Über guten Geschmack

Oder: Philosophie im trojanischen Pferd. Settembrinis Stilkolumne #1.

Vor einiger Zeit wurde ich aufgefordert, eine Kolumne zu schreiben, weil nichts im Social-Media-Zeitalter die Aufmerksamkeitsspanne des sowohl gehetzten wie auch gelangweilten Blog-Lesers so sehr überfordert wie ein Artikel mit mehr als 600 Wörter auf einem Screen. Ich nahm dies zur Kenntnis und fragte mich, worüber ich eine Kolumne schreiben könnte. Ich kenne keine Kolumnisten oder Kolumnistinnen. Laut einem kürzlich gelesenen Leitartikel von Bernd Ulrich in der ZEIT wuchern sie aber über die Republik. Kolumnisten überall, in jeder Stadt, jedem Blog, jedem Post, jeder SB-Bäckerei; jedem Bürger seine eigene Kolumne, weil jeder endlich schreiben darf was er will und wovon er nichts versteht. Das ist das Prinzip einer Kolumne, habe ich mir sagen lassen. Kolumnen sind auch schuld an allem, sogar an der AfD. Sie produzieren Moral, Hypermoral, weil jede Kolumne sagt, was sich gehört und was nicht; Kolumnen machen aus schuldlosen Normalverbrauchern böse Moralisten, und linksgrünversiffen quasi die Republik, auch wenn sie gegen die Gutmenschen wettern. Wegen der Hypermoral. Das macht Sinn.

Wenn ich auch so eine Kolumne brauche, dann muss ich über etwas moralisieren, was eine grundlose Anmaßung ist. Etwas, über das ich nichts verstehe, aber das ich grundlos für ungemein relevant erachte. Fußball bietet sich an – leider weiß ich über Fußball schon zu viel; sogar, was Abseits ist. Essen bietet sich auch an, nur leider ist meine Handykamera für Foodpostings zu schlecht. Philosophie scheidet aus, da es die erlaubte Zeichen- und Komplexitätsgrenze sprengt. Übrig bleibt ein lange vernachlässigter Topos des gehobenen Feuilletons: die Stilkolumne.

Stil ist wichtig. Der hochgeschätzte Funzelianer Philipp Neudert nannte es sogar das wichtigste Mittel zum Erlangen des vollen intellektuellen Habitus. „Statt besserer Argumente Kampf um den besten Geschmack.“ Gleichzeitig ist nichts so irrational. Was ist guter Stil? Die Abwesenheit von katastrophalen Fehlgängen. Was ist ein katastrophaler Fehlgang? Socken in Sandalen, sagt man. Warum? Ja, warum eigentlich.

In der Begründung dessen, was guter Stil ist, zeigt sich die Herrschaft einer Kultur. Dass sich feiner Geist bei den absolutistischen französischen Königen darin offenbarte, sich mit, sagen wir, Pfauenfeder und Hermelinpelzen zu schmücken, wohingegen selbige Pfauenfedern heutzutage nicht einmal mehr Helge Schneider zur Ehre gereichen würden, sagt nichts über Helge Schneider oder Ludwig den Vierzehnten. Es sagt etwas darüber, was eine Epoche zu begehrenswerten Accessoires stilisiert. Und wenn wir in die historischen Auswüchse der Mode blicken, sehen wir, auf welch grotesken Objekte oder Farbkombinationen eine zeitlich gebundene Haltung menschliche Begierde abrichten kann.

Eine moralisierende Betrachtung dessen, wie wir uns heute (nicht) kleiden sollten, ist somit auch eine Anweisung, wie wir – als Kinder unserer Zeit – leben und begehren sollen. Und somit, auf perfide Art durch die Hintertür hineingeschmuggelt, auch wieder Philosophie.

Bildmaterial: Lous de Funès, “Le Paon”, L’Avare (film), 1980, réalisé par Jean Girault.

 

2 Kommentare zu „Über guten Geschmack

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