Über die eingeschränkte Wirksamkeit roter Socken

Oder: rote Hosen, Teil II. Settembrinis Stilkolumne #3

Rote Socken sind ein politisches Statement. Die CDU hing in den 90ern Wahlplakate mit zu klein gewaschenen roten Socken auf, die eine Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Linken nicht nur modisch diffamieren sollten. Die Hamburger SPD wendete in den 2000ern das Blatt, indem sie ihrerseits zu einer „roten-Socken-Kampagne“ aufrief, mit der die Unterstützung der gemeinsamen Idee auch zwischen Schuh und Hosenboden symbolisiert werden sollte.

Rote Socken sind auf einer Ebene mit Che-Guevara-Shirts oder wahlweise Carl-von-Clausewitz-Pullovern anzusiedeln, sie gehören zu den Accessoires, mit denen man, ungewollt oder gewollt, Zugehörigkeit zu einer gewissen Weltanschauung präsentiert, oder, wenn diese Perspektive in einen Widerspruch mit bekannten Fakten über Träger oder Trägerin gerät, allgemeine Verwirrung hervorruft. Wieso trägt der sozialdemokratische Vorsitzende des Arbeitskreises Rentenpolitik auf einmal eine blaue Krawatte – biedert er sich an die Konservativen an? Warum trägt der neue Ersti einen Ledergürtel mit eingravierten Hirschgeweihen – gehört er gar zu einer Burschenschaft? In bekannte Reihe der symbolträchtigen Kleidungsstücke gehören auch Dock Martins, Jogginghosen, Hoodies, Schirmmützen, Hosenträger und sämtliche Kollektionen der Marke Lonsdale – es findet sich fast nichts, das bei zweiter Betrachtung nicht eine gewisse Weltanschauung impliziert oder sich gleich als in Überweite gegossenes politisches Manifest den Mitmenschen entgegendeklamiert.

Bizarr wird es immer dann, wenn diese Wirkung unbeabsichtigt ist. Es gehört ja zum Phänomen des modernen Konsums, dass nicht zielgerichtet Dinge benötigt werden, sondern dass Werbung, Lifestylemagazine oder die Kulturindustrie Bedürfnisse erst erschaffen. Ein moderner Konsument weißt gar nicht so sehr, was er braucht. Es wird ihm nur vermittelt, dass er etwas braucht. Denn der Status quo ist in einer Wachstumsgesellschaft immer unhaltbar.

Erst auf dieses diffuse Gefühl, irgendetwas überhaupt unbedingt zu benötigen, folgt dann die Sichtung vorhandener Möglichkeiten – beliebig angeordnet in einem beliebigen Shop, den der Konsument aufgrund einer beliebigen Sozialisierung in einem ebenso beliebigen Viertel aufsucht. Was gibt es in so einem Tempel der Beliebigkeit? Surfshirts, Polohemden, hautenge Jeggins, Lederjacken, Bermudashorts, Funktionsreiseunterwäsche. Und natürlich weiß kein beliebig normal sozialisierter Verbraucher, wie er das alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen soll. Das führt dann dazu, dass in deutschen Innenstädten Einzelhandelskauffrauen mit Jack Wolfskin Rucksäcken durch die Fußgängerzonen laufen oder Reiseberater Kapuzenpullis mit der Aufschrift „Staying in my hood“ tragen.

Rote-Socken-Kampagnen sind der eigentümliche Versuch, dieses Problem zu lösen. Sie wollen wieder geraderücken, wo was hingehört: die Farbe Rot auf die Fahnen oder Füße der Arbeiterschaft, Surfhemden auf die Oberkörper von Yachtbesitzern. Das macht solche Kampagnen aber nicht weniger seltsam. Denn sie unterschlagen, dass sie selbst nur das Produkt einer beliebigen Geschichte sind. Dass die Farbe Rot zum Symbol des Sozialismus wurde, folgt auch einfach den historischen Zufällen. Kleidungsstücke, Farben und Formen werden ihrer Natur nach konstant umgewertet. An nichts lässt sich besser erkennen, dass Bedeutung nichts ist, das einem Gegenstand eigen ist, sondern dass sie sich immer aus dem Zusammenspiel mit anderen Faktoren ergibt. War ein Dirndl vor hundert Jahren noch ein Arbeitskleid, so ist es jetzt, auf Postkarten mit Bierkrügen zwischen Brüsten, ein Sexobjekt für Touristen. Und ist ein Mann, der einen Ohrring auf der rechten Seite trägt, einfach nur unangepasst oder tatsächlich schwul? Weil es, schon in der Spanne einer Lebenszeit, auf diese Fragen keine sichere Antwort gibt, ist es auch so dumm, mit felsenfester Überzeugung Tabus aufzustellen. Zum Beispiel, ich échauffierte mich bereits, rote Hosen zu verbieten. Wir folgen diesen Geboten, weil sie, im Zusammenhang mit vielen anderen Dingen, deren Bedeutung wir anerkennen, Sinn zu machen scheinen. Es muss sich aber nur wenig ändern, und es bricht eine Revolution roter Hosen los.

Für gewisse Kleidung Wirkmächtigkeit als politisches Symbol zurückzufordern, hilft uns also wenig. Dürfen wir denn aber noch unbeschwert rote Socken tragen? Mehr dazu in der nächsten Kolumne. Thema dann: weiße T-Shirts.

Bildmaterial: Plakat der Rote-Socken-Kampagne der CDU 1994, entnommen den Wikipedia Commons.

 

2 Kommentare zu „Über die eingeschränkte Wirksamkeit roter Socken

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