Abschied vom Mythos, oder: Analyse eines Nekrologs

Über den Film „Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“

 

Anfang November ist ein Film über den Philosophen Hans Blumenberg in die deutschen Arthouse-Kinos gekommen. „Hans Blumenberg – Der unsichtbare Philosoph“ wird beschrieben als ein philosophisches Roadmovie, in dem der Mensch Blumenberg aus der philosophischen Theorie hervortreten soll. Diesem Ansatz liegt offenbar weit verbreitete Meinung zugrunde liegen, dass Theorie stets staubtrocken ist, Menschen aber spannend. Man mag von dem Film halten, was man will – einen Erfolg muss man ihm zugestehen: nämlich, die Stupidität dieses Gegensatzpaares schonungslos offengelegt zu haben. Denn nach Konsum des Films stellt sich die Erkenntnis ein, dass Menschen noch viel langweiliger sein können als bloße Theorie. Wenn sie doch wenigstens den Sprung in das eigene Denken wagten! Auf einen ehrlichen Erkenntnisgewinn hofften! Ein Königreich, ein Königreich für eine textgebundene Analyse! Das alles möchte man den Blumenberg-Kreuzfahrern zurufen. Stattdessen wird auf den Spuren eines toten Philosophen durch die Republik gegurkt. Es werden einige literarische Grabsteine umgedreht. Zum Geruch des Ford Transit gesellt sich Zigarettenrauch und Männerschweiß. Was davon übrig bleibt, ist vor allem eines: Mief. Wer darin den Geschmack des derzeitigen akademischen Betriebs erschnüffelt, mag an dem Film seine Freude haben.

 

I. Der Denker

Hans Blumenberg war ein westdeutscher Philosoph. Geboren 1920, vor, während und nach den Kriegswirren studiert, hatte er seine publizistische Höhephase zwischen den 60ern und 80ern. 1996 starb er in Altenberge. Die Schwerpunkte Blumenbergs liegen in der Kulturphilosophie und der Phänomenologie, er beschäftigte sich jedoch ebenfalls ausgiebig mit theologischen, sprachphilosophischen und philosophiegeschichtlichen Fragen, sowie mit der Philosophie der Existenz. Berühmt ist Blumenberg für die Entwicklung einer eigenen Philosophie der Metapher, der sogenannten „Metaphorologie“. Der Grundgedanke dieser Metaphernlehre ist, dass Metaphern ein ganz bestimmter Wahrheitswert zukommt, der sich nicht in aussagenlogische oder empirische Sätze umformen lässt. Interessant ist das deshalb, weil laut Blumenberg manche Wahrheiten nur in Metaphernform ausgedrückt werden können – und deshalb eine philosophische Analyse der Metapher als solcher notwendig ist. Neben diesem charakteristischen Denken an der Schnittstelle von Sprache und Kultur ist Blumenberg auch bekannt für seine philosophische Anthropologie sowie für die Fortführung der Lebenswelt-Philosophie von Husserl und Dilthey. Bereits zu Lebzeiten veröffentlichte er viel. Bisweilen spricht man von ihm als dem wichtigsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit nach Adorno, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Forschungsinteresse an ihm nicht abgerissen ist. Zuletzt sind bei Suhrkamp von ihm die Phänomenologischen Schriften erschienen.

Es gibt, so muss man zugestehen, also eine Reihe von Gründen, sich mit Blumenberg zu beschäftigen. Und es gibt in Blumenbergs Philosophie viele Motive zu entdecken, die eine Lektüre oder ein Studium lohnenswert machen.

Soweit so gut. Was folgt, ist die Konzession: Blumenberg ist schwieriges Terrain. Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen ist Blumenberg ein sehr schwieriger Autor. Er war kein großer Freund der Klarheit. Man muss ihn entschlüsseln. Und es gibt so manchen langen Satz, bei dem man sich eingestehen muss: Vielleicht soll der gar nicht entschlüsselbar sein. Dazu kommt der zweite Grund: Blumenberg ist Nische. Das liegt daran, dass viele der oben genannten Themen – Anthropologie, Metaphernlehre, Phänomenologie, Lebenswelt – nicht zum klassischen Kanon des Philosophierens dazugehören, zumindest nicht im Grundstudium. Und innerhalb dieser Nischenthemen hat Blumenberg selbst wieder eine Nischenstellung inne. Wenn man Blumenberg liest, oder wenn man über Blumenberg spricht, muss man also fortwährend im Hinterkopf behalten, dass dieser Denker kontextualisiert werden muss, und auch kontextualisiert werden will. Ohne einigermaßen Hintergrundwissen zu haben, und Blumenberg mit diesem Wissen in Dialog zu bringen, lässt mit ihm wenig anfangen. In anderen Worten: wer mit Blumenberg philosophieren will, muss Blumenberg konfrontieren. Und ja, dazu ist es notwendig, auch mal Fragen zu stellen wie: warum ist eine Metapher überhaupt wichtig? Warum hat Blumenberg überhaupt Heidegger gelesen – und nicht etwa Bertrand Russell? Was heißt das: Lebenswelt? Warum redet da niemand drüber? Was will der damit?

Um mit einer Nische zu arbeiten, muss man die Nische problematisieren, und zeigen, warum man sich überhaupt in die Nische zurückzieht. Denn es gibt ja auch noch eine Philosophie außerhalb der Nische. Und offenbar wollte Blumenberg bei dieser Mainstream-Philosophie nicht mitmachen. Dafür muss er Gründe gehabt haben. Die interessanten Fragen liegen da, wo es um diese Gründe geht.

Nun hatte Blumenberg ein sehr eigenwilliges Verständnis davon, was Philosophie sein soll, und was man macht, wenn man das macht: philosophieren. Einen Großteil seiner Lehrzeit verbrachte er in Münster. Er hielt dort freitags im Schloss stets eine Vorlesung und verschwand danach in der Versenkung. Seminare, öffentliche Sprechstunden: Fehlanzeige. Was Blumenberg kultivierte, war eine Aura der sublimen Nachdenklichkeit, eine Atmosphäre, in der Denken Freiheit bedeutete und das akademische Leben geheimnis- und bedeutungsvoll war. Von ihm ist das Zitat überliefert: „Nachdenklichkeit heißt: es bleibt nichts so selbstverständlich, wie es war.“ Sagen wir es so: Blumenberg war sehr gut darin, sich selbst mit einem Mythos zu umgeben. Und genau in jenem Mythos liegt auch der Ursprung des Filmes.

 

II. Der Film

Zwei Freunde haben in ihrer Jugend in Münster begeistert die Blumenberg-Vorlesungen gehört, viel Rotwein getrunken und Zigaretten geraucht. Sie sind groß geworden, einer fährt Taxi, der andere führt eine Werbeagentur, sie trinken nun immer noch Rotwein und rauchen vielleicht etwas weniger Zigaretten. Sie sind nach wie vor überzeugt davon, dass Blumenberg der philosophische Meister par excellence ist, und dass Philosophieren nach Blumenberg möglich, aber sinnlos ist. Sie haben vor einigen Jahren Sybille Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ gelesen, in dem es ebenfalls um besagten Denker ging, und der sich so überraschend gut verkauft hat, dass Blumenbergs Denken minimal popularisiert wurde. Sie beschließen, dass es nun an der Zeit ist, ihrem Idol einen cinematographischen Gartenzwerg in den geisteswissenschaftlichen Kyffhäuser zu stellen, rufen den Régisseur Christop Rüter an, der schon einige Künstlerbiographien verfilmt hat, und kontaktieren den Blumenberg-Forscher Dr. Rüdiger Zill, der überraschend Mitglied bei der Blumenberg-Gesellschaft ist. Sie setzen sich alle zusammen in einen Bus, entwerfen die große Hans-Blumenberg-Roadmap und reisen über Landstraße und Autobahn der auf- und untergehenden Sonne Hans Blumenbergs entgegen. Auf ihrer Reise ins philosophische Jerusalem treffen sie eine Reihe illustrer Gestalten, die alle ganz furchtbar schlaue Sachen über den großen Philosophen sagen. Statt rauchender Colts wird kräftig Pfeife geschmaucht, und statt schlechter Country-Musik dröhnt Bachs Matthäuspassion durch den Ford Transit. Wäre es ein guter Western, würde am Ende noch ein Showdown zwischen dem auferstandenen Philosophen und den wackeren Recken folgen. Leider aber wird der Zuschauer um eine konsequente Finalisierung des Plots betrogen: zum Schluss wird lediglich stolz an den Edelstahlbriefkasten in Blumenbergs Bungalow herangezoomt, man sieht noch die einfallslose Treppenbewachsung, einige ganz besondere Bilder aus dem Blumenberg‘schen Familienfotoalbum und dann, ja, dann endet der Film einfach irgendwie.

Was bleibt, ist natürlich in erster Linie das Gefühl der Gnade, nicht noch weitere Raritäten aus dem Blumenberg’schen Privatleben im 7oer Jahre Sepia-Look betrachten zu müssen. Neben dem Esszimmer hätte man sicherlich auch noch die Toilette, den Keller, die Küche, Blumenbergs Zahnbürste und das Diktiergerät im Angebot gehabt; man ist dem Regisseur dankbar, davon verschont geblieben zu sein. Was sich dann einstellt, ist ein Gefühl unbehaglicher Ratlosigkeit. War das wirklich alles? Ist das wirklich das, was gebildeten Menschen einfällt, wenn sie sich entscheiden, ein bisschen Geld in die Hand zu nehmen, und einen Film über eine faszinierende Philosophie und den dazugehörigen Philosophen zu drehen? Und wie kann es sein, dass dieser Film eine für ein Nischenphänomen beachtliche Medienaufmerksamkeit bekommen hat, im Feuilleton der FAZ zweimal sehr wohlwollend besprochen wurde und auch sonst die Gemüter nicht sonderlich erregt, sondern nur frommes Nicken und bildungsbürgerliches Staunen hervorgerufen hat?

Der philosophische Betrachter verlässt den Kinosaal mit der dumpfen Ahnung, Zuschauer eines größeren, ungeplanten Schiffbruchs geworden zu sein. Denn was als Huldigung Blumenbergs und seines Lebenswerkes beabsichtigt war, hat letztendlich der Figur Blumenberg die intellektuelle Würde genommen und der dazugehörigen Philosophie den Glanz. Gleichzeitig scheint in der Kritik das niemand zu bemerken, man wendet sich mit müdem Applaus bereits den nächsten Indie-Filmen zu. Wie konnte das passieren?

Es ist klar, dass es sich bei diesem Film um ein offen eingestandenes Fan-Projekt gehandelt hat. Das ist an sich kein großes Problem. Die Probleme liegen woanders, und zwar, meiner Meinung nach, auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen. Die erste Ebene betrifft die Realisierung des Films. Die zweite Ebene betrifft ein fragwürdiges Selbstverständnis eines Teils der deutschen akademischen Philosophie.

 

III. Versuch einer Diagnose

Um die Realisierung des Films, dessen Ziel es ja immerhin war, Blumenberg auch als Mensch näher zu beleuchten, überhaupt beurteilen zu können, lohnt es sich, noch einmal einen Blick auf diese Person Blumenberg zu werfen. Eins ist sicher: Sie lebte davon, eine weite Distanz zwischen sich und den Rezipienten aufzubauen. Die Philosophie Blumenbergs funktionierte in der Öffentlichkeit, weil sie Teil des Mythos Blumenbergs war, von dem man nur wusste, dass er nächtelang wütende Parforcediktate abhielt, nur sechs Nächte der Woche schlief, Unmengen an Text produzierte und außerdem Löwen schätzte. Des Weiteren blieb er, was auch im Titel des Films anklingt – unsichtbar. Das heißt: es gibt kaum Bilder, er ließ nur selten Treffen zu, gab keine Interviews. Nun ist es eine besondere Herausforderung, einen ganzen Film über jemand Unsichtbares zu drehen.  Der Film ging dieses Wagnis ein – und scheiterte dran.

Denn wer das Unsichtbare sichtbar machen will, der kann nur scheitern. Das könnte übrigens wieder einer dieser Blumenberg-Sätze sein, von denen es im Film nur so hagelt. Das heißt aber nicht, dass es kategorisch unmöglich ist, einen Film über Blumenberg zu drehen – wenn man sich nur nicht darauf verbeißen würde, auf Teufel komm raus den Menschen hinter der Theorie zu zeigen. Es könnte ja Gründe dafür geben, dass Blumenberg die majestätische Distanz einem Exhibitionismus vorzog. Vielleicht war einer der Gründe, dass er als Mensch gar nicht so unglaublich viel auszustellen bereit war? Den Filmemachern scheint dieser Gedanke nicht gekommen zu sein. Sie versuchen verzweifelt, die Person Blumenberg mit seiner eigenwillig-tragischen, trostsuchenden, auf den ganzen Kosmos abzielenden Philosophie in Einklang zu bringen. Aber wie soll solch Apodiktisches, Kosmologisches und Universelles in Tagebuchform, in wackeliger Kameraführung, in kleinbürgerlich-piefigem Landstraßenfeeling und in betont subjektiv gehaltenen Interviews noch seine Wirkmacht bewahren? Und es stellt sich heraus: die Person Blumenberg ist mit seiner Philosophie vielleicht gar nicht in Einklang zu bringen. Die Person Blumenberg ist – oh Wunder! – vielleicht auch nur: ein Mensch. Und ja, ein Mensch entwickelt auch Bauchansatz. Ein Mensch hat auch Ängste, und ein Mensch reagiert beleidigt, wenn er nicht den Büchner-Preis bekommt, und ein Mensch diktiert ätzende Briefe, wenn seine Bücher sich nicht verkaufen. Das ist sogar verständlich. Aber es ist nicht würdevoll. Und wenn sich hinter der Unsichtbarkeit des großen Philosophen genau solche Kleinlichkeiten verbergen, tut man besser daran, den Schleier nicht zu lüften. Diesen Gefallen tun die Filmemacher Blumenberg nicht. Sie versuchen krampfhaft, die Person Blumenberg zum sexy bonvivant hochzustilisieren. Wenn Sätze dann fallen wie: Blumenberg hat immer gerne den Porsche seines Freundes gefahren. Oder: Blumenberg hat seinem Verleger nachts um zwei am Telefon erzählt, dass er sich jetzt einen Wein für 2000 Euro aufmacht. Aber auch Sätze wie: Blumenberg war sehr traurig, dass er keine Leser hatte, und hat sich deswegen nach seiner Emeritierung in seinen Keller eingeschlossen – dann ist das eigentlich Grund zum Fremdscham. Was rüberkommt ist: In seinem Leben ist halt sehr lange sehr wenig passiert. Und dann? Ist er gestorben und vom Bett gefallen. Und jetzt? Wird stolz das Familienalbum hervorgeholt. Auf diese Weise degradiert sich der Film zum verzweifelten Versuch, die abendländische Geistesgeschichte in einem Ford Transit unterzubringen, dabei aber den Ford Transit für die coolste Karre im ganzen Kindergarten zu halten. Wie sagte Heinrich Heine? Du sublime au ricidule il n’y a qu’un pas – wer erhaben sein will, macht sich schnell lächerlich.

Das Selbstbild der Philosophie, das sich in diesem Ansatz zeigt, ist dabei nicht weniger unproblematisch. Kommen wir also zur zweiten Ebene.

Was sehen wir an Philosophen in diesem Film?  Man kann nicht oft genug betonen, dass es sich um drei ältere, weiße, faltige Männer mit Bauchansatz handelt, die zur wohl pathetischsten Mucke, die die frühe Neuzeit zu bieten hat, in einem mediokren Bus über die Autobahn tuckern. Weiterhin passiert: nichts. Und wenn das nicht schon ridicule genug wäre, tun sie auch nichts anderes, als ausschließlich über einen anderen, weißen, faltigen Mann mit Bauchansatz zu reden, in dessen Leben ähnlich wenig passiert ist – nur ohne Bus.

Es stellt sich die Frage: ist das Philosophie? Es ist sicherlich nicht die Philosophie, die Blumenberg selbst betrieb. Es ist eine Philosophie, die das Philosophieren aufgegeben hat. Die sich damit begnügt, einen Meister auf einen Podest zu stellen und verschiedene Leute zu verschiedenen Facetten dieses Meisters zu befragen, die dann darauf hinweisen, dass der Meister selbst Schüler voriger Meister war (diese Rolle spielen Heidegger und Husserl). Aber auf diese Art und Weise wird Philosophie zu einer bloßen Nachlassverwaltung degradiert, die selbst wiederum ihre Legitimität dadurch erfährt, dass sie die Nachlassverwaltung einer vorigen Nachlassverwaltung ist.

Und was hätte man philosophisch alles über Blumenberg sagen können! Die oben angerissenen Themen bieten Diskussionsstoff genug. Man hätte die Nische problematisieren können, und fragen können, warum sich Blumenberg wichtigen Themen der 60er und 70er Jahre – dem Poststrukturalismus etwa, der Kritischen Theorie oder der analytischen Metaphysik – verweigerte. Man hätte darüber reden können, wer überhaupt zu Blumenbergs Zielgruppe gehört – und warum. Man hätte fragen können, wo Blumenberg’sche Motive, wie etwa sein Menschenbild oder die Lebensweltproblematik, heute im Mainstream-Diskurs auftauchen. Man hätte auch über die Rezeption Blumenbergs außerhalb seiner eigenen philosophischen Tradition reden können: über die Tatsache beispielsweise, dass die erste englischsprachige Rezension eines Werkes von Blumenberg ausgerechnet Richard Rorty schrieb, der ein bedeutender Vertreter der amerikanischen Neopragmatisten ist, und zu dessen Kulturphilosophie sich von Blumenberg aus erstaunliche Brücken schlagen lassen.  Man hätte so viel tun können, um für die Philosophie Blumenbergs überhaupt ein Fünkchen Relevanz herzustellen. Statt sich aber um ein potentielles Publikum wirklich zu bemühen, ruht der Film sich in der Nische aus. Das ist umso trauriger, als dass in den letzten Jahren Blumenbergs Philosophie tatsächlich für gewisse Kreise relevant geworden ist. So hat Ralf Konersmann aus Kiel beispielsweise schon vor Jahren ein Wörterbuch der philosophischen Metaphern veröffentlicht, das die Instrumente der Metaphorologie nutzt, um die Grenzen philosophischen (und vernünftigen) Sprechvermögens zu klären. Auflistung im Film? Nirgends. Und eine Einbettung der beiden im Film erwähnten zeitgenössischen Forschungsprojekte in ein größeres, interdisziplinäres Bild? Erfolgt auch nicht. Stattdessen pflegt man Nabelschau. Nur Nachdenken über, durch, mit Blumenberg steht zur Debatte. Warum bloß fällt es Intellektuellen so schwer, sich von solcherart Vaterfiguren zu lösen? Insbesondere, wenn diese Vaterfigur – mit Verlaub – menschlich mitnichten so faszinierend ist, wie wir es gerne hätten?

 

IV. Ein mögliches Selbstverständnis

Diese Art und Weise Philosophie zu betreiben und zu präsentieren offenbart ein tieferes Problem, das in Deutschland offenbar immer noch nicht ausgerottet ist. Es handelt sich um das Phänomen der intellektuellen Frömmigkeit. Da ist er, der große Denker! Seine Vorlesungen hält er im Münsteraner Schloss! Seine Gedanken schweben hoch oben in luftigen Höhen! Seine Zeit verbringt er sinnierend in Höhlen! Trinken tut er nur den erlesensten Wein! Des Nachts sitzt er einsam und diktiert! Beten wir ihn an und eifern wir ihm nach – auch wenn niemand sonst mitmachen will! Dieses Bild aus der deutschen Romantik – man denke nur an Spitzwegs armen Poeten oder den Wanderer über dem Nebelmeer – legt nahe, dass es sich bei Philosophen um besondere und abgeschiedene Geister handelt (und handeln soll!), die mit der Gesellschaft nichts zu tun haben. Einige folgen diesen Geistern nach, und verachten sodann die ordinären Normalverbraucher, die sich des Tags mit Trivialitäten abgeben, wohingegen die Masse mit den Philosophen nichts anfangen kann, sie als brotlose Kunst und bestenfalls als Taxifahrer abstempelt, und auf ihre Worte auch nicht hört. Das führt dann dazu, dass die Philosophen sich in ihrer Nische noch mehr versteifen, dass gestandene Männer wie kleine Kinder in ihrem Bus ihrem Idol nacheifern und sich seine Sätze wieder und wieder auf Handylautsprechern anhören. So wird das Ideal des weit entfernten Freigeistes bewahrt und verzweifelt versucht, aus einer Autobahnabfahrt noch ein Quäntchen Mystik rauszupressen.

Nichts aber ist tödlicher für die Philosophie als dieser Gegensatz zwischen der „sakralen“ Philosophie und der „profanen“ Erde. Denn die Philosophie lebt doch aus der Interaktion mit den Geschehnissen in der Welt! Sie lässt sich nicht im stillen Kämmerlein betreiben, sondern braucht die Debatte, die Konfrontation, die aufrichtige Neugier Fachfremder! An den nicht-philosophischen Geistern muss sich das philosophische Denken ausrichten, denn auch um ihr Denken und Leben geht es. Ein philosophisches Denken, das sich nur von sich selbst nährt, muss unweigerlich verdorren und absterben. Warum aber sehen wir Philosophen nicht, wie uns ein Selbstbild der Mystifizierung, Unannahbarmachung und Distanz selbst schadet?

Das mag eine Frage sein, die sich in diesem Rahmen nicht beantworten lässt – Blumenberg hätte auf sie sicherlich eine interessante Antwort parat. Sie lässt jedoch noch Reihe finaler Rückschlüsse zu.

 

V. Ausblick auf Unbequemlichkeit

Zum ersten erfährt die Philosophie in „Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“ eine sehr schlechte Publicity. Wer tatsächlich als Nicht-Philosoph erwägt, sich mit diesem Feld mal eingehender zu beschäftigen, wird von dem Habitus abgeschreckt werden, auf dem sich der Film ausruht: von der Philosophie als Domäne der Weintrinker, Alt-Feuilletonisten und französischer Raucher mit Seidenkrawatten. Die Tatsache, dass wir Philosophen tatsächlich furchtbar gerne Wein trinken, rauchen, über Proust reden und Rollkragenpullis tragen, ist dabei sekundär. Das Problem im Film ist, dass sich die Philosophen in ihrem Habitus viel zu ernst nehmen – obwohl ihnen diese Selbstgerechtigkeit angesichts ihres Nischendaseins einfach nicht zusteht.  Diese Prätentiösität geschieht dazu auch noch in einem Pathos, der für das, was effektiv gezeigt wird, tatsächlich nur peinlich ist. Aber die Frage ist wirklich: Was ist mit all den Leuten, die Wein, Feuilleton, Taxifahren und Französische Raucher gar nicht so cool finden? Was sollen die von der Philosophie halten? Wie schaffen wir es, dass die Philosophie auch für diese Leute offen und interessant bleibt? Für die Philosophie ist „Der unsichtbare Philosoph“ ein Manifest der Abschottung, weil er die Unsichtbarkeit der Nische an sich über den grünen Klee zelebriert. Und das ist dann noch nicht einmal so sexy, wie all die französischen Raucher es gerne hätten, sobald sie ihre Nikotinbeine ignorieren.

Zum zweiten lässt sich erahnen, dass die Sensibilisierung für diese Probleme innerhalb der Philosophie weit weniger ausgeprägt ist, als zu wünschen wäre. Genau jenes oben gezeichnete Bild von Philosophie wird in der FAZ, dem Feuilleton vieler regionaler Zeitungen sowie Film-Blogs mehrheitlich positiv besprochen. Was ist notwendig, um darauf aufmerksam zu machen, dass eventuell die Kriterien, mit denen wir „gelungene“ Philosophie messen, gar überhaupt nicht gelungen sind?

Zum dritten erstaunt man über die Unverfrorenheit, mit der auf die Macht der Biographie gesetzt wird. Dass so etwas auch tatsächlich mal zur Leichenfledderei verkommen kann, scheint als nicht weiter problematisch erachtet zu werden – oder wird gar nicht erkannt. Zu der Fremdscham kommt deswegen noch ein Hang Ungläubigkeit hinzu. Ist das wirklich alles, was man anzubieten hat? Muss sich auch eine Tochter wie Bettina Blumenberg so einen Vaterkult allen Ernstes antun? Keiner der Beteiligten hätte es ja nötig: auf der Kinoleinwand hätten sie auch ihre eigenen Ideen und Persönlichkeiten darstellen können.

Zum vierten wird man mit dem Unbehagen zurückgelassen, dass die Philosophie eventuell doch ein Geschlechterproblem hat. Und zwar ein größeres, als sie sich zugesteht. Bis auf Bettina Blumenberg und eine andere Philologin waren alle dominanten Sprecher in diesem Film ausschließlich weiße Männer (mehrheitlich alt). In der Philosophie liegt der Anteil von Frauen an Lehrpositionen – je nachdem, welche Statistik man sich anschaut – noch unter den Werten vieler MINT-Fächer: meist aber unter 20 %. Nun möchte man ja weder als Frau noch als Mann über dieser Tatsache verzweifeln und im Studium gender-paranoid werden. Was aber, wenn es nicht anders geht? Wenn die Lage, was Vielfalt, Austausch, Chancengerechtigkeit und Flexibilität in der Philosophie tatsächlich so düster ist?

„Hans Blumenberg – der unsichtbare Philosoph“ lässt uns in der Stimmung von Biederkeit, Mief und Tristesse zurück. Man ist schockiert, dass die literarische Bildungselite in Deutschland nichts Besseres anzubieten hat, und tatsächlich ernsthaft solchen Spielereien Zeit widmet. Und gleichzeitig ist der unschuldige Zuschauer ehrlich aufgeregt und verwundert, dass Blumenbergs Philosophie trotz alledem nicht totzukriegen ist: denn inhaltlich waren die Äußerungen der interviewten Professoren und Akademiker (und natürlich die gefeatureten Blumenberg-Sätze) die interessantesten, die man seit langem zu hören bekommen hat. Es spricht, nach alledem, nur für die Philosophie und ihr ernsthaftes Betreiben, dass einzelne Aussagen, Gedanken und Themen auch ihrem ramschhaftesten Ausverkauf widerstehen können.

Ein Kommentar zu „Abschied vom Mythos, oder: Analyse eines Nekrologs

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