Über den Minimalismus

Oder: Lob des Vezichts. Settembrinis Stilkolumne #6

Weniger ist mehr. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die gesamte Geschichte der Mode im 20. Jahrhundert nichts weniger als eine Geschichte des Minimalismus ist. Aus verschnörkelten Rüschenkleidern mit Korsetten wurde schlichte Abendmode, die komplizierten Überröcke aus Militärtradition wichen zuerst der Oscar-Wilde-haften Exzentrik des Fin-de-Siècle, und mit dem Zylinder und sonstigen Hüten wurde sodann die am längsten andauernde Kleidermode im westlichen Kulturkreis aufgegeben. Man entledigte sich allem, was als unnütz betrachtet wurde. Form follows function. Barock-mollige Schönheitsideale verwandelten sich in Ideen von anwendbarem design und der Vereinbarkeit von Kunst und Leben. Coco Chanel sagte Sachen wie: „Einfachheit ist der Schlüssel zur Eleganz“ und Yves-Saint Laurent wurde zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt, weil er der Welt das Cocktailkleid und der Damenmode den Smoking geschenkt hatte.

Die Idee des Minimalprinzips ist die stillschweigende Voraussetzung nicht nur heutiger Mode, sondern auch gegenwärtigen Denkens. Üppigkeit jeglicher Form ist zwar nicht Pseudonym, wohl aber Beiklang von „Geschmacklosigkeit.“ Exzess, Übersteigerung und unbotmäßige Prachtentfaltung werden im derzeitigen Diskurs nicht goutiert. Dass Erdogans neuer Palast im Westen nicht beliebt ist, mag nicht nur daran liegen, dass er entgegen mehrerer Gerichtsbeschlüsse in ein Naherholungsgebiet gebaut wurde, sondern auch daran, dass er über 1100 Zimmer hat und ungefähr 30mal größer ist als das Weiße Haus. Die Prämissen unserer Weltwahrnehmung finden sich wieder in der modernen Architektur, wie sie beispielsweise Mies van der Rohe oder Max Bill in dem Versuch entwarfen, ein formales Konzept der Ästhetik mit sozialem Wohnungsbau in Einklang zu bringen. Sie finden sich auch wieder in der universellen Anpassbarkeit von IKEA, in der Glätte von Plasmabildschirmen und in der Geradlinigkeit von immer dünner werdenden iPads. Und sie finden sich in dem Bedürfnis der Modewelt nach strengen Schnitten, nach hochwertigen Stoffen und einfachen Pastellfarben: nach einem Scandinavian Minimalism, der sowohl in alle Zielgruppen verkäuflich als auch sozial erschwinglich sein soll.

Der Impetus dieser Bewegung ist sehr produktiv. Er definiert Eleganz durch die Anordnung räumlicher Einheiten zueinander, und macht diese Eleganz mehr Menschen zugänglich, als es der Klassizismus, der Historismus oder die Romantik je vermocht haben: nicht nur aufgrund der vereinfachten Produktionsbedingungen, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die „gute Form“ kein Statussymbol für ein exklusives soziales Milieu ist. Genau dieses Vertrauen darauf, dass es ein strenger Schnitt von Jil Sander schon tun wird, dass ein Stahlrohrmöbel von Breuer dem Raum genau angemessen ist, offenbart auch den großen Glaubensgrundsatz von funktionalem und minimalistischem Design: dass gewisse Proportionen einfach intrinsisch schön sein können.

Wenn aber diese fundamentale Ausgewogenheit nicht gegeben ist, misslingt selbst der unschuldigste Versuch eines einfachen Outfits. Wenn Form, Farbe und Material nicht stimmen, kann auf noch so viel verzichtet werden: ein leerer Raum mit Urinal sieht scheiße aus. Doch es geht noch um mehr.

Denn der Minimalismus hat noch eine zweite, grundsätzliche Eigenschaft. Er ist eigentlich zutiefst arrogant. Wofür der Minimalismus steht, ist die Eroberung des Raumes. Er sagt: guckt, ich kann mir leeren Platz leisten. In einer Zeit des Termindrucks, der Platznot, des Mangels und der Überpublikationen habe ich die Macht, auszusortieren.  Ich brauche kein Bücherregal, weil ich alles auf meiner 1TB apple-cloud habe. Ich brauche auch kein Bücherregal, weil ich eigentlich keine Bücher lesen muss. Ich habe Platz. Ich habe Zeit. Ich muss gar nichts.

Minimalismus ist nicht nur die Fokussierung auf das Wesentliche. Er ist wesentlich die Abwesenheit von Verpflichtungen. Dafür steht auch das ethische Konzept des „einfachen Lebens“. Es propagiert freiwilligen Verzicht und Selbstbeschränkung als Reaktion auf den überbordenden Konsum und die Wegwerfmentalität des Kapitalismus. Hier wird aktiv Freiheit dadurch gewonnen, dass man sich der Welt entzieht. Sein übertrumpft Haben, Achtsamkeit ersetzt Besitz. Das Paradoxe an dieser Bewegung ist, dass auch sie sich damit explizit der Erhöhung der Lebensqualität und der Steigerung der Intensität verschrieben hat. So folgt sie weiterhin der Logik kapitalistischer Optimierung. Gleichzeitig entzieht sie dem Kapitalismus ein grundsätzliches Standbein: sich selbst beschränkende Kunden sind schlechte Kunden.

Minimalismus kann glücklich machen. Wer die stabilen Harmoniken, Phasenverschiebungen und Konsonanzen in den Klangteppichen von Komponisten wie David Lang, Arvo Pärt oder Steve Reich kennt, mag oft das Gefühl repetitiver Unendlichkeit haben. Hier geht es um die Rückeroberung von Zeit und Raum durch Leere und Genügsamkeit. Der Impetus ist der gleiche wie der des Diogenes, der Alexander den Großen um den einzigen Gefallen bittet, ihm ein wenig aus der Sonne zu gehen. Die intellektuelle Arroganz der Minimalisten kommt an ihr Ende, weil sie weise sind; und weil die Weisen keinen Zwang verspüren, auch nur irgendwas zu tun. Aber ist das das ganze Minimalprinzip? Und wenn ja: wäre es nicht schrecklich langweilig? Mehr zur Unterhaltung dann in der nächsten Kolumne: über guten Humor.

Bild: langweilige Architektur aus Glas und Stahl, gefunden auf Pixabay.

2 Kommentare zu „Über den Minimalismus

  1. Respondenz:

    Der Satz ‚Gleichzeitig entzieht sie dem Kapitalismus ein grundsätzliches Standbein: sich selbst beschränkende Kunden sind schlechte Kunden.‘ ist zu problematisieren – wie es ja auch getan wird, wenn auch in anderer Richtung. Sieht man den Kapitalismus als gewinnorientiertes Wirtschaftssystem an (es gibt andere wesentliche Definitionsmerkmale, die hier jedoch keine Rolle spielen sollen), ist er gegenüber ‚Stil‘ relativ blind, solange ‚die Kasse stimmt.‘ Die Reduktion auf gestalterischer Ebene ist nicht notwendigerweise eine auf ökonomischer Ebene: Das Bücher ersetzende digitale Endgerät ist letztlich teurer als die Summe der Buchpreise der Bücher, die darauf gelesen werden – und wahrscheinlich auch nicht nachhaltiger.

    Ginge es hier jedoch eher um eine Art ‚Massenpsychologie‘ mit dem Ergebnis, dass die allgemeine Mentalität hin zu einer Reduktion geht, die in ihrem Wesen dem Wesen des Kapitalismus, das (auch) auf ständigem Wachstum beruht, entgegen steht, ist das grundsätzlich eine treffende Beobachtung, die jedoch mit Vorsicht zu genießen ist. Denn inwiefern ist die Deduktion aus der Oberflächenerscheinung des Minimalismus‘ zu einer Verhaltens-(oder Konsum-)psychologie der Genügsamkeit im Kern zutreffend?

    Anders: ‚Wie hoch ist die revolutionäre Energie von Leuten mit Che Guevara T-Shirts von H&M einzuschätzen?‘

    Liken

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