Über Morgenmäntel

Oder: Prolegomena zu einer jeden künftigen fancie fashion, die als selbstgenügsame wird auftreten können. Settembrinis Stilkolume #10

 

§1 Vorbemerkung– über das Verhältnis des Autors zu Gegenständen, die sich bei näherer Betrachtung des gemeinen Verstandes als nutz- aber nicht wirkungslos entpuppen

Es gibt einige modische Accessoires, die eine besondere Anziehungskraft auf mich, sowie auf unterschiedlich viele, aber durchaus einige Designer innerhalb der Modeindustrie ausüben, sofern diese Produkte im prêt-à-porter, also für die Bevölkerung erschwinglichen Marctsegment (sic!) produzieren, d.i. unter anderem Regenschirme, Kopfbedeckungen, Uhren, Schals, Gürtel, Handschuhe, und dergleichen; wobei ich hinzufügen muss, dass die wenigsten dieser illustren Gegenstände sich tatsächlich je in meinem Besitz befinden – wie ich einen Großteil meiner Zeit damit zubringe, sie aus Unachtsamkeit zu verlieren und ihnen sodann hinterherzulaufen respektive ihren Verlust zu bewältigen. Morgenmäntel gehören insofern in die Reihe dieser Besitztümer, als dass ich nie mit einem in Berührung gekommen bin, deswegen auch nie einen solchen verlor, nichtsdestotrotz nicht wenig meiner müßigen Zeit damit verbringen kann, mir den Besitz eines japanischen Seidenkimonos voller Raupenillustrationen und Wurzelmustern in lebhaftesten Farben vor meiner inneren Anschauung auszumalen. Es handelt sich bei diesen Accessoires um Gegenstände, deren Wirkung im Erzielen eines ganz besonderen Effekts besteht. Sie sind – insbesondere Morgenmäntel – prima facie nutzlos, geben meiner praktischen Vernunft keine besonderen Instrumente sittlichen Handelns an die Hand und regen die theoretische Fakultät meines Geistes auch nicht im Besonderen zu transzendentalen Höhenflügen an. Warum also die schwärmerische Begeisterung für diese Objekte? Warum ist die Dinghaftigkeit des Accessoires begehrenswert – wenn sie auf eine einfach zu durchschauende Funktion reduziert werden kann?

 

§2 1.Vorerinnerung und Exposition der Hauptfrage

Diese grundlegende Sympathie für das leisure item der Haute Couture stürzt mich in eine noch tiefere Verwirrung, als dass ich feststellen muss, in der letzten Kolumne doch gerade der Effekthascherei das Hervorbringen enormer ethischer Monströsitäten attestiert zu haben. Im Bewusstsein dafür, dass sich hier gar eine Antinomie modischer Vernunft verbergen könnte, und im vollen Licht der transzendentalen Idee des Morgenmantels (von dem sich mir auch noch nie ein Fetzchen Stoff als sinnliche Erscheinung offenbart hat) soll im Folgenden der Versuch einer Grenzbestimmung spekulativer Modemetaphysik unternommen werden, die unter der Leitfrage steht: Ist es möglich, auf wohl begründete, d.i. wissenschaftliche Weise nutzlose Klamotten zu begehren und zu tragen, ohne mit diesen auf äußere Effekte, d.i. Wirkung abzuzielen?

 

§3 2. Vorerinnerung und Differenzierung der Hauptfrage

Dieses Unterfangen ist hazardous, ein Vabanquespiel, gleicht geradezu einer Weltumseglung, wenn nicht gar einer dritten kopernikanischen Wende der Philosophie der Boulevardpresse. Die Aufgabe stellt sich hier als eine Construction eines synthetischen Satzes a priori dar, von dem gelten muss, dass, wenn wir mit parfümierten Schaum bedeckt aus der Marmorbadewanne steigen, uns einen purpurrot kolorierten, mit Hermelinpelz besetzten, mit Rubinstein versehenen, in einer collaboration von Gucci und Prada manufakturgefertigten Flanellbademantel anziehen, wir dieses nur aus reinem Gefallen an dem Flanellbademantel, d.i. dem Ding-an-sich tun und nicht, um auf unsere Mitmenschen, d.i. auf die dutzenden neugierig und lüstern auf jenes Schauspiel starrenden Augen, Eindruck zu machen.

Die Untersuchung, die zunächst vor uns liegt, gliedert sich demzufolge in vier Hauptfragen, von denen separat die Beweisführung innerhalb der Grenzen bloßer Vernunft erwiesen werden muss, insofern als dass beleuchtet wird, 1) wie Geschmacksurteile gegenüber den Ideen von Accessoires an sich möglich sind, 2) wie sich das Verhältnis von Pelz und Effekt dergestalt dartut, 3) ob und wie ein objectives Geschmacksurteil gegenüber dem Morgenmantel außerhalb der Grenzen von Effekthascherei Bestand hat, sodass schließlich die Auflösung der allgemeinen Frage möglich ist, die da wäre, 4) wie das Tragen von Modeaccessoires als wohlbegründete Handlung ohne eine allgemeine Teleologie, die sich auf das Showing-Off richtet, möglich ist. Es mag der Leserschaft aber durchaus dienlich sein, die oben genannte Fragestellung noch einmal im Lichte der Kosmologie, d.i. der durch die astronomischen Bewegungen der Gestirne hervorgerufenen Witterungswechsel, die in den nächsten Wochen zu erwarten sind, neu zu betrachten, weswegen eine Abhandlung über die Frage, warum jenes Thema gerade jetzt von Bedeutung ist, vorgestellt sein soll.

 

§4 Einbettung der folgenden Ausführungen in die außerordentliche Bedeutung des anstehenden Spring Sales

Es ist aus den bereits bestehenden Meinungen wohlgeachteter Gelehrter, von denen insbesondere Heidi Klum und Claudia Schiffer der Television konsumierenden Öffentlichkeit bekannt sind, ersichtlich, dass sich die Nachfrage nach neuen Kleidungsstücken in Zyklen saisonalen Businesses bewegt, die insbesondere von all jenen angetrieben werden, die bei einem Blick in ihr Instagramprofil respektive ihres Kleiderschrankes aufgrund einer Überfülle an zu verarbeitenden Sinneswahrnehmungen nicht wissen, was sie sich am nächsten Tag über die Haut stülpen sollen, sodass das starke Bedürfnis, sich gegenüber anderen zu profilieren, d.i. noch mehr Kleidungsstücke zu erwerben, sie aus der natürlichen Unmündigkeit reißt und schon stets vor Veränderung des Wetters neue Klamotten, d.i. insbesondere Übergangsjacken, kaufen lässt, bekannt, dass Collectionen, die gar keiner braucht, schon vor Saisonbeginn in Modegeschäften erhältlich sind. Solches wird des Weiteren belegt von dem Factum, dass derzeit ganze Winterkollektionen wieder an mittelständische Steuerzahler reduziert distribuiert werden. Wahrhaft aus dem dogmatischen Schlummer gerissen hat mich jedoch erst die Lektüre jener High Fashion Magazine, die Fachliteratur für die Körpertätowierungen der kommenden Sommertage bieten. Es empfiehlt sich deshalb der Leserschaft, bereits zu ermitteln, welche Frühjahrskleidung nun getragen werden soll, trotz der Tatsache, dass noch Schnee liegt, weshalb auf die Hauptfrage umso mehr Aufmerksamkeit gerichtet werden muss: ist es möglich, fancy shit zu tragen, ohne anzugeben?

 

§5 Sind Geschmacksurteile gegenüber den Ideen von Accessoires überhaupt möglich?

Ja! Vielmehr noch als das muss es sich bei den Urteilen gegenüber den zahlreichen Ringen, Schmuck, Gürtelschnallen etc. um notwendige Verbindungen der Ideen, ergo Relationen von Ursache und Wirkung handeln, in denen eine Verhaltensdisposition des subjektiven, d.i. gemeinen Verstandes affirmativ zum Ausdruck kommt.

 

§6 Übergang vom subjektivem Verstande zur sittlichen Selbstveräußerung

Es tritt sodann das Verhältnis der Beeindruckung der innerhalb der Societät befindlichen Gattungswesen auf, innerhalb dessen sich das Bedürfnis des subjektiven Verstandes darin offenbart, eine auf die abstrakte, d.i. in der Societät sich entfaltende Vernunft seinen Siegel, in Locke’schen Termini: eine Sensation zu hinterlassen.

 

§7 Ist ein objectives Geschmacksurteil auch außerhalb der Grenzen der sittlichen Selbstveräußerung möglich?

Sofern die sich kritisch selbst prüfende, transscendentale Vernunft sich davor hütet, in objectiven Geschmacksfragen dem nomadenhaften Common Sense, d.i. dem gemeinen Verstande anheim zu fallen, unter dessen Vorraussetzungen sittliche Selbstveräußerung allein möglich ist, und sich als streng metaphysische, d.i. an den regulativen Ideen ausgerichtete weiß, muss es ihr auch möglich sein, ein gegenüber den appealing Accessoires strenges Urteil der Affirmation zu fällen, das sodann unter sinnlicher Anschauung allein bereits Textur, Farbe, Komposition, Form, primäre und sekundäre Qualitäten sowie Körperanschmiegung in Betracht gezogen hat.

 

 §8 Auflösung der Hauptfrage: Wie ist das Tragen von Morgenmänteln, fancie Hüten und dergleichen wohlgelittenen Stoffen unter Vermeidung subjektiver instrumenteller Vernunft möglich?

Wie nun allgemein ersichtlich und klar verständlich ausgedrückt sein sollte, ist einer reinen Vernunft, die sich lediglich an hehrer contemplatio ergötzt, und mit keiner ästhetischen Ausrucksweise nach dem Beifall von im subjektivem Geiste steckengebliebenen Modeapologeten heischt, alles möglich, und der im Dämmerlicht vor einer Minibar zur persönlichen Aufheiterung getragene Kimono ihr wärmstens ans Herz gelegt. Zum Frühstück wird daneben ein Schluck Portwein empfohlen. Mehr dazu in der nächsten Kolumne: über den modernen Alkohol.

 

Bild: Schönheiten in Kimonos ergötzen sich an herrlicher Kunst, ohne einen Fuck auf Vintagesonnenbrillen zu geben, in „Schönheit wertschätzender Blick“ (?), (美人鑑賞図), Katsukawa Shunshō, um 1780.

Ein Kommentar zu „Über Morgenmäntel

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