Serotonin. Mangel.

Bild: Ryan Whitelow from Unsplash (CC 0)

“It is quite true that man lives by bread alone — when there is no bread. But what happens to man’s desires when there is plenty of bread and when his belly is chronically filled?” 

(A. H. Maslow)

Die Gelbwesten demonstrieren, die USA verharren im Shutdown, vielleicht geht die Welt bald unter, und Michel Houellebecq hat ein Buch geschrieben, das das und noch vieles mehr vorwegnimmt. Es bleibt die übergeordnete Frage, warum Menschen trotz gut gefüllter Konten unglücklich sind.

Dem Glauben, Literatur könne reale Entwicklungen vorwegnehmen, liegt wohl die Vorstellung zugrunde, literarische Figuren seien „Kondensationen der Wirklichkeit”. Wenn das zumindest für den Fall Houellebecq richtig ist, sieht es für die Wirklichkeit düster aus: Trotz relativem, wenn auch ererbtem Wohlstand, trotz noch relativ guten Aussehens und trotz nicht vollkommener Beziehungsunfähigkeit, stolpert der Protagonist Florent-Claude, der seinen Namen lächerlich findet, orientierungslos und zunehmend verzweifelt durch das moderne Frankreich. Wie bei Houellebecq üblich, changiert die Erzählung zwischen komisch, traurig, eklig, berührend, tiefgründig und ausgestellt dämlich – vermutlich alles mit größtem Bewusstsein auf die Wirkung hin kalkuliert.

Wenn der Einzelfall, den Houellebecq schildert, tatsächlich auf eine übergeordnete Schieflage verweist, dann etwas diese: dass viele Menschen trotz materiell guter Versorgung nicht nur nicht zufrieden, sondern geradezu verzweifelt sind. Es gibt eine Reihe theoretischer Ansätze, die dieses Problem erklären möchten. Ich möchte mich im Folgenden auf eine Erklärungsmöglichkeit beschränken, die den Vorteil hat, auf relativ wenigen Annahmen zu basieren: Maslows Bedürfnishierarchie.

In dieser Theorie hierarchisiert Maslow menschliche Bedürfnisse, angefangen mit relativ ,niedrigen‘, etwa physiologischen Bedürfnissen, aufsteigend zu immer ,höheren‘ Bedürfnissen wie etwa dem nach Prestige oder Selbstverwirklichung. Die zugrundeliegende Intuition: Gewisse Bedürfnisse müssen erfüllt sein, damit man sich um andere kümmern kann. Wer akut Hunger hat oder um sein Leben fürchtet, wird sich weniger um Fragen des sozialen Status scheren. Wer umgekehrt materiell ziemlich gut dasteht, wird den ,höheren‘ Bedürfnissen umso mehr Bedeutung zumessen.

Wenn wir Maslows Konzeption auf Houellebecq Figuren anwenden, können wir erstaunlich genau sagen, was eigentlich ihr Problem ist: Die physiologischen Bedürfnisse sind größtenteils erfüllt, und auch bei den Sicherheitsbedürfnissen sieht es (in der Regel durch Erbe) relativ gut aus. Die Probleme beginnen auf der dritten Stufe: wenig oder keine Freunde, keine langanhaltenden Liebesbeziehungen, ein überhaupt eingeschränktes Sozialleben. Auch auf der vierten Stufe sieht es schlecht aus: Das Selbstwertgefühl der Figuren ist am Boden, sie respektieren weder sich selbst noch andere, und werden auch umgekehrt kaum respektiert. Ganz zu schweigen von der höchsten Stufe, der Selbstaktualisierung oder Selbstverwirklichung. Hier herrscht, abgesehen von seltenen und denkbar hohl klingenden Verweisen auf Gott, gähnende Leere. Kurz gesagt: Das Problem von Houllebeqcs Figuren ist der obere Teil von Maslows Pyramide.

Gegen Maslows Konzeption sind verschiedene Einwände erhoben worden: insbesondere, dass sie nicht empirisch testbar sei und sich Maslow bei der Erstellung fast ausschließlich auf hochgebildete weiße Männern bezogen habe. Wenn die Idee jedoch wenigstens im Großen und Ganzen richtig ist, können wir daraus eine ungefähre Erklärung ableiten, was das dem weit verbreiteten Unglück trotz materieller Sicherheit zugrundeliegt: die andauernde Frustration ,höherer’ Bedürfnisse. Wenn das stimmt, ist es auch kein Wunder, dass die Politik scheinbar unfähig ist, diese Probleme zu lösen, auch wenn sie die Folgen der Frustration spüren, etwa in Gestalt der Gelbwesten – weil sie auf die höheren Ebenen der Pyramide schlicht keinen Einfluss hat.

Im Rahmen der Innenpolitik sprechen die meisten Politiker vor allem den unteren Teil der Pyramide an, insbesondere die Sicherheitsbedürfnisse, wobei es ihnen je nach politischer Orientierung in unterschiedlichen Anteilen um das Bedürfnis nach mehr Polizei und mehr Überwachung oder nach mehr ,sozialer’ Sicherheit geht. Auf den höheren Stufen der Pyramide kann die Politik selbst bei gutem Willen wenig ausrichten: Was hat sie schon dazu beizutragen, wie gut meine individuellen Freundschaften und Liebesbeziehungen laufen oder ob ich mich irgendwo „zugehörig“ fühle? Die Regimes, die sich um solche Gefühle gekümmert oder sie zumindest angezapft haben – etwa die Nazis oder die Stalinisten – sind nicht unbedingt die, die wir uns als Lösung wünschen. (Auch wenn das eine mögliche Erklärung ist, warum sich so viele Leute in freien Gesellschaften immer noch den Sozialismus oder den Faschimus zurückzuwünschen scheinen.) Und selbst dann, wenn wir es uns nur im kleineren Maßstab vorstellen, wenn sich die Regierung nur darum kümmern würde, mir bessere Freunde oder „bessere Liebe“ bereitzustellen – würde mich das nicht grundsätzlich herabwürdigen?

Auf der vierten Stufe wird es ähnlich schwierig: Respekt, Würde oder Status wird nicht allen Menschen in dem Maß zuteil, in dem sie es sich wünschen. Der Wunsch, dieses Problem politisch anzugehen, scheint zumindest einen wesentlichen Teil der sogenannten Identitätspolitiken zu erklären. Hier geht es darum, unterrepräsentierte Gruppen ‚sichtbarer‘ zu machen, ihnen eine ,Stimme zu geben‘, sie zu ,empowern.‘ Zugleich scheint es, als hätten Respekt oder Würde nur dann wirklich einen Wert, wenn sie freiwillig zugestanden werden. Wenn hingegen Respekt, den mir die Gesellschaft entgegenbringt, von meiner Fähigkeit (oder der meiner Gruppe) abhängt, der Mehrheit diesen Respekt in irgendeiner Weise abzunötigen – dann ist es kein wirklicher Respekt. Wenn es um Reputation geht, kommt erschwerend hinzu, dass Reputation in in gewisser Weise ungleich verteilt sein muss, weil man ansonsten eben nicht mehr renommierten und weniger renommierten Leuten unterscheiden kann und das ganze Konzept der Reputation überflüssig wird.

Auch auf der obersten Bedürfnisebene sieht es nicht besonders gut aus: Politik kann nicht garantieren, dass ich mich in irgendeinem Sinn selbst ,verwirkliche‘ oder mein volles Potential nutze. Im besten Fall kann sie die Rahmenbedingungen günstig gestalten, etwa indem sie uns ein Grundeinkommen schenkt oder ein Festspielhaus baut, in dem wir unsere Opernzyklen aufführen können. Aus finanziellen Gründen scheinen solche Möglichkeiten jedoch eher unwahrscheinlich. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, ist noch nicht gesagt, dass alle, die ihre Projekte finanziert bekommen, auch wirklich Selbstverwirklichung erleben würden. Denn auch unter günstigen Rahmenbedingungen kann man scheitern, wenn man zum Beispiel nicht der Künstler, die innovative Unternehmerin oder das Architekturgenie ist, das man gerne wäre. Oder wenn man einfach keine Lust hat, morgens aufzustehen. Natürlich könnte mich die Politik irgendwie zwingen, aber inwiefern wäre das noch Selbstverwirklichung?

Falls es stimmt, dass die individuellen Probleme in westlichen Ländern hauptsächlich im oberen Teil der Pyramide anzusiedeln sind, auf die die Politik keinen oder nur geringen Einfluss hat, haben wir eine gute Erklärung für die wachsende Frustration im allgemeinen und die Wut auf die Politik im Besonderen: Weil sie verspricht (oder zumindest zu versprechen scheint), dass sie Probleme lösen wird, die sie gar nicht lösen kann – nämlich jene jenseits aller wirtschaftlicher Probleme – wird sie zum Gegenstand der Wut. Das heißt: Bei der Lösung des Problemkomplexes Frustration können wir uns nicht auf die Politik verlassen; vielmehr kann eine Politik, die etwas anderes verspricht, Teil des Problems werden.

Dann stellt sich die Frage: Wenn nicht die Politik, wer kann diese Probleme dann adressieren, und wie? Das wird das Thema kommender Lagebesprechungen sein.

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