Kleidung – Verfall eines Textils

Bild von Hannah Eirich.

 

Wenn man genau hinhört, dann klingt prasselnder Regen ein bisschen nach Applaus. Es regnet nicht stark, aber es regnet. Draußen sitzt Laurenz und sieht mich so lange durch das Fenster an, bis ich ihn bemerke. Er muss vollkommen ruhig und geduldig auf dem Fensterbrett zwischen den vertrockneten Stängeln der Petersilie, die nur noch wie ein Skelett aus der Erde ragen, und dem noch intakten Basilikum gesessen haben, bis ich mich zufällig, vielleicht einer Vorahnung folgend, zum Fenster gewandt habe. Ich öffne das Fenster. Laurenz macht einen Satz und landet geräuschlos auf meinem Parkett. Ich kann nicht ganz sagen, ob in seinen schwarzen Augen ein Vorwurf liegt oder nicht. Sein eigentlich kastanienbraunes Fell wirkt beinahe schwarz, weil es etwas nass ist. Einige wenige Regentropfen sind noch nicht abgeperlt und verharren glänzend auf seinem Rücken. „Was machst du da?“, fragt er und begleitet mich durch das Zimmer zurück zur Kommode, vor der ich gerade auf dem Boden im Schneidersitz saß und mich jetzt wieder hinsetze. „Ich denke über meine Kommode nach.“, antworte ich. „Dazu kann ich nichts sagen. Außer, dass du in der morgendlichen Eile manchmal vergisst, die Schubladen zu schließen, nachdem du etwas rausgenommen hast. Wenn du dann aus der Wohnung gegangen bist, schlafe ich gerne zwischen deiner Kleidung“, sagt Laurenz und macht ein paar Schritte in Richtung Bett.

Ich denke daran, dass ich mich neulich erst wieder gewundert habe, warum andauernd Katzenhaare an meinen Pullovern kleben, sage aber nichts dazu, sondern: „In dieser Kommode liegen die unterschiedlichsten Kleidungsstücke. Damit meine ich nicht Hosen und Pullover, sondern Hosen und Pullover, die einem bestimmten Stil zugeordnet werden können. Von sportlich geschnittenen T-Shirts bis mädchenhafte Blusen, Stoffhosen bis Jeans, lange, kurze, enge und weite Röcke – alles existiert in diesen Schubladen nebeneinander her.“

„Ich verstehe dein Problem nicht. In den meisten Kommoden liegt Kleidung, die keinem übergeordneten Stilkonzept folgen. Manche Menschen schaffen es noch nicht mal Kleidung, die die richtige Größe hat, in ihre Kommoden zu legen.“

Laurenz, der während er spricht, langsam wieder auf mich zu gegangen ist, setzt sich neben mich. Unsere Blicke sind auf die drei Schubladen meiner schwarzen IKEA-Kommode gerichtet. Wir schweigen einen Moment. „Wenn alle Elemente deiner Kommode nicht in herkömmlichen Stilkategorien vereinbar ist, dann ist also die Unvereinbarkeit, die Inkongruenz, der Stilbruch der Stil deiner Kommode.“

„Soweit, so pluralistisch. Ich sehe meine Kleidung als individuelle Versatzstücke, mit denen ich einen Teil meiner selbst tagein tagaus zusammenbaue. Du bist, was du trägst. Rollkragenpullover, Existentialistin. Bluse, Personalchefin. Jeanlatzhose, Künstlerin oder einfach nur stillos aus Spaß.“ Ich halte einen Moment inne und setzte dann hinzu: „Vielleicht ist das der Grund, warum heute viele Menschen so langweilig sind. Diese ganzen Versatzstücke werden zu den verrücktesten Mischungen zusammengesetzt. Dabei verliert der Mensch darunter aber an Form. Wir sind einfach nur damit beschäftigt, unsere individuellen Versatzstücke immer bunter und widersprüchlicher zusammen zu setzten, damit wir ein kleines Stückchen interessanter wirken als alle anderen. Aber unter der Kleidung ist ja nichts, das interessant wirken könnte. Und alle sind tätowiert.“

„Ein Glück, dass ich Fell und keine Kleidung trage.“

„Wir tragen auch Fell.“

Laurenz hält inne, um sich dann sofort die Pfote zu lecken: „Dass Menschen immer langweiliger werden, desto stärker sie versuchen ihre ,Extravaganz‘ nach außen tragen müssen, kann schon sein. Aber individuelle Versatzstücke? Kleidung ist doch tote Materie. Wenn du wirklich der Meinung bist, dass dich das, was du trägst auch zu der Person macht, die du sein willst, dann bist du leider auf einen grandiosen Werbetrick hereingefallen. Das tut mir sehr leid für dich. Wenn du eine bestimmte Hose anziehst, dann wirst du ja nicht in diesem Moment eine kompetentere Studentin oder bessere Philosophin. Das Stück Stoff, das du als Bluse bezeichnen würdest, musst du erst mal beleben. Auflebe lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Erst dadurch, wie du eine Bluse trägst, wird sie zu einem individuellen Versatzstück.“

„Okay.“, sage ich und drehe mich zum Fenster. Es regnet noch immer. Der Regen hat irgendetwas an sich, das die Farbe von Blättern und Blumen kräftiger erschienen lässt. „So ist es aber nicht nur bei meiner Kommode, sondern auch bei meinem Kühlschrank oder meinem Musikgeschmack.“, sage ich, als mein Blick einen Moment später an meinem CD-Regal vorbeigleitet. „Was ich esse oder was ich höre, sind ja auch Versatzstücke, die ich beleben muss. So, wie im Prinzip alles, alles. Wenn das Konzept nach dem ich mein Leben ausrichte, also nicht etwas ist, was ich mir irgendwann mal ausgedacht habe, sondern das ist, was ich tue….Was soll ich dann tun?“

Laurenz springt auf und streckt sich. Wenn er lachen könnte, dann würde er jetzt wahrscheinlich lachen. „Du studierst doch Philosophie. Im Prinzip hast du diese Frage zu deinem Studienfach gemacht.“ „Haha“, sage ich – ohne zu lachen – und schäme mich etwas dafür, dass ich so pathetisch geworden bin.Laurenz macht ein paar Schritte in Richtung Tür: „Ich bin doch hier, um dir zu helfen. Aber nicht jetzt. Jetzt möchte ich ein wenig in deiner frisch gewaschenen Wäsche schlafen.“ Ich sehe ihm nach, wie er in den Gang tappt und sich dabei nicht beeilt. Seinen kastanienbraunen Schwanz lässt er unbeeindruckt hinter sich hergleiten. Seinen fließenden Gang unterbricht er für einen Augenblick und verschwindet dann im nächsten. Ich wende meinen Kopf wieder der Kommode zu. Sie ist aus dunklem, massivem Holz. Sie wirkt auf eine seltsame Art und Weise elegant, obwohl sie überhaupt nicht filigran ist. Ich stehe auf, nehme den Apfel, der auf der Kommode liegt, ziehe eine Kommodenschublade auf, lege den Apfel hinein und schließe sie wieder.

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