Rekonstruktionen der Tropen.

Eine Vermessung.

Was haben die alte Ruinenstadt Angkor in der Mitte Indochinas und das sommerliche München miteinander zu tun? Nicht viel, auf den ersten Blick. An beiden Orten ist es heiß – und es wimmelt von Touristen. Dabei hat Angkor wahrscheinlich einen Vorteil. Leben tut dort niemand mehr. In der Nebensaison, wenn die Eskapaden abenteuerlustiger Amerikaner vorbei sind, müssen die Lianen und Tempel wahrscheinlich nur noch dem Gebrabbel einiger Lemuren lauschen. Das kann man vom deutschen Regenwald nicht behaupten. Zwar scheint es an manchen Sommertagen, als hätten auch hierzulande die Leute nicht besonders viel zu sagen. Aber wer nicht viel sagt, der sagt es leider meist sehr laut. Der Wille zur Bedeutung lässt dann Bedeutungslosigkeit zurück. Mit der Anstrengung, das eigentlich nicht Nötige noch einmal auf den Punkt zu bringen, wird ein ganz besonderer Anspruch aufgebaut, ein enigmatisches Suchen nach dem nicht vorhandenen Kern – ein verzweifelter Kampf um die Geltung der eigenen Aussage. Heiße Luft ist, auf den zweiten Blick, mehr als Inhaltsleere. Heiße Luft ist ein tragikomisches Schauspiel. Wir sehen die ewigen Zirkel verzweifelt hetzender Geister, wir bezeugen, wie nichts ausgesagt werden kann – obwohl da, tief im Inneren, doch etwas ausgesagt werden müsste. Was das ist? Wir wissen es nicht. Aber es kennzeichnet die ‚mal-aire‘ der Geisteswissenschaftler und Geisterjäger, die Tropische Topik, für die wir nun eine Kartographie anlegen möchten. Projektlaufzeit? 30 Schachteln Zigaretten. Kosten? Keine.

Eine Biosphäre heißer Luft sind selbstverständlich Podien. Da, wo die Debattenkultur verändert, wo Verantwortung übernommen, dieses und jenes auf den Weg gebracht wurde – wo das jetzt noch stärker in die Öffentlichkeit reingetragen werden muss! Wo wir noch mehr Mut brauchen, noch mehr wagen, noch mehr Argumentationsmuster durchbrechen müssen. Auf Podien ist vieles möglich. Auch Impulsvorträge. Da kann Sein zeiten. Da kann das intentionale Bewusstsein frei nach Husserl sogar in die trockensten Metaphernlehren der Savanne getragen werden, vielleicht kann es sogar einen Choral von Paul Gerhardt singen. Die alles entscheidende Konklusion verbirgt sich hinter der 30sten PowerPoint-Chart und den vier großen und vierzig verworfenen oder widerlegten oder zu widerlegenden Teilargumenten A1, 2 , 3 und 4 – selbstverständlich als Fließtext visualisiert. Es könnte aber auch sein, dass das tugendhaft schlummernde Fachpublikum erst nach einer ganzen Stunde Träume – voller französischem Naturalismus und, sagen wir, einer beeindruckenden Vielfalt von Phallussymbolen – die These kennt, die mit vorangegangener Komparatistik bewiesen werden sollte.

Da wäre auch noch das Auditorium, vielleicht irgendwann als die analoge Form des Online-Kommentarbereichs gepriesen. Wenn irgendwo Dampf abgelassen wird, dann hier. Im Rahmen einer aufwendig finanzierten Großveranstaltung. Da wird die Bevölkerung nicht mitgenommen. Da kommt das Thema Mensch bei all den Gesellschaftsdiskussionen zu kurz. Und da können endlich mal persönliche Erlebnisse ausgepackt werden! Die lang erwarteten Expertenempfehlungen. Dass da täglich draußen Menschen am Werk sind, die den absoluten Bürgerkrieg verhindern! Wenn die soziale Frage nicht gelöst wird, dann gibt es halt auch keine Energiewende. Aber, wenn alle Quellen versiegen und die Treuhandkasse aufgebraucht ist, naja, dann bleibt immer noch der kollektive Suizid, der gesellschaftliche Selbstmord – global gedacht. Vielleicht könnte man auch noch mal über Messinstrumente für Moleküle und Luftdruck reden. Und natürlich über die Zensur, Pardon, die Nettiquette.

Nur mittelbar gepöbelt wird dann bei Pressekonferenzen und im Parlament. Da kann begründet werden, warum wir jetzt diese globale Zolldebatte haben, dass all die Standards schon da sind, dass jetzt Maßnahmen folgen müssen, (und die Maßnahmen auch kommen!) und dass dazu jetzt eine neue Kommission eingerichtet und ein neuer Gesetzesentwurf eingebracht wurde, und nebenbei noch diese Klage beim BGH, weil ja die Klagen noch immer etwas vorangebracht haben, und dass das ein gutes Argument ist, das uns in unserer Hoffnung auf konkrete, als positiv zu bewertende Entwicklungen bestärkt, nun, man sagt ja auch, vom Ich zum Wir, vom Du zum Bier, wie auch immer.

Zu viele Mikrofone lassen die Signifikantenketten jedenfalls irgendwann wie ausgeleierte Sitzkissen erscheinen. Und die tropische Topographie ließe sich mit beeindruckender Detailtiefe fortsetzen. Nur: wie ist die heiße Luft zu bewerten? Ist sie der Dampf in den Zahnrädern des Denkens? Oder überhitzen die Floskeln die Synapsen? Wir verbinden mit ihr Gehaltlosigkeit. Und durch unsere Kritik erhitzen wir sie noch weiter. Es fehlt, so sagen wir, an intellektueller Tiefe, an überzeitlicher Verankerung. Womit sichern wir uns unseren Platz in der Geschichte, wenn wir nichts mehr verändern, keine neuen, ja, überhaupt keine Aussagen mehr treffen? Versinken wir nicht nur heute, sondern gar historisch im täglichen Klein-Klein der dahingleitenden Phrasen? Wann ersticken wir bei 100% Luftfeuchtigkeit durch verdunstenden Speichel auf permanent entblößten Zungen?

Zurück nach Indochina. Angkor erzählt eine ganz andere Geschichte. Bis 1431 soll das Zentrum des damaligen Khmer-Reiches eine blühende Handelsstadt gewesen sein. Dann hörte die Stadt einfach auf, zu existieren. Von ihr sind heute nur noch die Reste der gigantischen Steintempel übrig, die die Touristen und die Kletterpflanzen so sehr lieben. Aber wie konnte eine so einflussreiche Stadt „aufhören, zu existieren“? Und warum gerade 1431? Das Datum entstammt alten, unseriösen Dokumenten, die französischen Jesuiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Kolonisierung in die Hände fielen. Aber die meisten heute ausgewerteten Quellen legen nahe, dass Angkor damals nicht einfach so von der Bildfläche verschwand. Weder eine militärische Auseinandersetzung mit den Nachbarstaaten Thailand oder Vietnam, noch der langsame ökonomische Wandel können eine Erklärung bieten. Angkor war zwar ab 1431 nicht mehr die Hauptstadt des Khmer-Reiches. Aber man schaffte die Stadt mitnichten ab, nur weil das politische Zentrum sich verlagerte. Und archäologische Funde beweisen, dass sie noch lange nach 1431 bewohnt war.

Ein weiteres Mysterium tritt in das Blickfeld. Zum Zeitpunkt des vermeintlichen „Untergangs“ war Angkor schon für zweihundert Jahre der Schauplatz großer kultureller Veränderungen gewesen. Bereits gegen Ende des 12. Jahrhunderts schienen die Stadtbewohner davon abgekommen zu sein, besondere Spuren zu hinterlassen. Man hatte damals beispielsweise die gängige Praxis aufgegeben, wichtige Dokumente in Stein zu meißeln. Stattdessen hatte man angefangen, vor allem Palmblätter zum Schreiben zu verwenden, obwohl diese eine sehr viel kürzere Lebensdauer haben. Auch die beeindruckenden Tempel waren nicht mehr aus Stein erbaut worden, sondern aus Holz. Diese Holztempel widerstanden dem Zahn der Zeit ebenfalls viel schlechter. Weshalb dieser Umschwung? Die Bewohner von Angkor hätten sich Tempel und Dokumente aus Stein durchaus weiterhin leisten können. Ein Wandel der philosophischen Weltanschauung mag die Ursache gewesen sein. Denn seit dem 13. Jahrhundert hatte sich der Theravada-Buddhismus ausgebreitet und den damals etablierten Mahayana-Buddhismus verdrängt. Der Teravada-Buddhismus war bescheidener in seiner Auslebung und hatte kein Interesse an steinernen Monumenten. Stattdessen sollten religiöse Stätten und Schriften leichter, fragiler und wandelbarer sein.

Die Geschichte des Khmer-Reichs endete nicht in dieser Zeit. Sie hörte nur auf, in Stein erstarrt zu sein. Poetisch formuliert: Sie glitt von nun an auf dem Strom der Zeit entlang. Der kulturelle Wandel von Monumentalität und Überzeitlichkeit zum Pragmatischen und Dynamischen könnte eine ganz bewusste Entscheidung gewesen sein. Die Zeit ist eben ein Fluss, der uns irgendwann wieder verschluckt. Warum also versuchen, ihr zu trotzen?

Die fortwährende Produktion heißer Luft als reflektierten Umgang mit Vergänglichkeit zu deuten, hätte etwas Zynisches an sich. Schließlich sind die meisten, die vergessen haben, was sie vor drei Tagen getwittert haben, keine Buddhisten. Hinter den Pulten, wo mal wieder Grundsätzliches geklärt muss, wo wir das angehen sollten, obwohl wir alle die Abneigung gegen Systemdiskussionen kennen, wo eine gute Grundlage immerhin die Basis für ein solides Fundament ist, wo es viele Optionen gibt noch radikaler zu werden, die Dinge unbürokratisch zu bewältigen, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen, um etwas mehr Realismus zu bitten, das in der politischen Praxis umzusetzen, weil wir sonst schon wieder ganz woanders sind und weil wir sonst in zehn Jahren wieder hier sitzen, etwas ergraut, und feststellen müssen, dass sich überhaupt nichts verändert hat, wo das Instrumentarium zählt, wo wir ganz konkret fragen und dann auch ansetzen müssen – ohne je irgendwo anzudocken: Da gleiten zwar auch Phrasen in den ewig online brodelnden Debattenkesseln dahin. Aber sie laufen geradezu konträr zu jener gelassenen Haltung zur Vergänglichkeit, die die Khmer irgendwann eingenommen haben. Denn gegen diesen Willen, die eigene Aussage fortwährend bekräftigt wissen zu wollen, gegen diese gewisse Art der Geltungssucht haben sich die Khmer damals wahrscheinlich gewandt, als sie Steine durch das Holz ersetzten.

Nun ließe sich doch gerade aus der ständigen Reproduktion der floskelhaften Gegenwart ein optimistisches Verständnis für die Relativität unserer Gedanken ziehen. Es gilt nur, anzuerkennen, dass unsere Aussagen mit geringer Wahrscheinlichkeit so weltverändernd sind, wie wir von ihnen denken. Das befreit uns auch von dem Druck, für die nächsten drei Generationen mal wieder eine Kritik der reinen Vernunft neu in Stein meißeln zu müssen. Und mit dem Verständnis der Khmer, dass Schriften und Tempel im Hier und Jetzt ihren Zweck möglichst gut erfüllen sollen, könnten bestimmt auch notorische Phrasendrescher ihren Sätzen Bedeutung verleihen. Es geht ja schließlich nur um drei Fragen, die sich jede/r Diskutant/in einmal vor der Wortmeldung stellen sollte: Was bezwecke ich mit meiner Aussage? Wie sage ich es hier? Und, nicht zuletzt: Wie sage ich es jetzt?


Tizia Rosendorfer und Maximilian Priebe

 

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