Über Bento und den neuen Internetboulevard

Oder: Gebt uns 200 Jahre Humanismus zurück!

Jan Böhmermann hat im Oktober des Jahres 2017 im „Neo Magazin Royale“ einen Videoessay veröffentlicht, in dem er das Onlinejugendmagazin „Bento“ unter die Lupe nimmt. Das zum Spiegel gehörende Internetportal ist auf eine Zielgruppe von 18- bis 30-Jährigen ausgerichtet. Aber nicht nur der Spiegel hat ein Angebot für die Jugend. Auch die Süddeutsche Zeitung mit „Jetzt.de“ oder die Zeit mit „ze.tt“ hoffen, ihre Artikel an die junge, urbane, hippe, gelangweilte und irgendwie neonfarbene Generation X oder Y zu bringen, von der eh nie jemand so genau wusste, wie sie aussieht. Grob gesprochen sollen diese Jugendmagazine den Bedürfnissen eines jüngeren Publikums entsprechen, das eventuell noch nicht viel Erfahrung mit Zeitunglesen gemacht hat.

Böhmermanns Videoessay über Bento ist vernichtend. Bento sei „der Größte im Kinderpuff“ und ein Symptom dafür, dass der Qualitätsjournalismus ausstirbt. Seine Kritik ist aber nur teilweise gerechtfertigt. Immerhin scheint Bento seine Leser durch das Stellen der „richtigen Fragen“ zum kritischen Lesen bringen zu wollen. Alle Artikel sind unter den Reitern „Story“, „Meinung“, „News“ oder „Feed“ geordnet, neben Videos und Quizzen, von „Musik“ und „Gerechtigkeit“ bis hin zu „Haha“ oder „Grün“ durchgehashtaggt, und generell so konzipiert, dass kein Fließtext eine bestimmte Thematik behandelt, sondern Fragen beantwortet werden. Wenn zum Beispiel über ein bestimmtes politisches Ereignis berichtet wird, werden Fragen gestellt wie „Was ist passiert?“, „Wer war dabei?“, „Was ist der Hintergrund?“. Jede Frage wird kurz und bündig beantwortet. Davor wird immer in einem oder zwei Sätzen dargelegt, was genau passiert ist. Unter dem Reiter „Über uns“ erklärt die Redaktion, wie sie arbeitet und welche Textgattung welche Merkmale hat.

Der Stil der Artikel bei Bento ist stets locker und jugendlich, aber nicht so lapidar wie der Gonzo-Style bei der Vice. Genauso klar, wie über die Dinge berichtet wird, genauso klar ist auch die Interpretation der Ereignisse. Es handelt sich um ein moralisierendes Schreiben. So ist die Lektüre von Bento auf seichte Art erbaulich. Wie fein, dass Stephanie endlich aufhört, To-Do listen zu erstellen und sich selbst auszubeuten, sondern stattdessen Paolo Coelho liest. Wie gut, dass die neue Berliner Elterngeneration Kinder nicht nach herkömmlichen Genderrollen einkleidet. Das kann ein bisschen nerven. Aber dieser Moralismus stört deshalb nicht wirklich, weil gegen Dinge moralisiert wird, die wir tatsächlich als unmoralisch erachten: zum Beispiel Sexismus oder Fremdenfeindlichkeit.

Bento verfolgt ein Ziel, das viele andere Medien längst unter den Teppich gekehrt haben: nämlich voraussetzungslos zu schreiben. Wer die Zeit, die Süddeutsche oder die FAZ verstehen und auch genießen will, muss in einem Duktus sozialisiert sein, in dem gewisse Dinge ganz klar sind. Zum Beispiel, was Neoliberalismus heißt. Dass Wahlen in verschiedenen Ländern miteinander zusammenhängen. Oder dass es ideengeschichtliche Bewegungen gibt, die unsere Wirklichkeit prägen. Kurzum: Ein Leser der Zeit oder eine Leserin der Süddeutschen Zeitung stolpert nicht im Text, wenn Worte wie „Diskurs“ oder „internationaler Kapitalmarkt“ auftauchen. Dass wir bei der Lektüre der Sonntagszeitung diese Hürden mühelos überwinden (oder zumindest nicht zugeben, dass wir eigentlich nicht wissen, was Neoliberalismus genau bedeutet oder wie der internationale Kapitalmarkt funktioniert), ist auf unsere Bildungsvoraussetzungen zurückzuführen. Das ist kein großes Geheimnis, und es ist auch nicht schlimm. Wenn wir uns über Bento unterhalten, dürfen wir also nicht vergessen, dass es eines der wenigen Medienportale ist, die tatsächlich versuchen, so zu schreiben, dass Vorbildung nicht erforderlich ist. Grundsätzlich ist das ein enorm hehres und nobles Projekt. Und leider fällt dieser Aspekt bei Böhmermanns Bentokritik unter den Tisch.

Was aber bleibt von seiner Kritik? Neben klassischer Berichterstattung stehen bei Bento auch „lustige“ Videos und Quizze im Vordergrund, in denen Fragen abgehandelt werden wie „Was bedeuten diese Österreichischen Wörter?“, „Wie gut kennst du Angela Merkel?“ oder, Böhmermanns Lieblingsbeispiel: „Kannst du so schnell laufen wie ein Schwein?“ (Nein, kannst du nicht. Mittlerweile wurde das Quiz bestimmt auch wieder gelöscht.) Die Quizze sollen „lehrreich“, „witzig“ und „unterhaltsam“ sein. Tatsächlich verliert man sich mindestens eine Stunde (oder mehr) in dem Beantworten von Fragen und wenn man sich dann endlich losreißen kann, hat man meistens gar nichts gelernt. Diese Quizze scheinen die Katzenvideos als sinnlose Zeitfresser irgendwie abgelöst zu haben. Ironischerweise findet sich unter den Quizzen eines, das die Frage behandelt „Welcher Bürgerkrieg wärst du?“ (Wir sind die Ost-Ukraine.) Hinter dieser Rubrik“, die ganz selbstverständlich neben dem Reiter mit ernsthaften Artikeln steht, verbirgt sich ein viel tieferes Missverständnis.

Mit der Jugendlichkeit scheint es hier zu weit getrieben worden zu sein. Klar können, auch wenn wir Bentos Konkurrenten wie Watson betrachten, Quizze und Interviews mit angetrunkenen Redakteuren originell sein. Aber Jugend oder jugendlicher Journalismus bedeuteten doch eben nicht, einfach zeitfressendes Entertainment auf einem digitalen Nachrichtenportal anzubieten. „Jugendlich“ ist kein Synonym für „nicht ernsthaft“. Es liegt in der Natur der Jugend, noch nicht per Du mit Thomas Mann, Richard von Weizsäcker oder Simone de Beauvoir zu sein. Jugendliche haben dahingehend ein „natürliches Defizit“. Und zwar einfach aufgrund der Tatsache, dass sie eben noch nicht so lange leben. Dieses „natürliche Defizit“ wird allerdings von Bento und Co. nicht als solches angesehen und ernst genommen. Stattdessen schließt man, wenn es um Jugendliche geht, auf lustlose, unorganisierte und leicht mit bunten Effekten und Emojis zu fangende „Pubertiere“ ohne intellektuellen Abstand. Der Abstand zwischen jungen und unerfahrenen Lesern und erfahrenen, älteren Lesern wird lediglich mit Werbe-Pop-Ups oder Schweinequizzen gefüllt.

Diese zweifelhafte Deutung dessen, was es heißt, jugendlich zu sein, ist aber tatsächlich nicht das Hauptproblem des neuen digitalen Boulevards. Er ist, was die Beiträge angeht, ganz auf einer Linie mit allen möglichen weiteren Portalen ganz unterschiedlicher Ausrichtung. Von der Kindernachrichtensendung Kika bis hin zum Zeitmagazin, vom Bayrischen Rundfunk bis hin zu Welt, Bild, Garten&Design, Landlust, Brigitte oder der Antenne Mecklenburg-Vorpommern: Überall finden sich doch in viel zu großer Zahl Belanglosigkeiten, die aufgebauscht werden. Das neue Bild von Heidi Klum, die viel leichtere und fluffigere Art, Muffins zu backen, das kleine Café irgendwo bei Hollywood, in dem Jason Derulo dabei gespottet wurde, wie er mit dieser einen Nebendarstellerin der sechsten Folge der dritten Staffel Scrubs Händchen gehalten hat oder die Tatsache, dass vor einer Woche der ehemalige Moderator der Hitparade gestorben ist, dessen drei Töchtern auf einem niedersächsischen Bauernhof natürlich unbedingt eine Titelreportage gewidmet werden muss. Es sind Informationen, die irgendwie in einem gewissen Rahmen, ihre Bedeutung haben. Zum Beispiel, wenn ich einen Muffin backen will. Oder zufälligerweise die Freundin von Jason Derulo bin. (Was angesichts des ganzen Schwanzlutschens eine scheußliche Angelegenheit sein muss. Swalla. Swalla. Swalla.) Oder die Tochter von Mr. Hitparade. Mir aber eigentlich in keiner Weise dabei helfen, mich mit einem Wissen zu versorgen, das für mich relevant ist. Es sind, mit etwas Distanz betrachtet, wirklich belang-lose Informationen, weil sie für unser Leben nur kleinen, oder eigentlich gar keinen Belang haben und ihrer Natur nach austauschbar sind. Lediglich die Worte „Wer das liest ist doof“ könnten der enigmatische Schlüssel zu einem Artikel sein, der über den seltsamen Namen des Hundes von Prinz William und seiner Ehefrau berichtet.

Was aber, wenn Garten&Design eben nicht eine Ansammlung von Belanglosigkeiten ist, sondern für einen leidenschaftlichen Gärtner bzw. eine Gärtnerin eine lehrreiche und anregende Lektüre? Wer darf behaupten, dass Kika und das Zeitmagazin zu „läppisch“ berichten? Wie eine Gießkanne die gesamte Medienkultur, die Kultur schlechthin und den Zeitgeist des 21ten Jahrhunderts mit der Kritik der Belanglosigkeit zu übergießen, ist, auf den zweiten Blick, auch keine angebrachte Reaktion. Das wäre pubertär (im negativen Sinne). Wie relevant und bedeutend der Inhalt eines bestimmten Mediums ist, sei es Kika oder Garten&Design, liegt im Auge des Betrachters bzw. des Lesers oder der Leserin. Das einzige, was von dem Gedanken einer Kulturkritik sinnvollerweise bleiben kann, ist die Frage: Ist das wirklich alles?

Meiner Meinung nach mündet diese Frage in folgende These: Die Selbstsicherheit und Souveränität des Lesers bzw. des Konsumenten sollte geweckt und gestärkt werden. Und zwar in einer Weise, dass ein Leser oder eine Leserin das konsumierte Medium kritisch hinterfragen kann. Nicht nur in Bezug darauf, ob das, was er/sie da liest/sieht/hört den Fakten entspricht oder nicht doch Fake News ist. Sondern vor allem, ob man bei der Lektüre als mündiges Individuum ernst genommen wird.

So eine Haltung des Lesers würde wahrscheinlich damit beginnen, dass er oder sie sich fragt, ob Medien uns nicht zu mehr befähigen sollten. Mehr Wissen, mehr Zusammenhänge, mehr Geschmack, mehr Bildung. Die Frage aus einer solchen Haltung heraus wäre: Vermittelt mir Bauer sucht Frau etwas, das mir bei der Gestaltung meines Lebens hilft? Werde ich hier auf originelle Weise unterhalten? Oder kann es sein, dass hier Effekthascherei und öffentliche Verspottung von Teilnehmenden der Show betrieben wird? Und dass ich dieses Entertainment nur deshalb als Befriedigung meiner Bedürfnisse ansehe, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun sollte?

Im Falle von Bento und Co. empören wir (und auch Jan Böhmermann) uns ganz im Sinne der Aufklärung. Nach einem Quiz über Angela Merkel könnte man auch ein Paket mit tatsächlichen politischen Hintergrundinformationen anbieten. Oder die Urteilskraft der Leser in Quizzen ernst nehmen. Man könnte uns zum Beispiel fragen: „Findet ihr, dass Die Buddenbrooks ohne Zweifel auf eine Liste von Büchern gehört, die man unbedingt gelesen haben sollte?“ Oder: „Hier ist Jan Böhmermanns Videoessay über die AfD. Ist diese Art von Kritik angebracht?“ Oder: „In folgendem Artikel fordert Tizia Rosendorfer mehr Humanismus. Stimmt ihr ihr zu?“

Vor diesem Hintergrund scheint es angebracht zu sein, dass nicht nur Bento, sondern viele Medieninstitutionen ihr Konzept einmal überdenken. Es gibt bestimmt viele gute Ideen, die den Bedürfnissen der Bevölkerung, insbesondere den Bedürfnissen von Jugendlichen, besser gerecht werden. Und so eine Idee wäre wahrscheinlich, uns neben „guter Unterhaltung“ auch solche Informationen zu übermitteln, die wir brauchen, um herauszufinden, was für ein Mensch wir sein wollen.

Aber angesichts der Tatsache, dass solch ein Anspruch, uns Menschen zu einem besseren Leben zu befähigen, den meisten Medien wie auch den meisten unserer Gleichaltrigen bislang am Allerwertesten vorbeiging, könnte man mit Fug und Recht die Empörung von Böhmermann aufnehmen und fordern:

Medienschaffende und Mediennutzende aller Länder, vereinigt euch! Zerreißt die Ketten eurer Tittenposter, werft die Geißel des Synthesizers weit von euch, hütet euch vor sportlichen Großereignissen und trinkt eure Biere ohne Events! Traut uns zu, dass wir nicht nur langsam laufende Schweine, sondern auch das Frühwerk von Hermann Hesse scheiße finden können! Und vor allem: gebt uns, damit wir selber entscheiden können, was wir scheiße finden, die 200 Jahre Humanismus zurück, die wir verdienen!

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