Über Effekthascherei

Oder: eine Ethik des Lifestyles. Settembrinis Stilkolumne #9

Fashion is showing-off. Ein beliebtes Urteil über die Mode, und damit auch über die Fashion-Industrie, über Schönheitswettbewerbe, Lifestyle-Magazine, die Welt der Models, Designer, der Boulevardpresse, der Skandale, der Hiltons, der Abu-Dhabis, der überladenen Preisverleihungen und der auf Kokain geführten Interviews ist: dass sie oberflächlich ist. Hinter ihr stecke nichts, zumindest nichts, dass es wert wäre, es als irgendeinen substantiellen Inhalt anzusehen. Sie sei Glamour, sie sei Show, sie sei – und man braucht sich nicht erst durch die Dekadenz von Thomas Manns Zauberberg gelesen haben, um das festzustellen –  Leere. Es ist auch gar nicht unbedingt nötig, da eine nihilistische Perspektive hineinzulesen. Es genügt, mit Aristoteles auf die Beliebigkeit des ganzen Geschäfts hinzuweisen: wie „grasendes Vieh“ (NE 1095b15) lassen sich diejenigen, die mehr oder weniger bewusst den Entwicklungen des Lifestyles folgen, von einem Thriftshop zum nächsten Weideplatz treiben, in der Hoffnung, nach dieser einen Cordhose die nächste Vintagebrille aufzutreiben.

Aus dieser Sichtweise ist es nicht schwer zu verstehen, dass die Philosophie Modephänomenen seit jeher eher skeptisch gegenübersteht, natürlich der steten Gefahr ausgesetzt, auf einmal in einem Instagram-Feed zu erscheinen, mit #Nietzsche #Thuglife getagged zu werden und selbst zur Mode zu werden. Warum auch sollen die Philosophinnen, Schauende des ewig Seienden, der universellen Werte, der unendlichen Mengen von Aleph-Eins bis zur Werkausgabe Thomas von Aquins, sich damit auseinandersetzen, ob zur Zeit einige Yuppies in Brooklyn gelbe oder neonpinke Hosen tragen? Sie können sich stattdessen getrost ihre Tunicas überstreifen, sich zuprosten, #ThugHype sagen und tatsächlich Nietzsche lesen. Den harten Stuff. Den über Sokrates.

Und die Philosophinnen haben natürlich recht. Angesichts dessen, was wir in diesem 1 Life was wir am haven tun sind, noch alles tun können – Liebe machen, reisen, freundlich sein, noble Dinge tun (wie die Werkausgabe von Aristophanes zu kaufen), Hegel lesen, Martinis trinken, Sport vermeiden, für die Funzel schreiben und Sibelius hören – ist es völlig irrelevant,  ob wir gerade rote Hosen oder rote Socken tragen. Doch lässt sich das so einfach verallgemeinern? Was uns zunächst als Evidenz in Auge springt, könnte ein tiefsitzendes Missverständnis verbergen. Denn auch die Lektüre von Aristophanes und Hegel, die Freundlichkeit und Noblesse, der Genuss von Martinis und Mahler und das Vermeiden von Sport sind, bei genauer Betrachtung, vor allem eins: ein weiterer Lifestyle.

Diese Sichtweise bringt uns eine Reihe von Problemen ein, denn sie zeigt, dass wir Lifestyle mitnichten als eine so oberflächlich betriebene Tätigkeit wie oben beschrieben definieren können. Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass alles, was wir tun, eine gewisse ästhetische Neigung zu gewissen modischen Gehalten aufweist. In gewisser Weise müssen wir uns eine Frage stellen, die ich am Anfang dieser Kolummenserie galant übergangen habe: was für ein Interesse sollten wir überhaupt daran haben, uns gut anzuziehen? Warum ist eine gute Lebensführung, ein guter Stil überhaupt von Bedeutung?

Es ist ironisch genug, dass die Geschichte der abendländischen Moral quasi mit diesem Gedanken beginnt. Denn Aristoteles (und zuvor eigentlich auch schon Platon, aber machen wir es nicht allzu kompliziert) stellte sich in seiner Nikomachischen Ethik genau die gleiche Frage. Was für ein Interesse sollten wir Menschen überhaupt daran haben, ethisch zu leben?

Dass wir den Zusammenhang zwischen Ethik und Outfit nicht vom ersten Moment an herstellen, könnte dabei viel über unser Verständnis und den Gebrauch von Klamotten verraten. Natürlich sehen wir, das, was die Leute anziehen, die Art und Weise, wie sie sich bewegen, wie sie reden, und so weiter, nicht als durchdachte moralische Entscheidung. Das liegt schlichtweg daran, dass wir in der Art und Weise, wie wir zumeist reden, bewegen und uns anziehen, keine moralische Entscheidung treffen. Stattdessen hat es sich durchgesetzt, dass, wenn wir überhaupt über Kleidung, Verhalten oder Sprache nachdenken, wir vom Nutzen dieser Dinge ausgehen. Kinder erlernen das in brutaler Weise. Warum Tischetikette? Weil es sich gehört. Wenn man ausgeht, Verwandte trifft, sich präsentieren muss, einen guten Eindruck machen will. Warum Höflichkeit? Weil du gut rüberkommen willst. Weil du auch mal ein Bewerbungsgespräch über die Bühne bringen musst. Zieh dir doch mal was Ordentliches an! Seh‘ doch mal jünger, entspannter, lässiger, cooler, jugendlicher, älter, netter, braver, rebellischer, förmlicher, abgeklärter, alternativer, Friedrichshainliker, grüner, veganer, unaufgeregter, sachlicher, symphatischer, generell: besser aus! Das nimmt dann so absurde Formen an, dass Leute in Jogginghosen, Ballonjacken, #fml-Hoodies, Versace-Sneakers und Sonnenbrille durch winterlichen Nieselregen laufen, weil sie irrationalerweise davon überzeugt sind, damit jetzt irgendeinen claim zu staten. Fuck off. Damit statet niemand irgendwas. Damit siehst du einfach scheiße aus. Und wirst nass.

Wohin diese Form der Effekthascherei führt, ist, dass wir denken, Fashion sei irgendeine Art und Weise, Wirkung zu erzielen. Aber diese zielgerichtete Instrumentalisierung von Mode schmerzt. Sie entkoppelt einen sehr natürlichen und organischen Teil unseres Lebens – nämlich unser soziales Auftreten – von der ebenfalls sehr natürlichen Frage, wie wir eigentlich tagtäglich leben wollen. Stattdessen sehen wir uns fortwährend gezwungen, mit der Art und Weise, wie wir uns anziehen, etwas ganz besonderes auszudrücken – (nämlich uns selbst, unsere Stimmung, unsere Coolness, unsere politische Meinung) – und damit eine Aussage zu machen. Das erhöht natürlich das Unbehagen vieler Leute, wenn sie morgens in den Kleiderschrank blicken.

Eine Grundkonstante dieses Unbehagens lässt sich nicht ausradieren, aber es lohnt sich, auf sie aufmerksam zu machen. Kleidung und Verhalten sind eben fundamentale Muster, durch die wir in der Gesellschaft funktionieren. Sie sind das erste, was wir von uns anbieten, wenn wir anderen Menschen begegnen. Deswegen haben sie eine natürliche ethische Komponente. Und deswegen muss sich jeder Mensch mit der Frage auseinandersetzen, wie er oder sie sich kleidet. Niemand kann einfach auf Kleidung und Verhalten scheißen. Natürlich ist es möglich, aber wer das tut, sieht halt einfach beschissen aus, und verhält sich irgendie unbedacht, und andere Leute merken das. Kleidung stattdessen einfach nach ihren Effekten auszuwählen, ist eine besonders üble Spielart des ethischen Konsequentialismus. Sie reduziert das gesamte soziale Verhalten des Individuums auf eine Wirkung, die berechnet und erzielt werden kann und raubt einem so auf ganz perfide Art und Weise Freiheitsräume. Was bleibt also übrig? Kantische Pflichtethik – nur noch Anzug tragen, aus Prinzip? Modischer Utilitarismus – alle Menschen in Ganzkörpermassageanzüge stecken und dieses guilty pleasure hart enjoyen? Aristoteles plädiert in seiner Ethik übrigens für das Glück als Endziel ethischen Handels. Er bestimmt es als individuelle Selbstgenügsamkeit. Ob sich das auch auf Kleidung übertragen lässt? Das wäre mal ein interessantes Dissertationsprojekt – und übersteigt die Länge dieser Kolumne.

 

Bild: Sokrates lehrt Perikles über diesen neuen coolen Hipster-Shit aus Ägypten, called philosophy, Nicolas Guibal, 1780

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