Über die Rehabilitierung roter Hosen

Settembinis Stilkolumne #2

Ungefähr vor einem halben Jahr fiel mir ein Buch in die Hände, dass sich anmaßte, eine Stilbibel zu sein. Es war auch, alles in allem, eine beeindruckende Stilbibel. Es handelte sich um die Einführung: „How to be chap – the surprisingly sophisticated habits, drinks and clothes of the modern gentleman“, veröffentlicht 2016 in Berlin, vom Gestalten Verlag. Bei der skeptischen, zuweilen amüsierten Lektüre stieß ich auf einen Absatz, der mich erschütterte:

„What if you only have a tweed jacket, and not the whole suit? Then you’ll need some trousers, sir. You have two choices: corduroys or moleskins. Corduroys come in a bewildering array of colours to suit any eccentricity. But beware of red or pink ones, as they have connotations that most of us will not enjoy. There is something about those two coloured trousers that seems to irritate people, both Chap and non-Chap; there is even a web site called ‚lookatmyfuckingredtrousers.blogspot.co.uk,‘ which shows how strong feelings are about this.“

Ich besaß zu diesem Zeitpunkt zwei rote Hosen. Das Problem war, dass ich sie sogar außerordentlich mochte. Sie waren bequem, und ihre Farbe war interessanter als die der blauen, zerrissenen, oder hautengen Jeans meiner Mitmenschen. Obendrein konnte ich mich dunkel erinnern, dass ich auf die erste rote Hose meines Lebens in meinem täglichen Bus zur Schule gestoßen war, präsentiert in der Haute Couture der letzten Sitzreihe von einem freundlichen Punk. Dieses tiefenpsychologische Hintergrundrauschen der Rebellion mag, in Einklang mit anderen Faktoren, dazu geführt haben, dass ich roten Hosen überproportional viel Wertschätzung entgegengebrachte und sie ohne jeden Zweifel stolz vor meinen schlecht geputzten Schuhen und knittrigen Sakkos hertrug.

Und nun das. „Connotations that most of us will not enjoy? Something that seems to irritate people?” Ich wollte niemanden mit der Wahl meiner Kleidung beunruhigen, gar nerven. Und ich konnte nun nicht umhin, mich fortan mit meinen roten Hosen unwohl zu fühlen. Ich besuchte die Seite „lookatmyfuckingredtrousers.blogspot.co.uk.” Tatsächlich erwarteten mich dort verschiedene ältere Herren in roten Hosen, die, in Bahnhofshallen, Supermärkten, am Check-In am Flughafen, verwundert in die Kamera eines unbekannten Fotografen linsten, der so eine beeindruckende Sammlung von, nun ja, alten weißen Herren in roten Hosen präsentierte. Zweifel kamen auf. Was würde passieren? Würde ich eines Nachts ebenfalls in einer roten Hose überfallen und in das illustre Panoptikum jener Männer hinzugefügt werden? Das war eine Perspektive, die mir grauenhaft erschien. Immerhin war ich (noch!) kein verwirrter, alter Mann an der Supermarktkasse, nur weil ich in roten Hosen in der U-Bahn stand.

Rebellion lag nahe. Mit welchem Recht nehmen sich selbsternannte Modepäpste heraus, zu bestimmen, welche Hosenfarbe erwünschte, welche unerwünschte Konnotationen hat? Und warum räumte ich ihnen diese Autorität ein, ließ mich überhaupt ganz allgemein von einer grotesken Website von der ganz und gar kontingenten Farbwahl zwei meiner Hosen verunsichern? Ganz offensichtlich, weil ich bereits verunsichert gewesen war. Immerhin hatte ich besagtes Buch durch einen skurrilen Zufall erworben und mich der Idee des propagierten Lifestyles angeschlossen. Die sophisticated drinks and habits sprachen mir ganz aus der Seele. So etwas tut man nur, wenn die Kantische Frage in einem noch nicht ganz zureichend beantwortet ist: Was soll ich tun? Chap werden.

Bis Widersprüche auftreten, und sich die aufwendige Ästhetik in leere Worthülsen auflöst. Die Idee, dass a priori Kleidungsstücke ohne jegliche Begründung zu vermeidenswerten Objekten werden, ist in sich absurd: und „lookatmyfuckingredtrousers.blogspot.co.uk.” sicherlich nur ein einfallsloser Marketingtrick von Jeansfabrikanten. Aber was, wenn nicht? Was, wenn rote Hosen tatsächlich irritierendere Klamotten als braune Chinos sind? Wo ist dafür die epistemologische Gewissheit? Mehr dazu in der nächsten Folge. Gegenstand der Recherche dann: rote Socken.

Bildmaterial: “The Schoolmaster”, uploaded by Sunday, 2nd December 2012, on http://lookatmyfuckingredtrousers.blogspot.com/

5 Kommentare zu „Über die Rehabilitierung roter Hosen

  1. Interessant. Ich hege einen leidenschaftlichen Hass für rote Hosen. Warum weiß ich nicht. Vermutlich weil ich sie noch nie an einem sympathischen Menschen gesehen habe. Offensichtlich hast Du nie rote Hosen in der Hochschule getragen 😀

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    1. Hihi! Wir sehen: das Thema polarisiert. Ohne, dass man für Geschmacksurteile je eine Letztbegründung geben könnte. Oder etwa doch? 🙂

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