Über das Schunkeln

Oder: ist das noch lustig? Settembrinis Stilkolumne #7

Es weihnachtet wieder. Die Verfallserscheinungen herbstlicher Apathie sind am Konsumverhalten der Verbraucher abzulesen: der Verkehr wird hektisch, die Werbung immer aufreizender: mit eklektisch zusammengebauten Versatzstücken aus alpiner Winterkulisse und durch nichts zu erklärenden, aufflackernden Licht- und Farbblitzen, vor denen rot gewandete Großväter manisch immergleiche Bewegungen  vollführen und in ihren Bart glucksen sowie halbnackte Frauen EDV-Geräte umarmen, während aggressive Voices aus dem Off ihre Mitbürger auffordern, in den Ringen des Saturn Opfergänge darzubringen; sich derweil das Bildungsbürgertum aufrafft, alte Bekannte in Kunstbuchhandlungen trifft und solange Bioläden stürmt wie auch die letzte Packung Salbei-Piment-Granatapfel-Granulat zusammen mit einer ökologischen Handseife an den Mann respektive die Großmutter gebracht ist. Auf diese Weise erlebt der freie Markt mit Verzückung seinen Orgasmus, der durch die proppenvollen Fußgängerzonen navigierende Arbeitnehmer stöhnt, der in Teilzeit an der Kasse arbeitende Werkstudent stöhnt auch, der Verband mittelständischer Familienunternehmen stöhnt erleichtert auf; am Abend des 24. Dezember verfallen alle Beteiligten dann verdient in post-koitalen Halbschlaf und unter den schmerzhaften und komatösen Wehen der Nachwirkungen von zu viel Schokoladenverzehr wird still und leise das neue Jahr geboren. So beginnt der Circle of Life des ersten Quartals jedes Mal wieder von Neuem: das Wunder des Lebens, die ewige Wiederkehr der Gleichen, drum kommet ihr Hirten und staunet.

Das ist eine Beobachtung, die ich immer schon einmal loswerden wollte. Sie hat nichts mit dem Thema dieser Kolumne zu tun. Die seit geraumer Zeit fortschreitenden Symptome des vorweihnachtlichen Exzesses lassen nämlich noch weitere Beobachtungen zu. Während der Kapitalismus in die Geldbörse des kleinen Mannes ejakuliert, verfallen die den orgiastischen Gelüsten nur mit Reserviertheit Teilhabenden einer anderen sündhaften Beschäftigung: der Behaglichkeit. Behaglichkeit bedeutet, es sich jetzt mal verdient zu haben. Sich jetzt mal ausruhen zu dürfen. Behaglichkeit ist der Gewürzketchup auf dem Weihnachtsmarkt. Behaglichkeit heißt mitmachen, heißt Klatschen bei der Hitparade, heißt auch, bei der Betriebsweihnachtsfeier gegenüber der Praktikantin mal einen anzüglichen Kommentar ablassen zu dürfen, heißt leichter Schwips beim Glühweinstand; Behaglichkeit trägt den Namen der neuen CD von André Rieu und der Best-of-Christmas-Platte, auf der es die Pop-Version des Weihnachtsoratoriums geschafft hat, endlich neben Jinge Bells von Mariah Carey performed zu werden. Glückwunsch. Behaglichkeit sieht man auch am Werke, wenn sich jemand mit echter Nostalgie und leichtem Pipi in den Augen Rosen im Herbst anguckt (die 50er Jahre-Verfilmung von Effi Briest), oder wenn mit besonderer Sentimentalität und Akkordeon wieder Weihnachtslieder gesungen werden. Behaglichkeit ist, wenn wieder geschunkelt werden darf. Und es wird geschunkelt. Alle Jahre wieder.

Der komfortable, unschuldige, niedliche Rückzug ins behagliche Private ist an sich kein Problem. Mag es doch jeder, mal wieder mit der Familie Kekse zu backen, Astrid-Lindgren-Geschichten vorzulesen oder Zeit für einen Filmabend zu haben. Nicht zu Unrecht aber liegt onomatopoetisch nahe an der Behaglichkeit auch die Bequemlichkeit: die unbegründete Selbstvergewisserung, sich jetzt einmal nicht so genau damit beschäftigen zu müssen, was man da gerade tut.

In der letzten Kolumne endeten wir damit, dass ein formvollendet formschönes Leben eigentlich ein ziemlich langweiliges sein müsste. Bei immer nur Minimalismus passiert im Großen und Ganzen halt sehr wenig. Formen der Behaglichkeit, die insbesondere weihnachtsduselig wieder zum Vorschein treten, sind der Versuch, diese Langeweile zu killen. Nach einem novemberhaften Arbeitsalltag, der Routine gewordenen Junghans-Uhr, wird jetzt endlich wieder dekoriert, beim Lebkuchen darf zugegriffen und beim Kräuterschnaps über’n Durst getrunken werden. So wird Spaß wird mit temporärer Ausflucht assoziiert, bis im Januar wieder alles weitergeht wie gehabt. Aber statt Langeweile wirklich effektiv zu bekämpfen, ruht sich die behagliche Ausflucht so in bequemer Molligkeit aus. Und das ist keine Lösung. Im besten Fall gibt es nur Winterpfunde und einen leichten Kater. Im schlimmsten Fall kommen auch noch kitschige Lichterketten dazu.

Das Problem an Behaglichkeit, Bequemlichkeit und Kitsch ist, dass das eigentlich nicht lustig ist. Der weihnachtsduselige Heimatfilmliebhaber, hat, das unterstelle ich, sich selbst gegenüber keinen Humor. Niemand schunkelt aus Versehen. Im Moment des rührseligen Schunkelns nehme ich mich ernst, ich nehme meinen rührseligen Nachbarn ernst, ich nehme die ganze Welt genauso ernst, wie ich vorher die Arbeit genommen habe, nur dass jetzt eben niemand mehr arbeiten darf, sondern jeder schunkeln muss.

Was uns fehlt, wenn wir so bieder vor uns dahinschunkeln, ist eine Haltung der Distanz uns selbst und der Welt gegenüber. Eine solche Distanz könnte man gemeinhin auch Ironie nennen. Erkennbar an leicht belustigt hochgezogenen Mundwinkeln, an der Fähigkeit, sich nicht von der Welt – weder von der Arbeit, noch vom Schunkeln – vollständig vereinnahmen zu lassen. Wer ironisch ist, der kann schlecht schunkeln, denn er gibt sich der Bewegung nicht ganz hin. Er distanziert sich von den Vorkommnissen und erschafft sich so eine gewisse Art von Freiraum. Ja, eine solche Ironie schafft Freiheit. Und, oh Wunder: Diese Freiheit gilt unabhängig von Geschäftszeiten. Wenn wir annehmen, dass das so ist, dann liegt im guten Humor tatsächlich ein Samen menschlicher Selbstbestimmung.

Das sagt man oft, das hört man oft, und die willige Hermann-Hesse-Leserin bekommt aufgeregt das nächste Lesebuch geschenkt und liest fromm über die Bedeutung des Lachens. War das jetzt zu moralisierend? Den guten Vorsätzen und dem Oberlehrerton folgt übrigens die nächste Folge – bis dahin: Merry X-Mas! Oder, wie die nervige kleines Schwester dieses verbalen Grobians sagen würde: Fröhliche Y-Nachten.

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