Über den modernen Alkohol II

Oder: eine historische Phänomenologie des (Wein)Geistes. Settembrinis Stilkolumne #12

 

Unserer Generation wird oft vorgeworfen, richtig boring zu sein. Diese Anschuldigung, meist in klagendem Gonzo von Ü30-Teilzeit DJs auf der VICE vorgetragen, die in ihren verklebten Berliner unsanierten Altbauwohnungen wehmütig der taumelnde und halluzinogene Ekstase im Kreuzberg der prä-2000er hinterhertrauern und bei den Touristenschlangen vor dem Berghain Pipi in die Augen kriegen, weil die Hauptstadt ihre Realness, ihren Abfuck, ihre Originalität, ihre Armut, ihre Kreativität, ihre Energie, ihre Bässe, ihre Trips auf Klotoiletten verloren, vergessen, beerdigt und gegen Matcha-Tee und gut frisierte Freelancer in veganen Friedrichshainer Cafés, die um 18:30 schließen und noch nicht mal mehr unter der Theke Gras verkaufen geschweige denn Vollmilch für den DreiEuroFuffzigAmericano im receyclebaren Pappbecher anbieten, eingetauscht hat; und die als palliative Maßnahme Wochenend-Ayahuasca-Trips mit speziell ausgebildeten Schamanen bewerben, bei denen sie endlich ihren Phallus zu kakteenhafter Größe ausgewachsen in Lévinas’schen Dialog vor sich sehen und gemeinsam mit dem Genitalbereich Kindheitstraumata aufbereiten können, liest sich etwa wie folgt: die Kiddies, die nach 1995 geboren sind, sind Scheißyuppies, die nur noch mit EasyJet in der Monokultur der Zentren westlicher Hauptstädte hin- und herjetten, total gelangweit irgendwas mit Medien oder Politikberatung oder Economics oder ethical business oder Unternehmensberaterwissenschaft studieren und über Credit Points reden und über toxic masculinity und die To-Do-Listen schreiben und die, wenn sie sich politisch engagieren, nur irgendwelche unbezahlten Praktika bei agil und projektorientierten Thinktanks oder Designberatungen oder Grafikern oder Modeschöpfern machen und die auch gar nicht mehr demonstrieren gehen, weil sie mit deliberativer Demokratie und Diskursethik so vollgestopft sind, dass sie nur noch an die Power von Gesprächskreisen und offenen Bürgerrunden glauben, und ohnehin endlich wieder den intentionalen Kommunikationszusammenhang mit der politischen Mitte wiederaufnehmen wollen, und mit den Rändern der Gesellschaft, weil man sich auch um die Globalisierungsverlierer kümmern muss und die von Sinn-Inseln reden und die einfach, verdammt noch mal, nicht mehr an die Revolution glauben und auch einfach nicht mehr richtig feiern und saufen und abfucken, und die sich generell die Grenzen ihres ethnographischen Vorstellungsvermögens mit der Lektüre von liberalen Wochenzeitungen und sozialpsychologischen Times-Bestsellern komplett zerfasert und zerbombt haben und jetzt gerade einmal die Fantasie und die Lebergröße eines Goldfisches in einem Starbucks-Frappucchino-Cup-To-Go besitzen. Zu dieser langen Tirade von Hauptplädoyer werden dann meist noch einige epochenspezifische, zeitdiagnostische Symptome hinzugefügt:

Netflix&Chill beispielsweise. Weil jetzt die Kiddies gar nicht mehr rausgehen sondern nur noch zuhause sitzen und Paprikachips knabbern und Becks trinken und Serien gucken oder schlimmstenfalls sogar Pastewka und nebenbei noch desinteressiert in ihre iPads starren, wo YouTubeVideos laufen und mit ihren Smartphones daddeln und über WhatsApp schwitzend lachende Emojis darüber verschicken müssen, dass gerade ein Tindermatch von vor zwei Jahren in Snapchat-Feed aufgetaucht ist und weil deswegen die ganzen urigen, geilen, sozialromantischen kommunistischen Eckkneipen, die von einem Besitzerehepaar für mehr 30 Jahre vertrauenswürdig und mit sanftem Pils durch die Chillae und Charibdi der neoliberalen Zeitgeschichte, Kohl’s geistig-moralischer Wende und der Agenda 2010 gesteuert wurden, alle zumachen müssen und im Felde unbesiegt quasi, gerade von den eigenen Trinkgenossen in der Nachbarschaft schmählich mit dem Internet und dem Amazon-Prime-Lieferservice hinterrücks erdolcht werden, bis endgültig Woolworths und IKEA-urban-pick-up-spots an die Stelle der linksliberalen Wasserlöcher in der Konsumwüste treten. Scheiße.

Und dann natürlich noch der allgemeine konservativ-neoliberale Backlash. Heute gibt es ja gar keine Hausbesetzungen mehr, und keine Volxküchen und Plena oder Plenata, zumindest nicht mehr wie zu Zeiten der großen globalen Internationalen, die gibt’s jetzt nur noch an ausgewählten Sinn-Inseln, im Schanzenviertel oder in Leipzig oder in Athen, wo quasi museale Reste, Fossilien, um 4 Uhr nachmittags aufstehen und in der letzten verbliebenen Bastion von Theke ein Jever ordern und absacken, damit die Yuppie-Touristen mit ihnen ein Selfie machen in sich das in ihr Europe-Travel-Album packen und auf der Timeline markiert werden und dann weiterdüsen nach, Georgien, weil es da noch richtig authentisch und originell ist, fast so wie in East-Berlin in den nine-teen-nine-tees.

Das ist so die allgemeine Wiedergabe einer Erzählung über unsere Zeit, wie es sie gibt, glaube ich. Jeder mag sie graduell anders erzählen, Teile hinzufügen, Teile weglassen, die politische Linse etwas drehen, mehr auf Techno oder weniger auf Antifa-Kitsch setzten, oder andersherum; aber im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass so eine Zeitenwende dargestellt wird, in der es um den Sieg des digitalen, gut vernetzten, langweiligen Generation-Y-Google-Medienfuzzis über die echten, harten, authentischen Alt-68er und über die Raverkultur geht. Die hatten zwar weltanschaulich nicht so viel gemeinsam, aber eine Sache machte sie ähnlich: der Hang zum Exzess, zum radikalen, selbstzerstörerischen Fuck yeah.

Und wir, die nach 1995er, sind gut angepasste opportunistische Waschlappen, die genauso lauwarm schmecken wie der schaumige Milchkaffee, den wir uns morgens mit einem vollautomatischen Kaffeemilchschaumgerät und in bisschen Kakaopuder auf der Melaninarbeitsplatte in unserer Scheiß-Einbauküche reinpfeifen um danach pünktlich um halb neun die erste in der Bib zu sein und digital marketing zu büffeln. Was soll man da machen? Ostentativ mit dem Rauchen anfangen und aus Trotz Adorno lesen? Morgens erstmal n Bier kippen und in der Vorlesung einschlafen, um das mit dem Rebellentum so richtig klarzustellen? Weniger hard worken, mehr in WG-Küchen sitzen und bei Wein und Rum Utopien beschwören, die ja niemand angreifen darf, weil unter der Hand auf einmal der ganze Lebensinhalt an dem seidenen Faden eines sozialphilosophischen Traumes hängt, außer dem  nichts mehr hat (weil man ja mittlerweile nur aus Rotwein und selbstgedrehten Zigaretten und Gilles-Deleuze-Sätzen besteht)? Schildkröten als Haustiere halten?

Jeder Versuch, sich dem Zeitgeist zu widersetzen, wirkt auf eine verzweifelte Art verkrampft. Auch, wenn wir uns in die nicht-gentrifizierten Stadtteile der Metropolen zurückziehen und an unseren Luftschlössern herumwerkeln und dabei der grauen Realität für eine gewisse Zeit ein Schippchen schlagen, können wir nicht verhindern, dass Epochen zu Ende gehen oder sich Mentalitäten ändern. Was ich allerdings bezweifle, ist, dass die große Erzählung der weichgewordenen zentraleuropäischen Yuppies, die ich oben versucht habe, zu skizzieren, tatsächlich so stattgefunden hat.

Ließe sich nicht einfach nur mit unserem in der letzten Kolumne entwickelten Vokabular sagen, dass sich gewisse Spiele einander ausgewechselt haben? Es stimmt ja, dass heute andere Mentalitäten und Ereignisse unser Denken bestimmen als die Love-Parade oder das zugedröhnte Ostberlin. Allerdings waren auch schon damals diese Bilder bezogen auf gewisse Klischees von Gemeinschaften, nicht auf allgemeine, übergesellschaftliche Strukturen. Es gab soziale Praktiken, die genau so waren, dass die vorgefertigten Bilder von ihnen zutrafen, aber es waren, um es mit Huizinga zu sagen, Ergebnisse von gewissen „Spielgemeinschaften“, die neu und ungewöhnlich waren und deshalb Aufmerksamkeit bekommen haben. Aber die gleichen Spiele werden noch immer gespielt, ihre Spielregeln sind noch immer existent. Es gibt noch Raves unter Brücken, es gibt noch Kommunen und Wohngemeinschaften, es gab die G20-Proteste, es gibt linke Theoretiker und ranzige Eckkneipen – all diese Spiele sind noch längst nicht ausgespielt, ihre Spielregeln entwickeln sich weiter, stoßen Elemente ab und gewinnen neue hinzu. Und man könnte nun sagen, dass sich vielleicht einfach weniger Menschen oder andere Menschen nicht mehr mit ihnen identifizieren, oder man selbst andere Spiele als relevanter erachtet. Und in genau der gleichen Logik ließe sich darauf hinweisen, dass in der verklärten Sven-Regener-Epoche der Selbstzerstörung, der revolutionären Kunstinstallationen und des Mauerfalls andere Spiele genauso existierten – die likörtrinkenden Tanten, langweilige Dorfdiskos, Weizenkornexzesse, stockkonservative Opas in bayrischen Biergärten und das punschtrinkende Kleinbürgertum in 2-ZimmerWohnungen oder Einfamilienhäusern der 70er-Jahre. Welcher Spielgruppe man sich da anschloss, hing wohl, gestern wie heute, mit der Auswahl zusammen, die man jeweils hatte.

Eine verkürzte Sichtweise, die alle Langstreckenlangweile der heutigen Zeit mit einer zeitgeschichtlichen Wende von Ravern zu Waschlappen erklärt, tut auch denen nicht gut, die selbst gerne Raver oder an Mojito schlürfenden kalifornische Bonvivants wären. Denn eine deskriptive Verengung der Realität macht auch diejenigen Spiele unsichtbar, die sich derzeit, ohne Vorbild auf eine historisch idealisierte Saufepoche, sei es wahlweise die Pariser Bohème, das New York der Beat-Generation oder das Kreuzberg der Raver, entwickeln und bei denen man mitspielen könnte. Was eine solche Sichtweise, die irgendwo zwischen Nostalgie und krampfhafter Aufrechterhaltung der ursprünglichen, als einzig legitim erachteten Spielart hin und herschwankt, so populär macht, ist sicherlich die Schwierigkeit, Trinken als Spiel, das ganz unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann, erst einmal zu begreifen. Denn dann könnte man sich auch von den großen zeitlichen Erzählungen verabschieden und einmal genauer hinschauen, wo heute denn tatsächlich die Bruchlinien zwischen institutionalisierter Langeweile und aufregendem Freispiel verlaufen. Was ich vorschlage, ist eine Typologie des zeitgenössischen Trinkens, mit anschließender Standortbestimmung sowie abzugebenden Präferenzen. Mehr dazu: in der nächsten Kolumne.

Bild: William Hogarth 1751, Gin Lane

 

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