Mara-Daria Cojocaru: Frauen in der Philosophie

1. Frau Cojocaru, der französische Philosoph Jaques Derrida bemerkte „die Geschichte der Philosophie ist phallozentrisch“. Wie steht es um Frauen in der Philosophie heutzutage?


Ich weiß gerade nicht, wo Derrida das gesagt hat, muss aber gestehen, dass ich mit seinem Befund irgendwie nichts anfangen kann. Der Phallus ist für mich das männliche Geschlechtsorgan. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir damit in der Philosophie das Problem haben. Auch gegenüber dem etwas verbreiteteren Begriff des ‚Phallogozentrismus‘ bevorzuge ich den Begriff des ‚Androzentrismus‘. Dieser besagt, dass man in der Philosophie traditionellerweise immer so getan hat, als ob man jenseits geschlechtlicher Identitäten arbeiten würde, und vom Menschen an sich, dem Selbst, dem Sein usw. gesprochen hat. Dabei wird aber unterschlagen, dass in der Philosophie die männliche Perspektive auf diese Dinge dominiert. Die Philosophie ist damit andro– (von Mann) zentrisch. Ein Mann ist aber, denke ich, mehr als sein Geschlechtsteil, nicht wahr, und so erfasst dieser Begriff besser, dass mit dieser Perspektive in der Philosophie eben die Sichtweisen dominieren, die man, zu Recht oder zu Unrecht, für typisch männlich hält, etwa was Vernunft, Natur, Geist oder auch Politik betrifft. Die Gefahr dabei ist, dass Dinge, die sich aus dieser Perspektive nicht erschließen, ignoriert werden. Sagen wir, alle wichtigen Philosophen in der Geschichte wären auch noch rot-grün-blind gewesen; dann hätten wir heute ein unvollständiges philosophisches Verständnis von Farben. Das Problem rührt aber nicht von Wahrnehmungsproblemen dieser Art her, sondern von Geschlechterstereotypen – von schematischen Rollenbildern von Männern und Frauen, die den Möglichkeitsraum von Individuen, sich zu entfalten und gedanklich zu bewegen, einschränken. So entstehen festgefahrene Sichtweisen, die es dem Individuum kaum mehr möglich machen, andere zu verstehen, die eine ungewohnte Sichtweise, wiederum auch zum Teil bedingt, mitbringen.

Wenn ich jetzt sage, um Frauen in der Philosophie steht es schlecht oder immer noch nicht so gut, wird das vielleicht nur als Klage einer Frau aufgenommen, die sich nicht verstanden fühlt. Deshalb lassen Sie mich Ihnen Zahlen geben: 2010 waren von über 240 Professuren in Deutschland nur gut 30 mit Frauen besetzt. So steht es um Frauen in der Philosophie, zumindest in Deutschland, heutzutage. Bzw. wie gesagt, das sind die Zahlen von vor ein paar Jahren. Zwischen 2010 und 2017 ist der Professorinnenanteil über alle Fächer hinweg zwar von ca. 19% auf ca. 24% gestiegen; in der Philosophie liegt er aber traditionell unter dem Durchschnitt. Ich lade alle, die sich für eine aktuelle Erhebung interessieren, dazu ein, sich mit mir zu treffen und wir gehen mit Internet und Beamer im Hörsaal mal zusammen alle Fakultäten im deutschsprachigen Raum durch. Das Bier oder den Yogi-Tee dazu gebe ich aus. Ein wenig hat sich getan, aber nicht sehr viel.

2. Warum hat es die Frau gerade in der Philosophie (im Gegensatz zu anderen Fächern) besonders schwer?


Ich kann das nicht eineindeutig beantworten, schon weil wir ja von Frauen in ganz unterschiedlichen, geschlechterstereotypisch geprägten Situationen sprechen müssen, und nicht von „der Frau“. Es gibt aber eine Reihe an Vermutungen, die übrigens auch für manche Bereiche „der“ Philosophie mehr und für andere weniger zutreffen. Grosso modo ist es erstens so, dass Frauen in der philosophischen Tradition keine Rolle spielen. Somit fehlen die Rollenbilder für Studentinnen. Alle großen Strömungen und Schulen sind entweder nach berühmten Männern benannt oder gehen auf so genannte „Gründungsväter“ zurück; selbst wenn es Frauen gegeben hat! Aus dem Stegreif fallen mir ein für die pragmatistische Tradition etwa Jane Addams oder Anna Cooper, auch die Rolle von William James’ Schwester wird gerne übersehen; und für die analytische Tradition etwa Elizabeth Anscombe, Philippa Foot, Mary Midgley und Iris Murdoch – die gräbt man jetzt gerade langsam aus, just wo die letzte aus diesem „Wartime Quartett“ gestorben ist. Ruth Hagengruber hat in Paderborn an der Uni aber ein tolles Projekt zu den übersehenen oder vergessenen wichtigen Philosophinnen aus allen Epochen, welches man sich unbedingt mal online anschauen sollte. Anna Cooper war übrigens Afro-Amerikanerin – ich sage das, da es ja nicht nur für Frauen schwer ist, sondern insgesamt für Minderheiten, die traditionell in der philosophischen Tradition ignoriert oder ausgegrenzt worden sind. An wen denken Sie denn, wenn Sie an einen Philosophen denken? An einen weißen, bärtigen oder hageren Mann. Eher nicht an eine Frau, nicht an Menschen mit anderer Hautfarbe. Wenn Sie Zeit haben, googlen Sie mal „Looks Philosophical“ – das ist eine tumblr-Seite, die hier einen unterhaltsamen Gegenpunkt setzt.

Lassen Sie mich, bevor ich es zu lang mache, noch ein paar weitere Kandidaten nennen, die als Erklärungen gehandelt werden: Das sind zum einen der aggressive Stil, der in manchen Zirkeln dominiert (wobei Aggressivität und Klarheit nicht zu verwechseln sind), die Isolation je weiter man kommt, die Realitätsferne mancher philosophischer Traditionen und Debatten, und, ja, auch, die Unvereinbarkeit der akademischen Karriere mit Familienpflichten, also sowohl gegenüber dem eigenen Nachwuchs, so man welchen hat, aber auch gegenüber den Eltern oder anderen hilfsbedürftigen Mitgliedern der Familie. Diese Fürsorgearbeit leisten immer noch mehrheitlich Frauen.

3. Aus diesen Gründen, nehme ich an, wurden bei uns an der HfPh schon einige Maßnahmen ergriffen (Stichwort, Gleichstellungsbeauftragte und Frauenvollversammlung). Worin sehen Sie die konkrete Aufgabe als Gleichstellungsbeauftragte?

Naja, aus diesen Gründen, aber auch aus rechtlichen Gründen. Gleichstellung ist ja keine Höflichkeitsgeste, sondern im Grundgesetz verankert. Die Grundlage für die Hochschule für Philosophie ist hier dann präziser das bayerische Hochschulgesetz. Im Vergleich zu anderen philosophischen Fakultäten ist die Situation von Frauen an der Hochschule nicht viel, aber doch etwas schlechter. Auch bei uns sind die Anteile von Männern und Frauen zu Studienbeginn typischerweise so gut wie ausgewogen, aber über die verschiedenen Qualifikationsstufen hinweg gehen Frauen verloren. Die Ausnahme bilden die weiterbildenden Angebote, also die nicht konsekutiven Angebote. Sprich, Frauen, die nicht in der Philosophie groß geworden sind, stoßen später dazu. Aber die meisten Frauen gehen nach dem Bachelor ab, nur wenige entschließen sich für ein konsekutives Master- oder Promotionsstudium bei uns. Beim ersten Jahrgang des konsekutiven Masters, ich glaube, das war 2012, waren von elf Studierenden m.W. nur zwei Frauen. Das ist zu wenig.

Die konkreten Aufgaben diesbezüglich sind also Angebote zu schaffen, die Studentinnen bei der Stange halten und motivieren, weiter zu machen. Ob das darin besteht, konkrete Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, oder neue Chancen zu schaffen. Bitte verlinken Sie unter dem Interview vielleicht auch auf die Homepage der Gleichstellungsbeauftragten, denn da ist alles aufgeführt und es gibt noch eine Fülle an weiterführenden Materialien.

Darüber hinaus bin ich einerseits mit administrativen Dingen betreut, die das neue Amt selbst betreffen, also ich arbeite im Auftrag der Hochschulleitung die Geschäftsordnung aus und es gilt das Amt in der Satzung zu verankern etc. Anderseits ist es mein Job, bei der Ausarbeitung der neuen Berufungsverfahrungsordnung mitzuarbeiten und dabei die Themen Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit fest für die Zukunft zu verankern.


4. Manchmal habe ich das Gefühl, die Frau steht derart im Fokus, dass ich als Mann aus dem Bild falle. Inwiefern sind Sie auch eine Anlaufstelle/Unterstützung für männliche Studenten, die sich mehr Gleichberechtigung der Geschlechter wünschen? (Wie kann ich als männlicher Student einen Beitrag leisten?)

Ich interpretiere Ihre Frage positiv als Frage nach dem Beitrag, den Männer zur Gleichberechtigung leisten können, und nicht als Klage darüber, dass Männer nun weniger Aufmerksamkeit erfahren und in dem Sinne aus dem Bild fallen. Damit sich also Männer ins Bild setzen können, was sie tun können, lassen sich eine ganze Reihe von Dingen nennen. Tatsächlich ist es ungemein wichtig, dass Gleichstellung nicht allein als Frauensache begriffen wird. Das bürdet ihnen nämlich nur noch einmal mehr Arbeit auf. Konkret bedeutet das dann, dass Männer das Problem ernst nehmen sollten und lernen sollten, es überhaupt zu sehen. Was die Tradition betrifft: Sprechen Sie es an, wenn Ihnen auffällt, dass Sie in Ihrem Kurs ausschließlich Texte von Männern lesen. Man muss keinen Kurs in feministischer Geschlechtertheorie belegen, um etwas von Philosophinnen zu lesen. Es gibt exzellente Beiträge von Frauen zur Metaphysik, zur Logik, zur Erkenntnistheorie, zur Sozialphilosophie usw. Sprechen Sie es auch an, wenn bei Tagungen hauptsächlich Männer eingeladen sind, wenn Sie sich nicht trauen, den Organisator anzusprechen, dann sprechen Sie es zumindest mit anderen Teilnehmer*innen an. Nehmen Sie die Redebeiträge von Frauen ernst und auf. Was auch immer Sie im akademischen Kontext organisieren, stellen Sie sicher, dass Frauen dabei sind und genauso gute Rollen einnehmen. Vor allem aber, hören Sie zu, besser noch, hören Sie nicht nur höflich zu, sondern auch genau hin.

Was die Hochschule im Besonderen betrifft und meine Rolle, so kann ich Sie und Ihre Kommilitonen nur wiederholt herzlich einladen, zu Veranstaltungen zu kommen, wo Frauen sprechen, wie etwa die Reihe „Werkstattgespräche: Frauen in der Philosophie“. Auch Workshops, die ich in meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte organisiere, öffne ich typischerweise für Studentinnen und Studenten. Ganz wichtig ist aber auch, dass das Ganze nicht von oben kommen wird. Ich kann und will als Gleichstellungsbeauftragte das an dieser Institution gar nicht umsetzen, wenn das nicht von allen oder zumindest einer großen Mehrheit mitgetragen wird. Das heißt, hier liegt es an Männern Frauen in ihre Netzwerke als gleichwertige Mitglieder zu integrieren, ob das nun Lerngruppen, Lektüreinitiativen oder auch einfach die Gespräche im Hof oder in der Analogie sind. Ich würde als Mann, der an der Hochschule studiert, einfach generell davon ausgehen, dass eine Frau, der er dort begegnet, in erster Linie auch da ist, weil sie Philosophie toll findet, Spaß daran hat, zu denken, sich darin auch zu messen, und zu lernen, mit Unsicherheiten im Leben und im Denken umzugehen und als Personen zu wachsen. Wenn man das gemeinsam, über verschiedene vom Geschlecht geprägte Perspektiven hinweg machen kann – was für eine Chance! Sprich, seien Sie neugierig aufeinander, lassen Sie sich irritieren. Männerbünde bestätigen sich zu oft doch nur in ihren eigenen Vorurteilen.


5. Was muss ich zur Frauenvollversammlung wissen, um diese nicht als exklusive Lagerbildung fehlzuinterpretieren? Was passiert dort, wozu wurde sie einberufen und warum sind Männer davon ausgeschlossen?


Bei der Frauenversammlung handelt es sich um eine einmal pro Semester stattfindende, ca. einstündige Versammlung von allen Studentinnen und akademischen Mitarbeiterinnen der Hochschule für Philosophie. Sie hat den Zweck, Frauen den Raum zu geben, Probleme in Studium und/oder Karriere zu artikulieren, und Förderangebote für Frauen zu entwickeln und zu kommunizieren. Als erstes ist es darüber hinaus für Sie wohl gut zu wissen, dass es diese Einrichtung an staatlichen Institutionen schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt. Dass es an der Hochschule so lang gedauert hat, hier nachzuziehen, hat unterschiedliche Gründe, vieles geht im Betrieb schlicht unter, denn so etwas organisiert sich auch nicht von allein. Bis 2017 war das eine von tausend Aufgaben, die dem Kanzleramt zugeordnet war. Frau Dr. Brandt hat das dann erstmals sehr vorangetrieben. Ich habe sie aufgrund meiner Erfahrungen mit dem Normalbetrieb der LMU dabei gerne unterstützt.

Zweitens finde ich es bezeichnend, dass der Verdacht besteht, dort könnte „exklusive Lagerbildung“ stattfinden. Warum dieses Misstrauen? Es geht darum, Gewohnheiten, die es Frauen in der Philosophie schwermachen, zu identifizieren und zu durchbrechen. Eine wesentliche Gewohnheit neben den schon genannten ist, dass Männer dazu tendieren, den Diskurs dominieren. Kurzum: Sie reden zu viel! Das mag Sie persönlich erstaunen, aber ist so. Beobachten Sie mal in Ihren Kursen, wie da die Redeanteile auf die Geschlechter verteilt sind. Wenn Männer bei diesen Versammlungen wären, würden sie also dominieren – und sich langweilen, denn es geht ja gar nicht primär um sie.

Es ist übrigens auch nicht unbedingt zielführend, Frauen in Situationen, wo es um Redeanteile geht, zu zwingen, zu sprechen, indem man sie Männern vorzieht. Nach der Art: „Jetzt sagen Sie als Frau mal was!“ Das kann total irritieren, weil man dann darüber nachdenkt, dass man ja jetzt als Frau was sagen muss, wobei man doch eigentlich gerade beim Thema war. Deswegen braucht es einen geschützten Raum, wo Frauen einfach mal nachdenken können, gemeinsam. Nichts von dem, was dort passiert, muss übrigens dort auch bleiben. Eine Frau, die dort gelernt hat, dass es auch anderen auffällt, dass Männer viel mehr reden als sie, ist vollkommen frei, genau das dem Kommilitonen beim nächsten Mal zu sagen. Sie ist aber genauso wenig in einer Berichtspflicht gegenüber ihren männlichen Kommilitonen, wie Frauen heute nicht mehr die Erlaubnis ihres Ehemannes brauchen, um einen Beruf anzunehmen. Zudem kommen Dinge, die dort vorbereitet werden, wie etwa der Workshop, an dem Sie selbst ja auch teilgenommen haben, allen zu Gute. Das gilt auch für Angebote, die nur Frauen fördern, denn die philosophische Gemeinschaft profitiert davon, wenn ihr die Frauen nicht wegbrechen.

Umgekehrt könnte man natürlich auch antworten: Es gibt so viele Zirkel, von denen Frauen ausgeschlossen sind, nicht formell, aber faktisch – auf welcher Grundlage könnte man sich beschweren, wenn es einen Raum gäbe, der Männern an sich und in jeder Hinsicht verschlossen bliebe? Ich spitze das hier noch einmal so zu, da ich mich erinnere, dass wir bei unseren ersten Frauenvollversammlungen allen Ernstes dazu aufgefordert worden waren, ein Protokoll zu führen, welches den Männern dann vorgelegt werden sollte. Das war derart übergriffig, dass es schon wieder für die Dringlichkeit spricht, mit der ein geschützter Raum notwendig war. Ich habe aber insgesamt das Gefühl, dass solche Überreaktionen auf ganz wenige beschränkt sind, dass ein Gros der Studierenden beiden Geschlechts wichtigere Sorgen hat, und dass wir da an der Hochschule auf einem guten Weg sind.

6. Wie geht man am besten mit Personen um, welche für feministische Erwägungen und Bedürfnisse (noch) nicht empfänglich sind? (Hilft es hier den Feminismus eher als humanistische Bewegung zu begreifen, die merkmalsunabhängig die (Chancen-)Gleichheit aller Menschen zum Ziel hat?)

Das ist ein wichtiger Fragenkomplex, bei dem ich gerne begrifflich etwas nachbessern möchte. Statt von feministischen „Erwägungen und Bedürfnissen“ würde ich auch von „Erkenntnissen“ sprechen. Manche Vorurteile gegenüber Frauen sind klar wiederlegt. Dazu zählen, dass sie nicht denken könnten, oder keine Karriere anstrebten, weil sie ja eine Familie wollen, oder dergleichen. Hier würde ich also entsprechend klar antworten und sagen, dass die Personen, die dafür nicht „empfänglich“ sind, sich Erkenntnissen versperren. Ich glaube, das kann man dann mutwillige Ignoranz nennen. Menschen, die mutwillig ignorant sind, sollten meiner Ansicht nach in den entsprechenden Foren und Entscheidungsgremien mit ihrer Meinung wider besseren Wissens nicht den gleichen Status haben wie diejenigen, die sich darum bemühen, ihre Meinung systematisch Richtung Erkenntnis zu bewegen. Darüber hinaus haben wir noch den Bereich der tentativen Fragestellungen und der Bedürfnisse, die teilweise schief liegen können, ohne dass man da zu glasklaren Erkenntnissen kommen könnte. Tentative Fragestellungen sollten ernst genommen werden. Das bedeutet meiner Ansicht nach auch, dass man das Problem nicht wieder verlagert, indem man vom allgemein Menschlichen beginnt zu sprechen.

Lassen Sie mich hier persönlich werden. Ich dachte auch mal, ich will als Mensch respektiert werden und nicht als die kontingente Person, die ich bin. Man soll doch bitte meine Arbeit bewerten und sie muss bestehen, unabhängig davon, wer ich genau bin. In bestimmten Bereichen halte ich das nach wie vor für richtig. Keine Frau wird nur weil sie Frau ist ein Rennen gewinnen. Sie wird gewinnen, weil sie mit die beste ist. Frauen starten aber in diese Rennen um Jobs und generell Positionen, die mit Einfluss verbunden sind, mit Handicaps. Und um diese übrigens zum Großteil menschengemachten Handicaps auszugleichen, kann man nicht nur [!] die Gleichstellung aller Menschen zum Ziel haben. Denn als Mensch kommen wir vielleicht halbwegs auf die Welt. Was uns aber aufgrund dessen, was uns mitgegeben wird, passiert – und hierzu zählen das Geschlecht, ebenso wie die Hautfarbe oder der soziokulturelle und ökonomische Ausgangspunkt, von dem aus wir starten – das alles macht uns erst vollständig zu den vielfältigen Menschen, als die wir dann Respekt einfordern müssen. Nur weil ich eine Frau bin, mit Migrationshintergrund, komme ich in die Situation, dass man meinen Doktortitel unterschlägt, während die komplette Titelei der männlichen Kollegen heruntergebetet wird, oder dass man meine Kompetenz der deutschen Sprache bezweifelt. Wenn ich mich jetzt hinstelle und sage, könnte man mir mal bitte als Mensch den Respekt zollen, den ich verdiene, dann erscheint mir das viel zu grob. Die Leute lassen mich ja nicht aus Schüsseln fressen oder töten mich nicht, weil sie mein Fleisch essen wollen. Das ist jetzt etwas überzeichnet, aber der Punkt ist: Die bloß humanistische Heuristik ist meines Erachtens und auch meiner Erfahrung nach zu grobkörnig, um die Probleme theoretisch so präzise zu erfassen, dass man sinnvoll und konstruktiv über sie sprechen kann.


7. Welchen Ratschlag würden Sie einer Nachwuchsphilosophin geben? Welchen mir als männlichem Studenten?

Ratschlag in welcher Hinsicht? Ich glaube, Netzwerke sind wichtig, aber man sollte sie nicht nur aus Kalkül bilden. Zugleich reicht dabei das Schlumpfinen-Prinzip nicht: also eine außergewöhnliche – vielleicht auch besonders stereotypentreue und/oder von allen irgendwie begehrte – Frau in eine Show dominiert von Männern zu holen. Wenn es zu homogen in den Gruppen wird, sollte man sich immer fragen, ob man nicht nur nach Leuten sucht, die die eigene Sichtweise bestätigen. Das ist ja auch manchmal wichtig, gleich und gleich gesellt sich irgendwie doch gerne. Man muss entsprechend nicht sein ganzes Privatleben umkrempeln und die Herausforderung aller Überzeugungen in jedem Moment suchen. Im Studium und im Beruf, zumal wenn man sich als intellektueller Mensch versteht, der also auch verstehen und auch in den Zwischenräumen lesen möchte, da sollte man das schon immer wieder probieren. Meine Meinung; aber gerade in diesen Zeiten ist es doch wichtig, andere Perspektiven zu integrieren – Perspektiven des Geschlechts, des Hintergrunds, und des systematischen Denkens. Da bin ich manchmal überrascht, dass für viele Studierende, Männer wie Frauen, schon das Studium zu einer Art Dienst nach Vorschrift geworden ist, ohne den gesellschaftspolitischen Kontext und das System selbst zu reflektieren – und ohne groß aufzufallen. Naja. Und darüber hinaus kann ich allen nur empfehlen: Lesen. Weiterlesen. Graben. Systematisch sein, nicht modisch.

Frau Dr. Mara-Daria Cojocaru ist Gleichstellungsbeauftragte an der Hfph, Dozentin für Praktische Philosophie und Lyrikerin. Ihre Forschungsinteressen erstrecken sich vom Philosophischen Pragmatismus über Politische Philosophie und Erkenntnistheorie zur Tierethik. In der Endphase ihrer Promotion hat sie vor Allem Knäckebrot mit Rosenkohl gegessen.

Interview von Sebastian Weisel.

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