Jaques Palminger

Ein Portrait

Wer Heinz Strunk kennt, wird sich wundern, von Jaques Palminger noch nie gehört zu haben. Und wer mit Tocotronic, Fraktus oder dem Golden Pudel Club bislang nichts am Hut hatte, wird in einem feinen, neuen Kosmos versinken. Jaques Palminger ist der Dritte im Bunde mit Strunk und Rocko Schamoni, mit denen er in den späten 90ern das Studio Braun gegründet hatte. Es folgten Telefonstreiche, in denen Leuten Helikopter als Kettensägen verkauft wurden, bis Radiosender damit anfingen, das Format zu kopieren, womit Langeweile vorprogrammiert war.

Palmingers Debüt-Hörbuch aus dieser Zeit, den Einschlafgeschichten für Männer, folgte der erfolgreiche Diss-Track Henry Maske, bekannt für die einprägsamen Lines Henry Maske / Fick dich / Henry Maske!, in denen er dem Boxer vorwarf, seine Haut habe Angst vor Osmose. Aber Palminger überrascht. 2008 und 2009 veröffentlichte er zwei Alben, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da ist Mondo Cherry, aufgenommen mit den Kings of Dub Rock, schnoddriger als Elbschlamm und deswegen philharmonisch sexy. Mit stark tanzbaren Beats führt uns Palminger in sein Leben als Playboy in Saint-Tropez ein, besingt Ohren von Fremden und beknackte Österreicher. Damit spielt er nicht auf Falco an, sondern auf Feindbilder aus dem Norden, über die man wahrscheinlich südlich der Donau nichts weiß: Österreicher würden aus Hass Bäume abhacken, und Friseure umbringen – weil diese ja Haare abschneiden. Motive, die man aber durchaus bei Falco verorten kann, werden von Palminger mit Liebe zur simplen Dekadenzdichtung variiert, wenn er Drinks auf den Dächern von Tokio preist und singt: Eure Freiheit ist unser Untergang / und wir sind schon ganz weich / aus dem Mangel an Zwang. Bei Palminger, so heißt es später, reitet jeder auf weißen Elefanten.

Womit dann niemand rechnet, sind seichte Indie-Wohlfühlsongs. Aber genau ist das Programm der Songs of Joy, die Palminger ein Jahr danach herausbrachte. Manche sind dermaßen kitschig – (Kathrin und Lars / haben seit zwei Jahren Spaß / Du als Zimmermann / und ich als Industriekauffrau / Da kann man drauf bauen / das weiß ich ganz genau) – dass man sich fragt, ob man es hier nicht doch mit Ironie zu tun hat. Tatsächlich hatte Palminger per Zeitungsannonce ganz aktiv nach Laienlyrik gesucht und tonnenweise dilettantische Gedichte zugesandt bekommen. Diese vertonte er dann mit Carsten Meyer, besser bekannt als Erobique. Die Lieder sind albern wie Knittelverse, aber berühren in ihrer Unschuld und Naivität oft mit unerwarteter, ganz einfacher Schönheit:

Was ist die Großstadt / gegen die Freunde / Bei Finsterwalde / leben noch drei / Sie halten sich wacker / auf dem Parkplatz / und sehen den Autos / gen Süden nach.

Zu dieser Zeit hatten auch Strunk und Schamoni schon einige Bekanntheit erlangt: Strunk als Liebling des Feuilletons, seit 2004 sein Buch Fleisch ist mein Gemüse erschienen war, und Schamoni durch seinen Lütjenburg-Roman Dorfpunks. Die Traurigkeiten norddeutschen Provinzlebens inszenierte Schamoni dann auch 2008 am Hamburger Thalia-Theater. Und Schamoni half Helge Schneider bei der Produktion des letzten 00 Schneider-Filmes Im Wendekreis der Eidechse. Nicht so Jaques Palminger, der zwar mit Strunk und Schamoni weiterhin für das Studio Braun durch die Republik tourte, aber weder für DIE PARTEI als Oberbürgermeister kandidierte, noch für die Titanic schrieb. Was stattdessen folgte, war eine Wende zum Jazz. Palmingers 2012 erschienenes Album Jzz + Lyrk erinnert ein wenig an die Sprechgesänge von Kerouac zu den Solos von Charlie Parker. Aber es transformiert den Beat in eine surreale Prosa. Und die psychodelischen Klangcollagen sind hervorragend für laue Sommernächte geeignet. Palminger schwitzt in ihnen Bittermandel und Salat, und adaptiert que reste-t-il von Charles Trenet.

2016 ist ein neues Jazz-Album von ihm rausgekommen: Spanky und seine Freunde. Doppelbödig führt uns der Conférencier hier durch die Einsamkeit der Großstadt, durch die üblichen Psychosen und die Erotik von Handgranaten. Es funkeln die Sterne. Und es bleibt zu sagen: Sowohl für Schwabinger Beatniks als auch für Romantiker wird der Name Palminger eine Entdeckung sein.

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