Über weiße T-Shirts

Oder: logische Analyse einer transzendentalen Gewissheit. Settembrinis Stilkolumne #4

Es gibt gewisse Kleidungsstücke, mit denen kann man nichts falsch machen. Weiße T-Shirts gehören dazu. Das ergibt sich aber nicht von selbst. Warum zum Beispiel kann ich a priori bestimmen, dass ein schlichtes weißes T-Shirt eine unhintergehbare Voraussetzung eines unproblematischen Kleidungsstils ist? Es ist, kraft des Vernunftvermögens, eigentlich unmöglich. Und wenn man die These hinzuzieht, dass die Bedeutung eines Kleidungsstücks sich nur aus dessen Beziehung zu anderen Symbolen ergibt – man denke nur an Converse-Sneakers oder einen Audiolith-Jutebeutel – so ist die Idee einer stets verlässlichen guten Wahl schon paradox. Das einzige, was von dem Gedanken der Verlässlichkeit übrigbleiben könnte, wäre die abgeschwächte Idee einer guten Gesamtauswahl verschiedener Elemente.

Aber diese Sichtweisen erscheinen nur auf den ersten Blick inkompatibel. Die Idee, dass man mit einem weißen T-Shirt nichts falsch machen kann, lässt sich umformulieren in die These, dass ein weißes T-Shirt immer und mit jedem anderen Kleidungsstück funktioniert. Und die Idee, dass ein Kleidungsstück nie aus sich alleine heraus gut aussieht, sondern seine Wirkung immer nur in Beziehung zu anderen Hosen, Schuhen, Piercings, Hosenträgern, Ohrringen, Haaren oder dem Bauchansatz entfaltet, lässt sich auf den Gedanken der Komposition zurückführen. Schon zeigt sich, dass der Gedanke, ein weißes T-Shirt sei a priori gut, dem Drängen nach einer guten Gesamtzusammenstellung gar nicht entgegengesetzt ist.

Die These, dass weiße T-Shirts das Kriterium reinster Fashion-Vernunft sind, lässt sich noch variieren. Gekauft der Gedanke, dass weiße T-Shirts deswegen bedingungslos gut sind, weil sie sich endlos kombinieren lassen. Aber was ist mit der These, dass eine Kombination ohne weiße T-Shirts keine modische Gewissheit bietet, weil sie sich ja eben nicht aus der transzendentalen Voraussetzung der Farbe Weiß am Oberkörper herleitet? Sicherlich eine steile These – aber ein logischer Fehlschluss.[1] Nur weil sich weiße T-Shirts mit allem kombinieren lassen, muss das nicht heißen, dass eine Kombination ohne weiße T-Shirts nicht funktioniert. Allerdings machen nur steile Thesen wirklich Spaß.

Konsultieren wir die Empirie. Weiße T-Shirts sind bequem. Sie schmiegen sich unter Hemden und Pullover, sie lassen sich zusammen mit Leinenhosen, Jeans, Toga oder als Pyjamahemd genießen, und sie stören niemanden. Sie umweht der Hauch des sympathischen Understatements und das Flair des Unterhemdes. Sie sind der natürliche Freund von Hemd und Sakko. In kalten Zeiten wärmen sie, und schützen uns durch die weiterhin ermöglichte Sakkokompatibilität, auf die Mäntel und Trenchcoats aufgetoppt werden können, vor überdimensionierten Daunenjacken; im Sommer dienen sie als atmungsaktive Hybridschicht zwischen Hemd und Haut und verhindern Schweißflecken. Nichts ist unangenehmer als feuchtkaltes Gerinnsel unter bleichgestärktem Stoff, und nichts sieht unangenehmer aus als ein verschwitzt am Rücken klebender Businnessblazer oder aus dem Kragen hervorwucherndes Brusthaar. Ein ordentliches weißes T-Shirt verhindert beides.

Weiße T-Shirts hätten vieles verhindert. Die Schweißflecken von Tom Cruise, zum Beispiel. Oder Tanktops. Und wenngleich wir nicht mit apodiktischer Gewissheit sagen können, dass weiße T-Shirts die reinen Verstandesbegriffe der Modewelt sind, so können wir uns doch an ihnen orientieren – als regulative Idee sozusagen. Schöne Idee. Denn leider gibt es einfache weiße T-Shirts kaum zu erwerben. Unter den Modeanbietern scheint sich die Abmachung durchgesetzt zu haben, die Symbolkraft der Kleidung voll durchzuziehen und Mottos auf alles zu drucken. Ob man da mit reinem Minimalismus gegensteuern kann? Zum Begriff des schönen Designs dann in der nächsten Folge: Über den goldenen Schnitt.

 

[1] Da für eine Kombination gemeinhin gilt: ∀Kombination (GelungenKombination ∨ ¬GelungenKombination)

Und wir durchaus den Fall annehmen können, dass ∃T-Shirt (WeißT-Shirt) ¬∃Kombination (GutKombination ∧ WeißT-Shirt)

Somit nicht gilt: ∀T-Shirt (WeißT-Shirt) ↔ ∀Kombination (GutKombination),

und bei genauer Betrachtung noch nicht einmal gilt: ∀T-Shirt (WeißT-Shirt) → ∀Kombination (GutKombination).

So kann ich zum Beispiel nach einer Überdosis Jägermeister auf mein weißes T-Shirt draufkotzen (¬GelungenKombination) oder mir mit Edding Nippel draufmalen (ebenfalls ¬GelungenKombination).

Bildquelle: John Travolta lehnt sexy mit einem weißen T-Shirt an einem Maschendrahtzaun, Screenshot aus Grease (Kleiser 1978)

Ein Kommentar zu „Über weiße T-Shirts

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