Über gute Vorsätze

Oder: Über das Moralisieren. Settembrinis Stilkolumne #8

Es ist der 11. Januar 2019. Das bedeutet, dass ich seit 21 Tagen keine Kolumne mehr geschrieben habe, dass Donald Trump seit exakt 721 Tagen, also knapp zwei Jahren, im Amt ist, dass vor 73 Jahren die unabhängige Republik Albanien ausgerufen und die sozialistische Diktatur im Land verfestigt wurde, Angela Merkel vor 17 Jahren in Wolfratshausen mit Edmund Stoiber gefrühstückt hat, vor genau zwei Jahren in Hamburg die Elbphilharmonie eröffnet wurde und vor genau 266 Jahren das British Museum seine erste Sammlung geschenkt bekommen hat. Daneben ist heute übrigens der Geburtstag des Pragmatisten William James.

Das alles soll nicht verschleiern, dass ich, wie gesagt, faul war. Zwei Wochen keine Stilkolumne. Und dann heute. Plötzlich, ein beliebiger Tag im gregorianischen Kalender, der Rechte, Pflichten, enttäuschte Träume, Kurreisen, Leseexzesse, Pre-Pre / Pre- / Sylvester- / und Aftersylvesterparties in Erinnerung ruft sowie mit Sonnenschein daran erinnert, dass mal wieder aufgeräumt werden sollte. Was soll das alles implizieren. Vielleicht die Schwierigkeit der Historiographie, über Daten sinnvoll zu reden, und nicht in einer beliebigen Reihung, die die Geburtstage amerikanischer Philosophen mit der Errichtung von Diktaturen in südosteuropäischen Staaten in Verbindung bringt? Vielleicht die Tatsache, dass die Weltgeschichte gar keiner Notwendigkeit folgt, sondern ebenso beliebig ist wie die obige Reihung andeutet, weil ein Bündel furchtbar verschiedener Dinge eben zufällig an dem immer wiederkehrenden gleichen Tag passiert, der dazu einer ebenso beliebigen kalendarischen Reihung folgt? Vielleicht möchte ich jetzt mal nicht über Stil, sondern über die epistemische Gewissheit von Geschichtsschreibung reden? Oder andeuten, dass der Eurozentrismus nicht so leicht zu überwinden ist, wie wir hoffen? Vielleicht möchte ich einfach Platz schinden?

Hoffen wir das nicht. Heute ist der 11. Januar, das bedeutet, dass vor genau 10 Tagen eine Masse von Menschen in ein neues Jahr gestartet sind, eine furchtbare Menge von Geld verfeuert, und: sich für die kommenden 365 Tage mächtig viel vorgenommen haben. Das ermöglicht es zum einen, dass Philosophieprofessoren nicht arbeitslos werden und Managern etwas über Motivation erzählen können, zum anderen, dass mal wieder tief in die moralische Wunschkiste gegriffen wird. Was soll nicht alles besser werden, im neuen Jahr! 2019 wird das Jahr, in dem ich mich endlich besser anziehe. Mit vielen weißen T-Shirts, roten Hosen, nicht allzu vielen roten Socken, und so weiter. Daneben gilt die sich selbst mit Luftschlangen in Zement gemeißelte Gardinenpredigt: Endlich früher aufstehen! Früher zu Bett! Generell: Dinge früher erledigen! Nicht mehr zu spät kommen! Stilkolumnen wieder rechtzeitig schreiben! Weniger trinken (dafür aber mehr Wasser: mindestens anderhalb Liter am Tag)! Besser essen, mehr Salat, mehr vegan, weniger Spaghetti-Pesto-Exzesse um zwei Uhr nachts, wieder mal richtig lesen (ein Buch von vorne bis hinten durch!), mal wieder einen guten Film gucken, keine Netflix-Serien, kein Facebook-Timeline-Gestarre für mehr als eine Stunde am Tag, weniger Social Media, mehr Quality Time, mal wieder die Familie anrufen, mehr Zeit mit Freunden verbringen, mehr rausgehen, Wandern, Natur, generell: Sport, ganz viel Sport, wieder anfangen zu laufen, Plautze abtrainieren, mehr kohärentes Zeug schreiben, weniger beliebige Reihung von Jahresdaten, mal wieder Argumente, mal wieder mehr Primärliteratur, mehr William James, weniger Hegel, überhaupt: mal wieder zeitgenössische Fachliteratur, up-to-date-bleiben, gut aussehen, attraktiv sein, freundlich sein, höflich sein, psychologische Ratgeber lesen, zwei neue Fremdsprachen lernen, effektiver und zielorientierter arbeiten, daneben mal wieder mehr reisen, am besten in ein Land mit Bergen, Strand, Dschungel, Eiswüste,  Korallenriff, fünfzig historischen Altstädten, hundert Museen und langer kultureller Tradition sowie dem transgalaktisch besten Ensemble von, hm, avantgardistischer Spektralmusik, ein Land, das noch nicht entdeckt wurde, in dem es keine deutschen, französischen, amerikanischen und japanischen Touristen gibt, sondern nur einige desorientierte aber super sympathische Angehörige einer interstellaren Minderheit sowie einige von der Zivilisation sowie dem Kapitalismus noch nicht verdorbene Urvölker.

Die guten Vorsätze zu Beginn des neuen Jahres sind ein gutes Beispiel dafür, dass wir fortwährend unter einer eigentlich unerreichbaren Erwartungshaltung sowie einem konstant hohen Leistungsdruck leben. Was populistischen Argumentationsmustern Vorschub leistet, ist das Gefühl vieler Leute, den moralischen Ansprüchen der Zeit nicht mehr Genüge tun zu können; nicht ständig gendern zu können, nicht ständig implicit biases überprüfen zu können, eigentlich doch nicht so leicht auf die Salami auf dem Frühstückstisch verzichten zu wollen. Das Problem das sich stellt, liegt auf der Hand: es ist ja moralisch gut, Fleisch, Sexismus und Vorurteile zu dismissen. Aber genauso können wir nicht zu jedem Menschen hingehen und sagen: Hey! Du! Änder dein Leben! Werde besser! Weil: so wie du jetzt lebst, lebst du schlecht! So etwas mit der Blume anderen Menschen ins Gesicht zu sagen, ist selbst schon wieder moralisch verwerflich. Was also tun? Stagnieren? Die Idee aufgeben, dass gute Vorsätze tatsächlich gut sind?

Das Problem erinnert mich an die französischen Moralisten zu Zeit des Absolutismus. Es war eine Zeit, in der der Klerus ungemein hohe Erwartungshaltungen an das Leben der Aristokraten, aber auch der normalen Menschen stellte, denen natürlich niemand genügen konnte und wollte – von der Frage ganz abgesehen, ob die klerikale Moral, so wie sie damals war, tatsächlich genuin gut war. Die französischen Moralisten prägten diese Zeit, indem sie die erwünschten Verhaltensmuster in Bonmots und Spruchsammlungen kodierten, an denen sich die Menschen erbauen, aber eben auch belustigen konnten. So ironisierte beispielsweise Francois de la Rochefoucauld die eigenen moralischen Ansprüche wieder treffend in seinen Maximes: „Was uns davon abhält, uns ganz einer einzigen Sünde hinzugeben, ist, dass wir davon eben mehrere haben…“

Eine solche Ironie kann, glaube ich, tatsächlich helfen, auf eine gesunde Art und Weise mit fortwährender Moralisierung fertigzuwerden; gleichzeitig aber intellektuelle Ignoranz, Gleichgültigkeit und Selbstgefälligkeit zu bekämpfen. Natürlich bin ich davon überzeugt, dass die moralischen Vorsätze, die ich habe, die besten sind, die man sich überhaupt ausdenken kann. Natürlich glaube ich, dass die Art und Weise, wie ich die Dinge sehe, die richtige ist – sonst würde ich ja kaum diese Stilkolumne schreiben. Wenn ich damit aber bereits so zufrieden wäre, dass ich meine, auf nichts anderes mehr eingehen zu müssen, wäre ich selbst engstirnig, oder, wie die Moralisten es nannten: bigott. Das Wunder tatsächlicher Ethik liegt wahrscheinlich darin, sich den Zweifel, ob man selbst tatsächlich richtig liegt, ob man selbst nicht eventuell doch anders handeln müsste, fortwährend zu bewahren. In dem Sinne: gute Ankunft in einer neuen beliebigen Kalenderreihung. Und viel Spaß beim Scheitern an den eigenen Vorsätzen!

Bild: Schlanke Frau treibt Sport bei Sonnenaufgang und erinnert uns an unsere Minderwertigkeitskomplexe; gefunden auf Pixabay.

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