Über die Ausgewogenheit

Oder: Lob der Form. Settembrininis Stilkolume #5

Schön ist, was harmonisch ist. Dieser Grundsatz des Yin und des Yan, der divina proportione, der göttlichen Ausgeglichenheit, des Feng-Shuis und der zu einem Kubus wohlzusammengeschnittenen Ligusterhecke werden seit Jahrhunderten immer wieder als Prämisse durch die Ästhetikvorlesungen der globalen Geistesgeschichte gejagt. Ganz so wie Hunger, Schlaf und Fortpflanzungstrieb die Aktivitäten des Alltags regulieren, strukturiert ein geometrisches Raster unsere Betrachtung von Dingen. Und nicht nur das. Unsere ganze Wahrnehmung scheint davon geprägt zu sein, dass wir wiederkehrende Muster erkennen, sie zu Bildern ordnen, und nach einfachen Prinzipien Dinge als entweder wohlgeformt oder unerträglich klassifizieren. Diese intuitive Einordnung folgt einer Dichotomie: hier die harmonischen Proportionen, dort die chaotische Entgleisung, die Unordnung, die ungleichmäßige Verteilung und Verzerrung.

Das Phänomen zieht sich durch die Kulturgeschichte. Das antike Versmaß, das mit wiederkehrenden Takten Ordnung in die wuchernde Sprachgewalt bringt. Der Leonardo, der seinen vitruvianischen Menschen nach exakten Proportionen konstruiert.  Bachs Fugen, die mit mathematischer Präzision wie ein Ton gewordenes Uhrwerk Konsonanz erschaffen. Zwei Dinge scheinen uns Menschen dabei universell anzufixen. Zum einen symmetrische Ausgewogenheit. Sie ermöglicht uns, Töne, Punkte oder Sätze in Regelfolgen zu erfassen. Das stabilisiert unsere Wahrnehmung und ermöglicht uns, Dinge aufeinander zu beziehen. Zum zweiten: das wohlgeformte Verhältnis dieser Regelfolgen zueinander. Wie sich eine lineare Folge zur einer anderen verhält, ermöglicht uns, zu urteilen, zu schätzen, zu bewerten, ergo: Geschmack zu entwickeln.

Das kann der berühmte goldene Schnitt sein, der sich angeblich in allem Schönen befindet. Es handelt sich um ein ungefähres Ein-Bisschen-Mehr-Als-Ein-Drittel-Verhältnis einer Sache zu einer anderen. Ob Laubblatt in der Natur, ob Absatzeinteilung oder Melodie: in der Tat lässt sich dieses Verhältnis in vielen Klängen, Mustern oder in der Natur wiederfinden. Der Schnitt ist mathematisch einfach zu konstruieren und taucht bereits bei Euklid auf: Ein unregelmäßiges, rechtwinkliges Dreieck, in dem die Ankathete doppelt so lang ist wie die Gegenkathete, wird in der Mitte der Hypotenuse von einem Kreis geteilt, dessen Mittelpunkt im spitzen Winkel liegt. Der Punkt, wo die Kreislinie die Ankathete schneidet, teilt die Kathete in ein Verhältnis von ungefähr 0.382 zu 0.618. Schöner Schnitt! Der Philosoph Adolf Zeising war sogar überzeugt davon, dass dieses Verhältnis eine Art Naturgesetz ästhetischer Proportionen darstellt. Der goldene Schnitt ist allerdings nicht der einzige Garant ästhetischer Wahrnehmung: auch ein Verhältnis von vier Teilen zu drei oder sechzehn zu neun massiert bekanntlich unsere Nervenzellen beim Genuss von cineastischen Ergüssen. Dass das intuitive Entzücken von Menschen angesichts bestimmter Formen so regulär und messbar ist, verleitet gar zu Kantischem Enthusiasmus: Der Flaneur aus Königsberg meinte nämlich unter Rückgriff auf Aristoteles, dass es so etwas wie einen allen Menschen zugänglichen Sensus Communis gibt, der individuelle Geschmacksurteile mitteilbar und auf ihre Gültigkeit überprüfbar macht.

Obwohl durch Architekten wie Le Corbusier und Haussmann viele dieser Ordnungsprinzipien in den modernen Städtebau übernommen oder 2017 gar futuristische Tankstellen des Glücks in Eritrea in das Weltkulturerbe aufgenommen wurden, spielt die Wertschätzung von Symmetrie im Alltag doch eine erstaunlich mickrige Rolle. Zu massiv und überreizt die Shopping Malls der Großstädte, um diese als in sich geordnet wahrnehmen zu können, zu wahllos und beliebig die Farben und Muster unserer Umgebung (und der uns umgebenden Klamotten).

Dabei könnte es durchaus einfach sein. In altmodischen Herrenklubs wird nicht zu Unrecht darauf hingewiesen, dass zum Zwecke der Harmonie Gürtel und Schuhe die gleiche Farbe haben sollten. Als die Savile Row noch nicht mit Touristen vom Picadilly Circus überschwemmt war, machte die Runde die Rede, dass man nie mehr als drei Farben gleichzeitig kombinieren sollte. Und die Formsprache eines Hoodies mit einem Businessblazer zu kombinieren, ist sicherlich kein Zeichen für die Ausgewogenheit von Proportionen. Nur: ist das symmetrische Kombinieren von vorgefertigten Kleidungseinheiten wirklich das einzige, was dem geschmackvollen Instagrammer in weltbürgerlicher Absicht noch bleibt? Mehr dazu in der nächsten Folge. Thema dann: Minimalismus.

Bild: Le Corbusier, Le Modulor.

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