Erfolg – Lion Feuchtwanger und Bayern

Mehr als eine Buchbesprechung.

Der Museumsdirektor Martin Krüger hat ein Problem. Seine Bilder gefallen nicht. Zumindest nicht denjenigen, die im Staate Bayern das Heft in der Hand haben: Ministern, Unternehmern, Wirtshausbesuchern und solchen, die schwere Bierkrüge mit wohligem Genuss auf die Tischplatte oder den Kopf ihres Gegenübers fallen lassen. Die Bilder, die Martin Krüger in seine Ausstellungen gehängt hat, gelten der Bayerischen Elite als obszön. Und deswegen muss der Krüger weg.

So beginnt der Roman Erfolg, den Lion Feuchtwanger in den Jahren 1927-1930, kurz nach seinem Umzug von München nach Berlin, geschrieben hat. Es ist der erste Teil der Wartesaal-Trilogie, die er mit den Büchern Die Geschwister Oppermann (1933) und Exil (1940) weiterführte. In der gesamten Wartesaal-Trilogie geht es Feuchtwanger um die minutiöse Darstellung der Weimarer Republik vor und nach der Ergreifung der Macht durch die Nationalsozialisten. Wartesaal, das ist für Feuchtwanger auch ein Synonym für die geistige Erstarrung und Verunsicherung Deutschlands in der Zwischenkriegszeit. Eine Zeit, in der sich der Einzelne angesichts der großen Turbulenzen ohnmächtig fühlt, nur abwarten und den Kopf in den Sand stecken kann – oder in irrationalem Heroismus versucht, die Uhr zurückzudrehen.

Mit Erfolg, als dem ersten Teil der Trilogie, beginnt Feuchtwanger auch chronologisch. Er schildert die Ängste, Sorgen und Gelüste der Münchner nach dem verlorenen ersten Weltkrieg und dem gescheiterten Aufbau einer Räterepublik 1919. Er zeichnet die intellektuellen Debatten ihrer Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller nach, porträtiert die Landbevölkerung, das Kleinbürgertum, die politische und wirtschaftliche Elite. So gelingt es ihm, ein Bild der geistigen Situation Bayerns in den frühen 1920ern zu erschaffen und die politische Entwicklung darin einzubetten. Thematisiert werden nicht nur die Berliner Reichs- und Außenpolitik oder die Hyperinflation, sondern auch spezifische historische Begebenheiten wie die Ermordung Walther Rathenaus oder die Einrichtung der Dawes-Kommission. Diesen Strudel der Ereignisse lässt Feuchtwanger, um einen guten Spannungsbogen bemüht, schließlich im Hitlerputsch münden. Er schildert die Revolte, die er als Münchner selbst miterlebt hatte, nur kurz, und hebt auch ihre groteske und komische Seite hervor. Mehr Zeit lässt er sich, um die Attraktivität der völkischen Lehre zu schildern und die persönlichen Antriebskräfte der Teilnehmer greifbar zu machen. So entsteht am Ende des Buches ein eindrückliches Bild der faschistischen Bewegung in der Weimarer Republik, deren Zentrum München war – was einer der Gründe gewesen sein muss, warum Lion Feuchtwanger, sich seiner jüdischen Herkunft wohl bewusst, kurze Zeit später nach  Berlin übersiedelte.

Bevor Feuchtwanger die Wartesaal-Trilogie verfasste, hatte er vor allem Theaterstücke und historische Romane geschrieben. Er war dafür bekannt, für Geschichtsdarstellungen wie Jud Süß von 1925, einer Darstellung des deutschen Judentums zur Zeit der Aufklärung, oder Die hässliche Herzogin von 1923, eines Portraits einer mittelalterlichen Gräfin von Tirol, teilweise monatelang in Bibliotheken Quellenarbeit betrieben zu haben. Dieses Interesse an genauen Charakterzeichnungen, an Rekonstruktionen vergangener Ereignisse und an der epischen Wiedergabe dessen, was war, schlägt sich auch in Erfolg nieder, das ebenfalls als historischer Roman aufgebaut ist. Feuchtwanger inszeniert die Geschichte so, als habe sie ein Chronist aus dem Jahre 2000 für Leser seiner Zeit aufgeschrieben: also, im weitesten Sinne, für uns. So erläutert eine der Handlung nachgestellte „Information“, der Leser könne Material über „die altbayrischen Menschen jener Epoche“ in einem konservierten Exemplar einer Zeitung (des Miesbacher Anzeigers) finden, das im „Institut zur Erforschung niederer Kulturformen in Brüssel“ ausgestellt sei. (Nachzulesen auf Seite 807, in Feuchtwanger 1994.) Die Dichte an Details und Erläuterungen, auch die Tatsache, dass Feuchtwanger in vielen Kapitel historische Zeitungsartikel oder amtliche Statistiken einfließen lässt oder sich in wirtschafts- oder kulturgeschichtliche Exkurse begibt, machen Erfolg in jedem Fall zu einem außerordentlich erhellenden zeitgeschichtlichen Dokument, wenn nicht gar zu einer historischen Primärquelle. Diese Bedeutung von Feuchtwangers Literatur erkannten auch Zeitgenossen. So nannte Klaus Mann, mit seinem Roman Mephisto selbst die Ursachen des Nationalsozialismus erspürend, Feuchtwangers Die Geschwister Oppenheim „die wirkungsvollste, meistgelesene erzählerische Darstellung der deutschen Kalamität.“ (Mann nach Unbekannt 1983, S. 161) Auch das Verhältnis von Realität und Fiktion in Feuchtwangers „historiographischer“ Darstellung von München wird in der akademischen Betrachtung bis heute diskutiert. (vgl. Müller-Funk 1981; vgl. Weinrich 2007; vgl. Moser 2008)

Allerdings wäre es verkürzt, Erfolg als reine historische Nacherzählung zu lesen. Das Problem, dass sich Feuchtwanger durch seine zeitgenössische Beobachtungsgabe und seine Detailtreue selbst erschuf, ist, dass der universal-menschliche, literarische Charakter seines Werkes in fast keiner Interpretationen ausreichend gewürdigt werden kann. Schon die Ausrichtung von Erfolg als zeitgebundenes „Sittenpanorama“ verhindert das. Das ist umso trauriger, als dass Feuchtwanger in diesem Werk, vielleicht ohne es geplant zu haben, ein geballtes, ornamentales Schauspiel präsentiert, das voll ist von menschlicher Begierde, Schuld und Trauer, von Neid, Hass und den emotionalen Antriebskräften politischer Auseinandersetzung. Feuchtwanger ist gut darin, die diffusen Gefühlszustände seiner Figuren offenzulegen, ihre Gefühle von Verfall und Unzulänglichkeit, ihre Liebschaften, ihre emotionalen Verwirrungen und ihre größenwahnsinnigen Ansprüche. So gelingt es ihm, in einem enorm dichten Handlungsstrang und mit vielen schrulligen und originellen Charakteren aufzuzeigen, was „Mensch-Sein“ alles beinhalten kann, und wie sich öffentliche und private Verfehlungen zu einem undurchdringlichen Knäuel verflechten, aus dem die kulturellen und politischen Ereignisse nur hervorragen wie die Spitzen eines Eisbergs.

Der Kern der Handlung lässt sich dabei schnell beschreiben. Da die bayerische, konservative Elite den liberalen und leichtlebigen Museumsdirektor Krüger loswerden will und dafür einen Grund braucht, wirft sie ihm vor, einen falschen Meineid geschworen zu haben, mit dem er den nächtlichen Besuch bei einer Dame abstreiten wollte. (Schon hier bietet es sich in historistischer Lesart an, über die Heuchelei zu erstaunen, mit der in der „Ordnungszelle Bayern“ unehelicher Sex zum Skandal erhoben werden konnte.) Das Problem ist nur, dass Krügers Schwur richtig ist. Um ihn zu verurteilen, bringt die bayrische Jurisprudenz selber einen Zeugen auf, der nun mit einem echten falschen Meineid schwört, dass Krügers Meineid falsch gewesen ist. Das ist auch schon die ganze Pointe der Handlung. In der von vorneherein als Farce erkennbaren Gerichtsverhandlung wird Krüger verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Dies bietet die Szenerie für das gesamte Drama, das Feuchtwanger auffährt: Martin Krügers Lebensgefährtin Johanna Krain möchte den Prozess wieder aufrollen und Krüger aus dem Gefängnis holen. In dieser nahezu zwei Jahre währenden Odyssee macht Johanna Konzessionen an die bayrische Elite, schreibt Gesuche, Briefe, macht Reisen und biedert sich von Unternehmern bis hin zu Kirchenmännern an so ziemlich jeden an, der in dieser Sache etwas zu sagen haben könnte. Während dieser Zeit, in der die Lebensmittelpreise ins Unermessliche steigen und die Nazis fröhlich agitieren, lernt sie den Schriftsteller Jaques Tüverlin kennen, in den sie sich – es ist und bleibt ein Drama – verliebt. Martin Krüger stirbt letzten Endes im Gefängnis an einem Herzschlag, und Tüverlin und Johanna versuchen, das ihm angetane Unrecht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Diese einfache Rahmenhandlung nutzt Feuchtwanger für zahlreiche Nebenhandlungen, in denen sich bayerische Politik, Wirtschaft und Kunst ganz und gar entfalten darf und dabei recht oft zusammen im Wirtshaus, oder eben, am Ende, beim Hitlerputsch landet.

Dabei reicht schon die sehr einfache Haupthandlung, um sehr komplexe Fragen aufzuwerfen. So steht die tragische Figur der Johanna Krain fast sinnbildlich für die Unberechenbarkeit jeglicher Gefühlszustände. Als alleinstehende Frau mit Krüger lebend und reisend, ist sie ein unabhängiges und relativ unbürgerliches Leben gewohnt. Trotzdem findet sie sich, nachdem sein Gefängnisaufenthalt beginnt, in einer Position unfreiwilliger Verantwortung für ihn wieder, verheiratet sich gar mit ihm im Gefängnis – eine Szene, deren Skurrilität Feuchtwanger realitätsgetreu festhält. Trotzdem bleiben all ihre Versuche, ihn frei zu bekommen, fruchtlos. Sie geht zwecks Einflussgewinnung gar eine Liaison mit einem Unternehmer ein, reist mit ihm nach Paris – wo dieser wiederum fremdgeht. Hat sie sich damit Krüger gegenüber unverantwortlich verhalten? Teilweise sehen sich Johanna und Krüger für Monate nicht. Ist sie noch an ihn gebunden? Ihre Gespräche werden fahriger, missratener. Denkt sie an Krüger, so fühlt sie keine Lust, mit ihm zusammen zu sein. Lernt Tüverlin kennen. Der einen Essay schreibt. Für die Freilassung Krügers. Dass sie nun Gefühle für Tüverlin entwickelt – ist das verantwortungslos? Stünde sie nun nicht an Tüverlins Seite – wäre das nicht erst verantwortungslos? Paradoxerweise ist es Tüverlin, der durch eine Bekanntschaft mit einem reichen Amerikaner und dessen Anleihen am Staate Bayern die Freilassung Krügers erwirkt. Wenige Wochen vor seiner Freilassung stirbt dieser an Herzversagen. Hat sich Johanna zu wenig um seine Freilassung – ja, um ihn – bemüht? Ist sie gar schuld an seinem Tod?

Nicht nur im Falle Johanna Krains ist Feuchtwanger die Durchdringung der diffusen Emotionen gut gelungen. Die Psychoanalyse hat sich bei Feuchtwanger in alle Figuren hineingeschmuggelt. Glänzende Elemente sind Beschreibungen von Krüger in seiner Zelle, der des Tags zeitweise an seinen kunsthistorischen Werken schreiben darf, des Nachts aber von solch einer sexuellen Begierde überfallen wird, dass jede seiner Vernunftleistungen sich doch wieder nur als Ausdruck seines Lustprinzips entpuppt, in dem „jedes Ornament, die Buchstaben selbst zum geschlechtlichen Bild werden.“ (S. 352) So wie Krüger alleine mit seiner eigenen Würde kämpft, so kämpfen auch die bayerischen Unternehmer und Politiker, hinter deren Geltungssucht natürlich ebenfalls nichts anderes steht. Und noch weniger erstaunt, dass auch die Nazis, Kommunisten und Raufbolde lediglich um vorgeschobene Ideen kämpfen: dass sie in Morde münden, daran liegt ihnen nicht, dass sie judenfeindliche, menschenverachtende, Inhalte haben, das versinkt unter Schleiern von Pfeifenrauch und Fettschwaden.

Natürlich funktioniert dieses Werk besonders gut vor der bayerischen Kulisse. Es lebt von den Einsprengseln des Dialekts, von dem teils krachenden, rülpsenden, grummelnden Satzbau, dem Feuchtwanger eine Prise Lautmalerei mitgegeben hat. Auch das hat Feuchtwanger bewusst so konzipiert. Ein Vergleich mit Thomas Mann liegt nahe. Wie Die Buddenbrooks ist Erfolg ein Schlüsselroman. Und so wie Lübeck das Erscheinen von Buddenbrooks oder Professor Unrat schwerlich honoriert hatte, so prophezeite Feuchtwangers Schriftstellerkollege Arnold Zweig, dass auch „Bayern 1930 von diesem Roman nicht sehr entzückt sein wird.“ (nach Lüttig, in Feuchtwanger 1994, S. 813) Als bayerisch-bäuerliche Dorfschriftsteller karikiert Feuchtwanger die zeitgenössischen Autoren Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer. In Form eines störrischen Komödianten findet Karl Valentin Eingang in das Werk. Ludendorf und Hitler treten als treibende Kraft des Putsches in den leicht zu erkennenden Rollen Vesemann und Kutzner auf. Aber auch die bayerischen Lokalpolitiker Georg Heym, Christian Roth und der damalige bayerische Ministerpräsident Gustav von Kahr werden mit ihrer jeweiligen Positionierung in Szene gesetzt. In den Gestalten Jaques Tüverlins und Johanna Krains führt Feuchtwanger gar sich selbst und seine Ehefrau Marta in den Roman ein, was nicht zuletzt ironisch dadurch gebrochen wird, dass Feuchtwanger Tüverlin am Ende von Erfolg anfangen lässt, ein „Buch Bayern“ zu schreiben. Und sogar Berthold Brecht bekommt mit der Rolle des leicht erregbaren, kauzigen, kommunistischen Ingenieurs Kaspar Pröckl eine eigene Rolle.

Wie Thomas Mann es mit Lübeck versuchte, so versucht Lion Feuchtwanger mit dieser Figurenkonstellation den „Komplex Bayern“ enigmatisch aufzuschlüsseln. Und, so muss man in aller Fairness sagen, das gelingt ihm fast besser. Die Personen sind so beunruhigend genial beschrieben, dass, wenn man das Buch aus der Hand legt, man teilweise das Gefühl hat, man hätte Nachrichten mit den Herren Söder und Seehofer geguckt. Man sagt nicht zu Unrecht, das Land Bayern sei der eigentliche Held des Romans. Feuchtwanger gelingt es, die brodelnde und breiige bayerische Ursuppe mit all ihren eigensinnigen, sturköpfigen, irgendwie auch liebenswerten Bewohnern fest zupackend festzuhalten:

Das Zentrum dieses Bauernlandes, die Stadt München, war eine dörfliche Stadt mit wenig Industrie. Eine dünne, liberale Schicht von Feudalherren und Großbürgern war da, nicht viel Proletariat, viele Kleinbürger, noch sehr verwachsen mit dem Landvolk. […]. Sie produzierte gute Gebrauchskunst und das beste Bier der Welt. Sonst bot sie wenig Material für industrielle Betätigung. Die geistig Regeren wanderten ab; sie ergänzte sich aus spätgeborenen Bauernsöhnen, die, altem Brauch zufolge, nicht erbberechtigt waren. […]. Nur einer unter je zehntausend Einwohnern versteuerte ein Vermögen von einer Million und darüber. Im übrigen lebte die Stadt sich selber, ein lautes, ungeniertes Leben im Fleisch und im Gemüt. Sie war zufrieden mit sich. Ihr Wahlspruch war: Bauen, brauen, sauen.“ (S. 513)

Dabei stößt er einen Konflikt an, der dem Werk eine ungeahnte Aktualität verleiht. Den heraufkeimenden Nationalismus erklärt Feuchtwanger, im Unterschied zu vielen anderen zeitgenössischen Intellektuellen, gar nicht so sehr mit tatsächlichem Judenhass oder dem „Schmachfrieden“ von Versailles. Stattdessen bettet er die bayerische Mentalität ein in größere Zusammenhänge – und macht in der Globalisierung die Hauptursache des Aufstiegs Hitlers aus.

„Was die Bayern von alters her vor allem haben wollten, war ihre Ruhe. Im zwanzigsten Jahrhundert ließ man sie nicht mehr in Ruhe. […]. Auf einmal hieß es, sie produzierten unrationell. […]. Wo zwei ihrer arbeiteten, genüge ein einziger. Der Verkehr steigerte sich, die Fracht wurde billig. […]. Die anderen waren auf einmal nicht mehr auf sie angewiesen, wohl aber sie auf die anderen.“ (S. 513–514)

Dies kommt dem psychoanalytischen Ansatz für das Innenleben der Feuchtwanger’schen Figuren sehr nahe. Und war man eben noch angewidert von der provinziellen, schludrigen Denkweise der Bayerischen Politiker, so ertappt man sich auf einmal dabei, im Chor mit ihnen Kritik zu üben. Ist man nicht selbst, aus einer philosophisch geschulten Sichtweise heraus, skeptisch gegenüber dem stetigen Drang, sich selbst und alles um einen herum zu optimieren? Erhöht die Einführung neuer Arbeitsmethoden wirklich immer unsere Lebensqualität? Löst die Rationalisierung von Arbeitsplätzen wirklich alle sozialen Probleme? Sind Kommerzialisierung und Wettbewerb die einzigen Motoren von Innovation? Dass gerade durch die Ablehnung eines blinden Fortschrittsoptimismus die Nazis ihre Denkweise etablieren konnten, macht die AfD, die Identitären, und die jetzigen Vordenker der neuen Rechten zu einem wesentlich komplexeren Phänomen, als wir es selbst gerne hätten.

„Die Bayern knurrten, sie wollten nicht in die Ferne schauen, und was lag ihnen an einem sinnvolleren Europa. Sie wollten leben wie bisher, breit, laut, in ihrem schönen Land, mit ein bisschen Kunst, einem bisschen Musik, mit Fleisch und Bier und Weibern und oft ein Fest und am Sonntag eine Rauferei. Sie waren zufrieden, wie es war. Die Zugereisten sollten sie in Ruhe lassen, die Schlawiner, die Saupreußen, die Affen, die geselchten. Sie ließen sie aber nicht in Ruhe.“ (S. 515)

Dadurch, dass Feuchtwanger einfachen Erklärungsansätzen misstraut, schafft er es, Spannungsfelder zu thematisieren, die auch heute, in ganz allgemeiner Form, unseren Alltag prägen. Auch wir müssen, ganz wie Feuchtwangers Bayern, mit stetigen Modernisierungszwängen umgehen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob wir uns selbst fortwährend optimieren wollen. Wir müssen uns, wahrscheinlich weitaus mehr als die Bayern in den 1920ern, an immerzu Fremdes und Neues gewöhnen. Und auch wir können dem nicht wirklich entkommen. In Feuchtwangers Bayern zeigt sich sehr gut, dass die statischen kulturtheoretischen Ansätze, die in der Tradition von Fichte oder Spengler Eskapismus nahelegen, die behaupten, dass eine Kultur in ihrer Gesamtheit untergehen kann oder dass wir sie nur durch rigorose Abschottung retten können, in unauflösbare Gegensätze führen. Was Feuchtwanger beschreibt, ist der Endzustand einer solchen Polarisierung, in dem Museumsdirektoren aufgrund ihrer Auswahl in Museen geworfen und Märsche gegen das „sittenverwahrloste Berlin“ gefordert werden.

Es erstaunt unter diesem Aspekt, dass Erfolg, wie Feuchtwanger in seiner Gesamtheit, heutzutage nicht mehr stark gelesen wird. Als Schlüsselroman hat er es nicht geschafft, den Buddenbrooks den Rang abzulaufen. Möchte man einen klassischen Großstadtroman lesen, wird meist auf Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin verwiesen. Und als Autor einer Epoche steht Feuchtwanger mit vielen anderen Autoren der Weimarer Republik in Konkurrenz. Tatsächlich muss der Leser von Erfolg auch in Kauf nehmen, dass viele bayerische Motive bis hin zur Redundanz wiederholt werden, der Spannungsbogen manchmal arg überdehnt ist und die Sprache zuweilen überstilisiert erscheint. Dass zumindest in München noch einiges an Feuchtwanger-Rezeption stattfindet, ist aber, wenn auch vielleicht dem Lokalkolorit geschuldet, zuletzt 2014 mit der Ausstellung Erfolg – Lion Feuchtwangers Bayern im Münchner Literaturhaus und nun mit der seit November 2017 laufenden Inszenieung Wartesaal“ in den Münchner Kammerspielen ein Lichtblick. Und nicht zuletzt Hoffnung darauf, dass Feuchtwangers Weitsicht auch für den gegenwärtigen politischen Zeitgeist dienlich ist.

 

Literatur zum Nach- und Weiterlesen:

Feuchtwanger, Lion (1994): Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz: Roman. Berlin: Aufbau.

Moser, Dietz-Rüdiger (2008): Das Verhältnis von Fiktion und Realität in Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“. Ein Beitrag zum Bild der Stadt München in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. In: Simone Hirmer und Marcel Schellong (Hg.): München lesen. Beobachtungen einer erzählten Stadt / herausgegeben von Simone Hirmer und Marcel Schellong. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 91–105.

Müller-Funk, Wolfgang (1981): Literatur als geschichtliches Argument. Zur ästhetischen Konzeption und Geschichtsverarbeitung in Lion Feuchtwangers Romantrilogie Der Wartesaal / Wolfgang Müller-Funk. Frankfurt am Main, Bern: Lang (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd.415).

Unbekannt (1983): Deutsche Kalamität. In: DER SPIEGEL, 24.01.1983, S. 160–161.

Weinrich, Harald (2007): Als Hitler noch der Kutzner war − über Lion Feuchtwangers Roman „Erfolg“. In: Harald Weinrich (Hg.): Wie zivilisiert ist der Teufel? Kurze Besuche bei Gut und Böse. München: Beck, S. 159–165.

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