein Wunder, dass der gesellschaftliche Diskurs in tropischer Weise überhitzt! In den Zeitungen findet sich vorwiegend ein soziologisch-empirischer Begriff von ‚Bildung‘. Werfen wir dazu noch einmal einen Blick in die ZEIT: „Nicht nur das Bildungsniveau steigt von einer Kohorte zur nächsten, sondern auch die Zahl qualifizierter Berufe. Und ein Gegentrend ist nicht absehbar. Die Akademikerquote geht weiter nach oben […].“ (ZEIT 09.05.2018, 36.) Offensichtlich wird hier vom Begriff der ‚Bildung‘ Gebrauch gemacht. Argumente für ein steigendes Bildungsniveau werden aus empirisch-soziologischen Studien gewonnen. Dabei wird eine Korrelation zwischen einem akademischen Abschluss und dem Bildungsniveau postuliert; dieser Zusammenhang zwischen Abschluss und Bildung wird aber nicht weiter erläutert. Dass diese Korrelation keineswegs so notwendig ist, wie es zunächst scheinen möchte, das lässt sich mit einem einfachen Gedankenexperiment zeigen. Bedienen wir uns dazu der guten alten „möglichen Welten“: Wir können uns eine mögliche Welt vorstellen, in der alle BewohnerInnen dieser Welt denselben akademischen Abschluss machen. Dennoch würden wir wohl kaum sagen, dass alle Menschen dieser Welt in der gleichen Weise gebildet sind, auch wenn sie formal den gleichen Abschluss besitzen. Es könnte ja bspw. sein, dass der Eine sich für die erforderlichen Prüfungen lediglich seines Kurzzeitgedächtnisses bedient hat, während ein Anderer über sein Langzeitgedächtnis lernt. Der Eine hätte alsbald wieder alles vergessen, womit er sein Kurzzeitgedächtnis ausgerüstet hat, der Andere behielte viel von den Inhalten, da er sie in seinem Langzeitgedächtnis abgelegt hat. Beide würden aber zum Zeitpunkt der Prüfung über dasselbe Wissen verfügen. Anhand dieses Experimentes zeigt sich: Ja, es gibt den „Chinese-Room“ [Hier geht’s zum Wikipedia-Artikel zum „Chinese-Room“] im Bildungsbereich. Ob jemand über Bildung verfügt – oder nicht. Ob jemand Zugang zu Bildung hat – oder nicht. Das lässt sich befriedigend weder über Abschlüsse noch über Prüfungen – also nicht von außerhalb des chinesischen Zimmers – feststellen.

Es scheint eine Welt hinter der Welt zu geben. Es scheint neben dem emprisch-soziologischen Bildungsbegriff noch einen zweiten Bildungsbegriff zu geben. Bildung ist offenbar noch etwas anderes als Zeugnisse und Prüfungen. Aber was ist Bildung denn noch? Professor Schmidt SJ spricht in dem Interview, das in der Funzel (Ausgabe Nr. 1) abgedruckt ist, von Bildung als einem „Prozess, sich zu formen, sich in eine Form zu bringen, die dem Menschen wirklich gemäß ist. In diesem Bildungsprozess eignet sich der Mensch die Welt an.“ Bildung hat offenbar etwas zu tun mit der Verbindung von Mensch und Umwelt, von Individuum und Gesellschaft, von Ich und dem Anderen. Der Latinist Manfred Fuhrmann gibt uns einen weiteren Hinweis: Wer versucht, ‚Bildung‘ in eine andere europäische Sprache zu übersetzen, der stößt auf die Schwierigkeit, dass es ein direktes Äquivalent dazu nicht gibt. Wer sich dennoch auf die Suche macht, der stößt in den entsprechenden Wörterbüchern auf die Begriffe ‚culture‘, ‚cultura‘ etc. Der Begriff der ‚Kultur‘ scheint demnach ganz eng mit ‚Bildung‘ verbunden zu sein. Und Fuhrmann bietet uns auch eine Interpretation an, wie diese beiden Begriffe zusammenhängen: ‚Bildung‘ ist die Form, in der die Individuen an der Kultur teilhaben (vgl. Fuhrmann 2006: Bildung. Europas kulturelle Identität, 36.). Wir sind also auf die zweite Verwendungsweise des Wortes ‚Bildung‘ gestoßen, deren Eckpunkte man etwa so umreißen könnte: Bildung in seinem prozesshaft-verknüpfenden Begriffe beschreibt ein prozesshaftes Fortschreiten der Verwirklichung von Kultur im einzelnen Subjekt. Der gesellschaftliche Diskurs wird weiterhin verhärtet bleiben, sofern diese zwei Begriffe desselben Ausdruckes ‚Bildung‘ nicht säuberlich getrennt und die dahinterliegenden Phänomene jeweils für sich gewürdigt werden.

  1. Zur Abkühlung eine unerwartete Konsequenz: doppelte Motivation für philosophische Beschäftigung

Doch ganz unabhängig von Weltverbesserung und gesellschaftspolitischem Diskurs: Was können wir als Hochschule tun, um in der nach-bolognesischen Epoche beide Begriffe von Bildung in unserer Beschäftigung mit Philosophie zu verwirklichen? Wie könnte ein kreativer Umgang mit den politischen Vorgaben für unser Philosophiestudium aussehen?

Dazu ein letzter Gedanke: Warum, d.h. aus welchem Grund und zu welchem Zweck, beschäftigst du dich mit Philosophie? Unter der Perspektive des empirisch-soziologischen Bildungsbegriffes würde die Antwort vielleicht lauten: Um den Abschluss zu bekommen und um die Prüfungen zu bestehen. Das ist die formale Motivation. Wer könnte leugnen, dass diese Motivation unter heutigen Studierenden übermächtig ist? Jedes Semester Prüfungen, das bedeutet: Die Motivation der Wissensaneignung zum Bestehen der entsprechenden Prüfungen durchdringt alle Studientage, ist omnipräsent und sonst – nichts? Der Zweck des Studierens soll gemäß den Vorgaben aus der Politik die Erlangung eines staatlich anerkannten Abschlusses sein und darüber hinaus – nichts?

Entsprechend dem zweiten, dem prozesshaft-verknüpfenden Bildungsbegriff lässt sich auch eine andere, eine zweite Motivation ableiten. Warum studierst du Philosophie? Die Antwort könnte vielleicht lauten: Um eine gebildete Existenz zu führen. Um mein Ich mit der Welt zu verknüpfen. Um abstrakte Kultur in mir als konkretem Individuum zu verwirklichen. Um mich selbst nach einem Bild zu formen. Wer auch auf diese Weise motiviert ist, studiert vermutlich anders. Wer von der Wurzel her nicht nur für den Abschluss, sondern auch für sich selbst und seine Verknüpfung mit der Welt studiert, der verhält sich anders und der betreibt Philosophie anders. Lassen wir uns diese genuin menschliche, diese freie Motivation nicht durch aus Prüfungsangst entspringender Motivation kaputt machen!

Mit der Bologna-Reform ist die Gefahr, beim Studium im „Chinese-Room“ zu sitzen, in bislang ungeahnter Weise gestiegen. Neben der Zeugnis-Motivation gibt es auch die eigene, die intrinsische, die von eigenen Interessen geleitete Freiheits-Motivation. Es stellt sich die Aufgabe, beide Begriffe von Motivation in der eigenen Person Wirklichkeit werden zu lassen. Das ist die neue Herausforderung, vor der wir in der Epoche nach Bologna in neuer Weise stehen. Als Hochschule, als Gemeinschaft von Studierenden, Dozierenden und Administrierenden, sollten wir uns dieser neuen Situation bewusstwerden und nicht zulassen, dass Vorgaben von außen als Keil zwischen uns treten. Neben dem doppelten Begriff der Bildung im gesellschaftlichen Diskurs gibt es einen doppelten Begriff der Motivation – trotz Bologna. Und beide haben ihr Recht. Bewahren wir sie uns!

3 Kommentare zu „Bologna und die Tropen

  1. Hmm… DIe Diskussion ist an mir bisher vorbeigegangen, Danke für deinen Text. Damit werde ich mich wohl näher befassen müssen. Es ist übrigens richtig, dass man Bildung nicht immer an ABschlüssen messen kann. Aber auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es einen anderen Weg gibt, Bildung zu messen. Wissen, welches in Prüfungen ja erforderlich ist, ist immer noch eine wichtige Voraussetzung für Bildung…

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  2. Zu dem Dauerthema „Bolognareform“ hast du mit deinem Artikel, aus meiner Sicht, das Kernproblem getroffen. Erfolge werden quantitativ begründet, Missstände qualitativ. Besonders stark fand ich deine Definition von dem prozesshaft-verknüpfenden Bildungsbegriff. Das war bei diesem komplexen Thema sehr konkretes ohne zu banalisieren. Freu mich auf deinen nächsten Artikel!

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  3. Interessant ist der Ausflug in Richtung intrinsische Motivation am Ende. Es ist bekannt, dass bestimmte externe Anreize die intrinsische Motivation verdrängen können. Ein Beispiel dafür bieten Lehrer: Sehr viele Lehrer haben eine starke instrinsische Motivation für ihren Beruf. Führt man nun eine Bezahlung nach Leistung ein, so wird dadurch die Leistung nicht erhöht. Vielmehr verdrängt der externe Anreiz (Geld) die ursprüngliche intrinsische Motivation.
    Es wäre nun interessant, wie es sich in den Bildungsinstitutionen verhält. Wird dort gerade massenhaft die intrinsische Motivation von Studenten verdrängt? Und das obwohl ja immer wieder gesagt wird, man solle doch das studieren, was einen interessiert und Spaß macht? Ich gehe davon aus, dass wir beide Arten der Motivation vorfinden können, sowohl über alle Studierenden hinweg als auch in jeder Person. Allerdings kann es durchaus sein, dass aktuell nur auf externe Anreize geachtet wird und dadurch wird denjenigen, die intrinisch motiviert sind, der Ansporn zur Bildung genommen. Bleibt abzuwarten, ob sich der Motivation von Studierenden und Anreizen in der Bildung gewidmet wird.

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