Über den modernen Alkohol I

Oder: Wie man überhaupt über den Rausch philosophieren kann. Eine Sprachkritik. In: Settembrinis Stilkolumne #11

 

Vor mehr als vier Wochen habe ich übermütig deklariert, die nächste Kolumne werde sich mit dem modernen Alkohol befassen. Seit viel mehr als vier Wochen ist dann nicht mehr viel passiert. Wer Ohren hat, der höre. Oder: wer mit Kolmogorovs Axiomen der Wahrscheinlichkeit vertraut ist, der leite aus beunruhigenden Korrelationen eine kausale Erklärung ab. So ein suggestives Spiel mit dem Screening-Off soll natürlich in keiner Weise die Vermutung nahelegen, der Kolumnist habe in weißen Nächten aufreibenden Selbststudiums jene intellektuellen Kapazitäten, die für klösterliche Schreibtätigkeit notwendig sind, in langfristig angelegten Acetalaldehyddeydrogenase-Projekten solide abgebaut respektive demütig das Klo hinuntergespült. Über solcherart Vorfälle, das wusste schon der besoffen in seinem alttestamentlichen Zelt liegende Noah, bettet man entweder diskret den Mantel des Schweigens oder verflucht die unfreiwilligen Zeugen (vgl. 1. Mose 9.21).

Nein, das Problem liegt anderswo. Es ist erstaunlich schwierig, bei diesem Thema den richtigen Ton zu finden. Anders gesagt: wie schreibt man nüchtern über die Abwesenheit von Nüchternheit? Gesteht man in der Darstellung des Rausches dem Hinwegtreten der normalen Vernunft lediglich das Alberne, Obszöne, Schalkhafte zu, verbannt man ein an sich interessantes Kulturphänomen in die Sphäre des Klamauks. Aber sobald die mannigfaltigen Aspekte und Dimensionen des Ethanols und seiner hinzugehörigen Redoxreaktionen unter großem empiristischen Pathos auf die unterschiedlichen ethnografischen, medizinischen, literatur-, kunst- und kulturwissenschaftlichen, historischen, semiotischen, chemischen und biologischen Bestandteile reduziert und indexikalisch beschrieben werden, läuft der demütig vor sich hinkritzelnde Gelehrte Gefahr, ein intimes, wertvolles und mit dichten ethischen Beschreibungen versetztes Detail menschlicher Individualität zu objektifizieren und somit zu vernichten, wie schon Theodor Adorno in seiner Kritik gesellschaftlicher Totalität klar auf den Punkt bringt:

An der Zweiheit von Subjekt und Objekt ist kritisch festzuhalten, wider den Totalitätsanspruch, der dem Gedanken inhäriert. Zwar ist die Trennung, die das Objekt zum Fremden, zu Beherrschenden macht und es aneignet, subjektiv, Resultat ordnender Zurüstung. Nur bringt die Kritik des subjektiven Ursprungs der Trennung das Getrennte nicht wieder zusammen, nachdem es einmal real sich entzweite. Das Bewußtsein rühmt sich der Vereinigung dessen, was es erst mit Willkür in Elemente aufspaltete; daher der ideologische Oberton aller Rede von Synthese. Sie ist Deckbild der sich selbst verhüllten und zunehmend tabuierten Analysis. Die Antipathie des vulgär edlen Bewußtseins gegen diese hat zum Grund, daß die Zerstückelung, die verübt zu haben der bürgerliche Geist seinen Kritikern vorwirft, sein eigenes unbewußtes Werk ist. Ihr Modell sind die rationalen Arbeitsprozesse. Sie bedürfen der Zerlegung als Bedingung der Warenproduktion, die dem allgemeinbegrifflichen Verfahren der Synthese gleicht. Hätte Kant das Verhältnis seiner Methode zur Theorie, das des erkenntnistheoretisch untersuchenden Subjekts zum untersuchten, in die Vernunftkritik hineingezogen, so wäre ihm nicht entgangen, daß die Formen, Welche das Mannigfaltige synthesieren sollen, ihrerseits Produkte der Operationen sind, welche der Aufbau des Werkes, aufschlußreich genug, transzendentale Analytik betitelt. (Adorno 1966, 175)

Wie also vorgehen? Begeben wir uns auf ein Abenteuer, hören wir auf, über den wirren Adorno zu lachen und gestehen wir der Problematik ihre eigene philosophische Dimension zu: hier handelt es sich um kein leicht abzuhandelndes Sachthema, sondern über ein Methodenproblem. Wie kann man über etwas schreiben, von dem man noch nicht einmal genau weiß, wie man es angemessen beschreiben soll? Und noch viel schlimmer: Wie kann man sich um eine Vermessung von gutem Geschmack in alkoholischen Fragen bemühen, wenn man noch nicht einmal weiß, wie eine an sich stilvolle Behandlung des Themas möglich ist? Ich will deswegen diese Kolumne zu einem kurzen Exkurs nutzen und die versprengten Leser*innen, die nach den wilden Exzessen in kantischen Morgenmänteln noch übrig sind, auf eine Metaebene entführen. Die Hauptfrage: Als was für ein Phänomen muss man das Trinken von Alkohol zuerst begreifen, um guten und schlechten Stil zu in ihm ausmachen zu können?

Menschheitsgeschichtlich betrachtet erfüllt der Alkohol eine interessante Funktion. Seit einiger Zeit vertreten manche Anthropologen und Historiker die These, dass sogar der Erfolg der neolithischen Wende gar nicht so sehr von der ansteigenden Nahrungsmittelproduktion  abhing, die mit der beginnenden Sesshaftigkeit des Menschen einherging, sondern dass diese Sesshaftigkeit selbst erst durch die Ritualisierung und sichere Ermöglichung des Rausches attraktiv wurde. So wurden beispielsweise im Jahr 2012 in der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe im Südosten der Türkei einige wannenartige Gefäße entdeckt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Gären von Bier dienten. Sie sind Teil einer mehr als 10.000 Jahre alten Tempelanlage, die zu den ältesten uns bekannten Orten gehört, an denen religiöse Feste und Kulte begangen wurden. Auch in anderen Teilen jung- und mittelsteinzeitlicher Siedlungsgebiete wurden Überreste von Festen, Orgien, Gelagen sowie Instrumenten zur Alkoholproduktion gefunden. Die Idee der Forscher: Was motivierte die Leute, zusammenzukommen und tonnenschwere Steinblöcke auf Hügel zu wuchten? Bier. Warum sollten Orte des Kultus in erster Linie geschaffen werden? Um Leute zusammenzubringen, um gemeinsam Feste zu feiern. Und was ist das Schmieröl, das die Gemeinschaft zusammenbringt? Bier. Das wird sogar bis zur These radikalisiert, dass nicht das Vergären von Getreide ein Nebenprodukt des Brotbackens, also der rudimentären Nahrungsaufnahme, sondern das Brotbacken eine Folge des Biertrinkens, einer noch rudimentäreren Nahrungsaufnahme ist. (Diese These existiert tatsächlich, vgl. die Darstellung von Mark Forsyth im zweiten Kapitel seines Buches A short history of drunkenness, 2017.) Bier wäre demnach nicht bloß als Zweck, sondern gar als Ursache menschlicher Zivilisation, und damit der menschlichen Wissenschaft, des menschlichen Witzes, der oben zitierten Totalität sowie dieser Kolumne zu sehen.  Um es auf Aristoteles und Norbert Elias zu münzen: Bier als der unbewegte Beweger am Beginn des Prozesses der Zivilisation.

Was wäre dann das Zivilisierende am Alkoholgenuss? Ich fange nun an zu spekulieren – mir  fallen vor allem zwei Dinge ein. Zum einen der funktionale Aspekt der Gruppenkohäsion. Wenn Menschen zusammenkommen, um zu trinken, zeigen sie sich damit gegenseitig Vertrauen. Im Neolithikum, so die These, als vergorene Früchte aufgrund des Zucker- und Nährstoffgehaltes noch direkt vom Boden aufgeschlürft wurden und Sättigungsgefühl so nebenbei einen Vollrausch implizierte, war das Individuum den Gefahren der Wildnis vor allem dann ausgeliefert, wenn es alleine war. Eine Gruppe hingegen gibt Sicherheit; ermöglicht gefahrlosen Rausch. Vielleicht ist ein interessanter Effekt des Alkohols hier gar nicht so sehr, dass das subjektive Erleben für einen gewissen Zeitraum verändert wird, sondern die Erfahrung, dass man sich auch in Momenten des Kontrollverlustes auf andere Menschen verlassen kann. Im Rausch macht sich das Individuum, um mit Blumenberg zu sprechen, „sichtbar“, gibt eine Haltung der Selbstkontrolle und somit auch eine mögliche subjektive Verborgenheit auf. In der Ermöglichung gefahrloser Sichtbarkeit aber zeigt sich die zivilisierende Kraft der Kultur. In dieser Hinsicht ist das Trinken dem Flanieren sehr ähnlich. Beide Tätigkeiten haben keinen direkten lebensdienlichen Nutzen; sie sichern nicht das unmittelbare Überleben. Sie exponieren vielmehr das Subjekt. So macht der ganz nutzlose Exhibitionismus eines Spaziergangs oder eines Gelages das Individuum unnötig verletzlich: im Rausch verfügt der Mensch nicht über den Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte; beim Flanieren zeigt sich der Mensch, auf weiter Ebene, zweibeinig, und von hinten, potenziell angreifbar. Wenn der Mensch aber flaniert oder trinkt, so impliziert das eine Umgebung, in der er sich angreifbar machen kann, ohne fürchten zu müssen. Diese Garantie einer Atmosphäre der Furchtlosigkeit wäre dann genau das: Zivilisation. In dieser Perspektive ist Alkohol nicht der Inhalt von Kultur. Aber seine Funktion wirkt zivilisierend auf einen Menschen, der ohne ihn in steter Verteidigungsstellung lebte.

Aber noch ein zweiter Aspekt drängt sich auf. Zu oft treten die rauschhaften Praktiken selbst Hand in Hand mit Ritualen und Kulten auf, als dass man die sakrale Dimension des Alkohols vernachlässigen könnte. Die Schamanen, die um die Wirkung psychedelischer Substanzen wissen, die Priester, die das Heilige mit Wein zelebrieren, die religiösen Feste, in denen mystisch-spirituelle Ekstase und Rausch des Gläubigen nicht mehr voneinander zu trennen sind – man denke etwa an das jüdische Purim. Hier kommt der Inhalt des alkoholischen Rausches ins Spiel. Es scheint so zu sein, dass die Herabsetzung der Grenze zwischen Innen- und Außenwelt, die Außerkraftsetzung subjektiver Handlungsmacht und der Verlust persönlicher Hemmungen den Verweis auf Transzendenz erfahrbar machen. Hier bricht sich im Einzelnen das Erleben Bahn, dass das Ich eventuell nicht das Zentrum der Welt ist, dass das Selbst stellenweise auflösbar ist – und ersetzbar durch andere, fremde Strukturen des Begehrens. Was sagt uns das über die Struktur der Zivilisation? Vielleicht, dass große, die Gesellschaft umspannende Bezüge, kulturelle Erzählungen, in denen die Gesamtheit des Seienden immer wieder neu vermessen und ausgelotet werden, soziale Praktiken und kollektive Erlebnisse ganz und gar unumgänglich sind für den Menschen, der die Welt in ihrer Ganzheit wahrnehmen will – und gar nicht anders kann, will er nicht auf ewig in einer kleinen, abgeschlossenen Höhle von Selbst verweilen und in abstinenten Solipsismus verfallen. Hier versteckt sich zum einen das Gefühl, dass der Mensch für die Langeweile und die Gleichgültigkeit einfach nicht gemacht ist. Warum, wissen wir nicht. Aber vielleicht ist er sich des Todes zu bewusst, um sich nicht zu fragen, was er mit dem zu verbleibenden Leben anstellen soll. Zum anderen scheint im Alkohol die Belohnung zu liegen, die irdische und profane Beschäftigung hinter sich zu lassen und für kurze Zeit zu vergessen, dass man sich normalerweise um sein Dasein und die Lebenserhaltung zu sorgen braucht. Wie unter der funktionalen Linse auf den Rausch offenbart auch hier der Trinkgenus: Sorg-Losigkeit, bis, um das Heidegger’sche Vokabular auf die Spitze zu treiben, der Mensch seine be-sorgte Zurechnungsfähigkeit selbst in der Kloschüssel ent-sorgt.

Kann man diese beiden Aspekte in einen dem Rauschhaften angemessenen philosophischen „Ton“ vereinen? Vielleicht ist das möglich, wenn man das Trinken von Alkohol als eine Form des Spiels begreift. Mit dem, was Philosophen zum Spiel gesagt haben, würde es herrlich korrespondieren: Das Trinken ist Fest, nicht Alltag. Es ist Weihepraxis, setzt der schnöden Immanenz des Arbeitslebens ein transzendierendes Element entgegen. Es ist Kulturpraxis, lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes „abspielen“. Es ist Gemeinschaftsspiel, verführt, gaukelt ganz mimetisch eine neue Realität neben der Realität selbst vor, setzt die Spielenden, Trinkenden in eine passive Rolle in Bezug auf das, was da über sie hineinbricht und ermöglicht sogar wettkampfartige Ausmaße. In der instrumentellen Zwecklosigkeit des Trinkens offenbart sich, um mit Gadamer zu sprechen, das „Hin und Her einer Bewegung […], die an keinem Ziele festgemacht ist“ (Gadamer 1990, 99) – eine lustvolles Maskenaufsetzen und Ausprobieren – vorausgesetzt, man ist kein Spielverderber. Denn auch wer sich auf das Spiel des Rausches einlassen will, muss die jeweiligen Spielregeln erlernen und sie internalisieren, bis ihnen gegenüber, um mit Paul Valéry zu sprechen, kein „Skeptizismus mehr möglich ist“ (vgl. auch bei Huizinga 1987, 20) und sie vor dem Hintergrund des Spaßes zu schierer Notwendigkeit verblassen. Wenn man das Kulturphänomen des „Trinkens“ vor diesem Hintergrund des „Spielens“ lesen will, scheint es gar nicht mehr so voraussetzungslos. Und in der Tat könnte es erklären, warum durchaus einige Leute Probleme haben, sich auf das Trinken „einzulassen“. Wer keinen Alkohol trinkt, tut das ja nicht (nur), um die Leber zu schonen und gesünder zu leben. Sondern weil das Spiel des Trinkens an sich abgelehnt wird, nicht als genusswürdig erachtet wird. Es würde auch die diversen „Spielarten“ des Trinkens erklären. Beispielsweise, warum fein beschwipste Rotweintrinker nicht mit der Eigenlogik eines Reeperbahnexzesses kompatibel sind.  Oder warum es für die einen lustig ist, mit Bier und Bratwurst im Stadion zu stehen, während andere lieber Martini trinkend Arte gucken. Mit diesen „feinen Unterschieden“ wäre der ludische Aspekt des Alkohols schließlich ganz in ein kulturelles Kapital im Sinne Bourdieus übersetzbar.

Um es abzuschließen: Das Erfassen des Rauschhaften als Spielpraxis ermöglicht zum einen eine Analyse und Beschreibung des Phänomens selbst; ohne es aber künstlich einzugrenzen und zu verengen, da wir ja zugestehen, dass neue Spielarten erschaffen, erfahren und individuell relevant werden können. Reden wir also in den folgenden Kolumnen über Trinkspiele! Nicht nur über unangenehm bleierne Erinnerungen an missraten mit Schnaps verklebte Monopoly-Bretter, sondern über die Spiele des Trinkens selbst. Schließlich handelt es sich hier um eine Stilkolumne, und nicht um einen Lektürekurs in fundamentalontologischer Anthropologie. Lassen sich Spiele des Trinkens unterscheiden? Gibt es eine präferierte Form? Eine objektiv besonders elegante? Oder wirkungsvolle? Über mehr Trinkbares und Ludisches: in der nächsten Kolumne.

 

Bild: Edgar Degas 1873, In einem Café, oder: der Absinth

 

Mehr Theorie:

Adorno, Theodor W. (1966): Negative Dialektik. 8. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 113).

Gadamer, Hans-Georg (1990): Hermeneutik I. Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 6. Aufl. (durchges.). Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

Huizinga, Johan (1987 // 2013): Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. 23 [Nachdr.], Neuausg. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch (Rowohlts Enzyklopädie).

Forsyth, Mark (2017): A short history of drunkenness. UK: Viking.

3 Kommentare zu „Über den modernen Alkohol I

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s