Der getunte Bewirker. Transhumanismus und seine Voraussetzungen in der Renaissance

Ausbruch aus unseren engen Grenzen – was ist Transhumanismus?

Im Jahr 2016 veröffentlichte der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt, sein Buch Homo Deus: A Brief History of Tomorrow.1 Der Autor knüpfte mit diesem Titel an seinen 20112 erschienenen Bestseller Sapiens: A Brief History of Humankind an, der inzwischen in fast fünfzig Sprachen gelesen wird3 und beispielsweise von Barack Obama und Bill Gates empfohlen wurde.4 Wie die Titelgebung bereits vermuten lässt, bespricht dieser Vorgänger die bisherige Geschichte der Menschwerdung von einer universalhistorischen Warte aus, während Homo Deus einen umfassenden Blick auf das Morgen wirft, auf welches die Menschheit womöglich zusteuert.

Hararis Zukunftsvision zeichnet eine Menschheit, die zu Beginn des dritten Jahrtausends durch Bio- und Informationstechnologie über erhebliche Macht verfügt, sich allerdings fragt, wonach sie angesichts der schwindenden Bedrohung durch Hunger, Krankheit und Krieg streben soll.5 In Anbetracht der bisherigen menschlichen Entwicklung sowie des stetigen Fortschritts in Technik und Wissenschaft kommt Harari recht zu Beginn seines Buches zu der Prognose, dass „die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit […] und Göttlichkeit sein [werden].“6 Die Nennung von Unsterblichkeit wirkt unter Umständen befremdlich auf den durchschnittlichen Leser, der seinem gewöhnlichen Alltag nachgeht und regelmäßig in den Nachrichten sieht, dass Unterernährung, Krankheiten und Gewalt nach wie vor viele Menschenleben einfordern. Auch mit der Vorstellung von angestrebter oder gar realisierbarer Göttlichkeit können die meisten Menschen vermutlich wenig anfangen. Hararis Prophezeiungen nach „werden [wir] Fähigkeiten haben wie Gott, werden Schöpfer sein und Leben designen und herstellen: Körper, Gehirne, all das.“7 Derartige Aussagen erinnern an den Mythos des selbstbewussten Titanen Prometheus, in welchem das Selbstverständnis des Menschen vor allem durch sein ungebrochenes Streben nach Fortschritt durch Technikgebrauch charakterisiert wird.8 Der Wunsch des Menschen, mithilfe von technischem Know-how über sich hinauszustreben und die eigene Autonomie zu entfesseln, scheint weit zurückzureichen. Harari spricht in Homo Deus davon, dass die Realisierung dieses uralten Verlangens in greifbare Nähe rückt, auch wenn der Großteil der Menschheit davon bisher nichts spürt.9 Bei der Verwirklichung von Unsterblichkeit und Göttlichkeit handelt es sich offenkundig um Vorhaben, die zumindest bis jetzt einen exklusiven Charakter innehaben.10 Es stellt sich die Frage nach den Akteuren und Institutionen, die aktuell in diese Projekte investieren, und nach den theoretischen Grundlagen, auf die sie rekurrieren.

Auch wenn Harari den Begriff „Transhumanismus“ nicht ein einziges Mal verwendet11, besteht kein Zweifel daran, dass die zuvor skizzierten Stellen transhumanistische Überlegungen und Vertreter thematisieren. Diese kulturelle und philosophische Bewegung, der im deutschsprachigen Raum bisher vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zukommt12, findet im internationalen wissenschaftlichen Diskurs sowie in künstlerischen und kulturellen Kontexten eine zunehmende Beachtung.13 Die Reaktionen auf transhumanistische Äußerungen zeigen dabei deutlich, dass der Transhumanismus polarisiert. Während viele einflussreiche Visionäre dafür plädieren, dass transhumanistische Ziele wie eine beträchtliche Lebensverlängerung oder sogar eine Beseitigung des Todes erstrebenswert sind und deshalb keine Kosten scheuen, um sie zu erreichen14, wird der Transhumanismus von Kritikern als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen, welche die Menschheit unter Umständen irrelevant machen könnte.15 Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama bezeichnete den Transhumanismus als die gefährlichste Idee der Welt und geht davon aus, dass die angesteuerten Zukunftsszenarien der Transhumanisten nicht zum Vorteil für die Menschheit wären.16 Birgt der Transhumanismus, der die Überbietung des Menschen durch den Einsatz neuer Technologien bejaht17, tatsächlich Gefahren für die Menschheit?

[…]

Giovanni Pico della Mirandola: der Mensch als nicht festgelegtes Wesen

Der Humanismus der Frühen Neuzeit brachte Ideen hervor, die den heutigen Transhumanismus entscheidend vorbereiteten beziehungsweise sogar als frühe transhumanistische Überlegungen betrachtet werden können.18 Der Renaissance-Humanismus stellte „die natürliche Selbstperfektionierung des Menschen“19 in den Mittelpunkt und entwarf das Leitbild einer in vielerlei Hinsicht hochentwickelten und selbstbewussten Person.20

Ein Text, der von einigen Transhumanisten als Meilenstein dieser Zeit bezeichnet wird21, ist die im Jahr 1496 veröffentlichte Rede De hominis dignitate22 des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola. In dieser Schrift lieferte Pico eine formale Beschreibung des Menschen, die darin besteht, dass der Mensch im Gegensatz zu anderen Lebewesen nicht von vornherein auf ein spezifisches, abgeschlossenes Wesen festgelegt ist beziehungsweise darauf reduziert werden kann und daher die Verantwortung für seine eigene Ausgestaltung trägt.23 Der Mensch ist insofern mit der besonderen Befähigung und Freiheit versehen, sich ohne Rücksicht auf eine vorgegebene Essenz selbst zu perfektionieren, zu transformieren und zu transzendieren.24

In Picos Text tritt Gott zu Beginn als „höchster Baumeister“25 auf, der nach der Vollendung aller übrigen Dinge bei der Erschaffung des Menschen merkt, dass alle Archetypen bereits vergeben sind, und den Menschen als unbestimmtes Geschöpf „in die Mitte der Welt“26 stellt. Die besondere Wesenswürde des Menschen besteht nun darin, je nach Belieben zum Niedrigeren oder zum Höheren zu streben beziehungsweise sich dementsprechend zu verwandeln und auszuformen.27 An dieser Stelle bediente sich Pico der an Prometheus erinnernden Figur des Bildhauers, um das schöpferische Moment der selbstgesteuerten Entwicklung hervorzuheben. Picos Text scheint auf der einen Seite zwar religiösen Vorstellungen entsprungen zu sein, versammelt jedoch gleichzeitig zukunftsgewandte Überlegungen eines „innerweltlichen Humanismus“28 in sich, die dazu beitrugen, dass er seine Rede letztlich nicht halten durfte.29 Tatsächlich könnte man Picos Abhandlung, die Janina Loh ein „Manifest des Humanismus“ nennt30, ebenso – Gerhard Engel teilt diese Einschätzung31 – als transhumanistisches Manifest ansehen. Dafür spricht der fortschrittliche Impetus, der in der Rede zutage tritt, wenn Gott den Menschen direkt anspricht:

„Du sollst dir deine [Natur] ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. […] Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du […] dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst.“32

Weiterhin wird der Mensch in Picos Text als „Chamäleon“ bezeichnet33, was auf seine sich potenziell kontinuierlich wandelnde und vielgestaltige Natur verweist.34 Diese Beschreibung ähnelt einigen transhumanistischen Ideen, welche die Optimierung des Menschen als einen offenen und fortwährenden Prozess darstellen oder wie im achten Punkt der Transhumanist Declaration davon sprechen, es jedem Individuum selbst zu überlassen, inwiefern es sich mögliche posthumane Befähigungen aneignen möchte oder nicht. Während der Mensch in Picos Ausführungen jedoch prinzipiell auch zu niedrigeren Lebensformen ausarten kann, wenn ihm danach sein sollte, legen Transhumanisten grundsätzlich viel Wert auf die Betonung endlosen Fortschritts und andauernder Selbstverbesserung; die Richtung, in die sich der Mensch ausformt, ist hier vorgegeben.

Gerhard Engel erachtet Picos Rede De hominis dignitate als Ausgangspunkt für eine Folge zahlreicher humanistischer Utopien, angefangen mit Thomas Morus‘ Utopia, die bis heute verfasst werden, um Zukunftsvisionen zu artikulieren35, und hält fest: „Der heutige Transhumanismus ist demnach wohl einfach die jüngste Etikette für diese dynamische Entwicklung […].“36

 

[1] Das Buch erschien 2015 in hebräischer Sprache in der Verlagsgesellschaft Kinneret Zmora-Bitan Dvir unter dem Titel The History of Tomorrow. 2016 wurde die englische Ausgabe veröffentlicht, die oft als Originalausgabe angegeben wird.

[2] Auch dieser Titel erschien zuerst in hebräischer Sprache und wurde im Jahr 2014 für ein internationales Publikum in englischer Sprache veröffentlicht.

[3] Vgl. Harari, Yuval Noah: Official Website, Publications, URL: http://www.ynharari.com/publications/ (Zugriff: 12.04.2018).

[4] Vgl. Video: Cable News Network (CNN) (2016): On GPS: Obama’s book recommendation, URL: https://edition.cnn.com/videos/tv/2016/09/03/exp-gps-obama-clip-book-recommendation.cnn (Zugriff: 10.04.2018), 0:33-03:20, Vgl. The Gates Notes LLC – The blog of Bill Gates (2016): 5 Books to Read This Summer, URL: https://www.gatesnotes.com/About-Bill-Gates/Summer-Books-2016 (Zugriff: 10.04.2018).

[5] Vgl. Harari, Yuval Noah (2017): Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen, 11. Auflage, aus dem Englischen übersetzt von Andreas Wirthensohn, München, S. 9-11, 34.

[6] Ebd., S. 34.

[7] Video: BR Mediathek (2017): Homo Deus. Des Menschen gottgleiche Zukunft, URL: https://www.br.de/mediathek/video/homo-deus-des-menschen-gottgleiche-zukunft-av:5a3c69ea00b072001ccfa7c7 (Zugriff: 10.04.2018), 01:12-01:20.

[8] Vgl. Rockoff, Marcus (2015): Immer wieder Prometheus. Deutungen des Mythos in Zeiten des Transhumanismus, in: Sorgner, Stefan Lorenz (Hrsg.): Aufklärung und Kritik, Schwerpunkt Transhumanismus, 22 (3/2015), S. 229, 243.

[9] Vgl. Harari (2017), S. 81.

[10] Vgl. Ebd., S. 81.

[11] Harari spricht stattdessen von „Techno-Humanismus“. Vgl. z.B. Harari (2017), S. 475.

[12] Vgl. Sorgner, Stefan Lorenz (2016): Transhumanismus: „Die gefährlichste Idee der Welt“!?, Freiburg im Breisgau, S. 19, 22, 23.

[13] Vgl. Ebd., S. 22.

[14] Vgl. Harari (2017), S. 39, 40.

[15] Vgl. Ebd., S. 94-96.

[16] Francis Fukuyama sieht in der scheinbaren Plausibilität beziehungsweise harmlos wirkenden Selbstverständlichkeit des Transhumanismus einen Teil der Gefahr der Bewegung. Seiner Ansicht nach ist die Gleichheit in Gefahr, wenn einzelne Menschen zu höheren Wesen transformieren und dadurch über erweiterte Fähigkeiten verfügen, die sie womöglich gegen die „gewöhnlichen“ Menschen einsetzen könnten. Letztlich, so Fukuyama, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen, wie das Ergebnis spezifischer Modifikationen der menschlichen Natur konkret ausfallen wird. Vgl. Fukuyama, Francis (2004): The World’s Most Dangerous Ideas. Transhumanism, in: Foreign Policy, 144 (2004), Sept./Oct., S. 42, 43.

[17] Vgl. Sorgner (2016), S. 29.

[18] Vgl. Engel, Gerhard (2015): Transhumanismus als Humanismus. Versuch einer Ortsbestimmung, in: Sorgner, Stefan Lorenz (Hrsg.): Aufklärung und Kritik, Schwerpunkt Transhumanismus, 22 (3/2015), S. 37.

[19] Loh, Janina (2018): Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg, S. 39.

[20] Vgl. Ebd., S. 39; Vgl. Bostrom, Nick (2005a): A History of Transhumanist Thought, in: Journal of Evolution and Technology, 14 (1/2005), zitiert nach der folgenden, durch den Autor zur Verfügung gestellten Fassung mit anderer Paginierung: URL: https://nickbostrom.com/papers/history.pdf (Zugriff: 18.05.2018), S. 2.

[21] Vgl. Bostrom (2005a), S. 2, Vgl. Bostrom, Nick et al. (2003): The Transhumanist FAQ – A General Introduction – Version 2.1, published by the World Transhumanist Association, URL: https://nickbostrom.com/views/transhumanist.pdf (Zugriff: 15.04.2018), S. 39; Vgl. More, Max (2013): The Philosophy of Transhumanism, in: Ders./Vita-More, Natasha (Hrsg.): The Transhumanist Reader: Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future, Chichester, S. 9.

[22] Deutsch: Über die Würde des Menschen.

[23] Vgl. Pico della Mirandola, Giovanni (1496/1990): De hominis dignitate/Über die Würde des Menschen, übersetzt von Norbert Baumgarten, hrsg. und eingeleitet von August Buck, lateinisch-deutsch, Hamburg, S. 5, 7. Ich verwende nachfolgend die Abkürzung „Dhd, Seitenzahl“, um auf dieEdition des Textes Bezug zu nehmen.

[24] Vgl. Loh (2018), S. 39, 117.

[25] Dhd, S. 5.

[26] Ebd., S. 5, 7.

[27] Vgl. Dhd, S. 7.

[28] Engel (2015), S. 34.

[29] Vgl. Ebd., S. 34, 35.

[30] Loh (2018), S. 88, 89.

[31] Vgl. Engel (2015), S. 37.

[32] Dhd, S. 7.

[33] Ebd., S. 7.

[34] Vgl. Ebd., S. 7, 11.

[35] Vgl. Engel (2015), S. 37.

[36] Engel (2015), S. 37.

Bild: Technoseum Mannheim/2 Räder

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