Über den modernen Alkohol III

Oder: Eine Typologie des Zechens.  Settembrinis Stilkolumne #13

 

Bei der stilistisch zu verurteilenden beziehungsweise der zu approvenden Darstellung von Alkoholkonsum muss man höllisch aufpassen. Aus gleich mehreren Gründen. Man könnte ja als derjenige Moralapostel dastehen, der den Leuten sagt, was sie zu tun und zu trinken haben, und dann könnte jemand kommen, der sich beschwert oder wütende Kommentare schreibt, weil man behauptet, dass Bierkonsum bei Sportschau etwa ein Symbol für Trägheit sei und sich dann jemand empört, er habe jetzt im Internet gelesen, dass man kein König Pilsener mehr trinken dürfe, und das ein Zeichen für den Untergang des Abendlandes sei und eine ungeheure Frechheit obendrein weil ja die Leute jetzt anfangen und über alles und jeden zu moralisieren und Kolumnen zu schreiben und überhaupt und KöPi sei doch lecker. Ein anderer Grund ist der akademische Lebenslauf. Das erinnert mich ein wenig an die Anfangszeiten von Facebook, als alle Leute meinten, man dürfe bei den sozialen Netzwerken bloß nicht zu viel preisgeben, denn wenn man das täte, öffnete sich die Tür zur Hölle und wenn einmal ein Party-Foto online gestellt sei würde eine Kohorte von peinlichen Nacktbildern folgen und wenn sich zukünftige Arbeitgeber (diese Argumentation, ich erinnere mich, funktionierte nie ohne zukünftige Arbeitgeber!) dann im Internetz über den Bewerber informierten würden sie unweigerlich auf ungepflegte Facebookprofile stoßen auf denen der Bewerber dabei zu sehen ist, wie er auf Malle kotzend beim Bierpong abkackt, as usual applicants do, und dann würden sich die schlauen zukünftigen Arbeitgeber natürlich all die anderen Bierpong-spielenden Bewerber unter den Nagel reißen, von denen keine Kotzefotos im Internet kursieren, und die im besten Fall auf Facebook auch nur ein Pseudonym verwenden [Sic! Im Jahre 2011 erzählten die Lehrer das so!] weil sie aktuelle Datenschutzrichtlinien befolgten und man selber, die kotzende Datenrampensau, würde nie einen Job finden, Langzeitarbeitslos, ab zurück nach Malle, wo die alle herkommen, Ende aus. Die Moral von der Geschichte war natürlich eine andere. Wenn heute kein Foto im Internet kursiert, auf das potenzielle Arbeitgeber bei einer Googlesuche stoßen können, gilt ein Bewerber durchaus als suspekt und wird beim Interview stirnrunzelnd nach Social Media Kompetenz befragt, was natürlich dazu führt, dass statt großer Angriffe auf Cookies und amerikanische Datenriesen mittlerweile alle nett bei Gartenempfängen lächelnde Unternehmensberater ihre Facebookprofile mit ihren Linked-Ins verbunden haben und sich die gesamte Datenschutz-Kotz-Paranoia zusammen mit der Work-Life-Balance in Sektbläschen, Industrie 4.0 und ins Homeoffice auflöst. Um die Analogie zu schließen: die gleichen Leute die vor sechs, sieben Jahren vor einer Übernutzung sozialer Medien gewarnt haben, würden jetzt natürlich Herzklabaster kriegen, wenn sie lesen, dass studentische Zeitschriften neben ernsthaften gelehrigen Etüden auch Anweisungen zum effektiveren Alkoholkonsum herausgeben.

Ich halte das für Humbug. So wie sich heute die Leute freuen, dass Paul Lafargue schon vor mehr als hundert Jahren eine Lanze für die Analyse und Verteidigung der menschlichen Faulheit gebrochen hat, wird sich zukünftig auch eine geringe Schar Durstiger an dem fragmentierten Versuch einer Ethik des Saufens laben, die freilich bereits in diversen Weinratgebern, Trinkempfehlungen, Restaurantkarten und Cocktailmenüs praktiziert, aber noch nicht in vollem Bewusstsein einer geistigen Selbstaufklärung verstanden wird.

Wir kommen nun also wieder zur Frage zurück, die uns bereits zu Beginn des Alkoholexkurses interessiert hat. „Lassen sich Spiele des Trinkens unterscheiden? Gibt es eine präferierte Form? Eine objektiv besonders elegante? Oder wirkungsvolle?“ Für letzteres kann eine konzise Typologie des Säufers sicherlich Resultate mit hoher Prognosefähigkeit sichern. Arten des Alkoholkonsums gibt es schließlich wie Sand am Meer; und schon Hans Fallada garantierte mit „Der Trinker“ eine beunruhigende Phänomenologie eines der Alkoholsucht anheimfallenden Kleinbürgers. Wirkungsvoll ist es sicherlich, sich auf leeren Magen, morgens, mit Aussicht auf einen Tag unbenommener Arbeitslosigkeit, einige Dosen Holsten reinzuknallen und sodann mit offenem Mund auf der Computertastatur einzuschlafen. Man kann auch auf’m Deich liegen, Männerwitze reißen, einen bei Sonnenuntergang in den Hafen einfahrenden Kutter beobachten und einige Flaschen Flens verploppen. Man kann sich mit ruhiger Gemächlichkeit im Halbschatten Münchner Biergärten sedieren, mit aufgekratztem Leichtsinn und Hoffnung auf impressionistische Visionen Rotwein an der Seine vernichten, sich mit einigen säuerlichen Ales im Magen laut „Brexit“ brüllend in Pubfights verwickeln lassen, bis zur Erschöpfung mit Kartoffelschnaps im Blut in den Morgengrauen tanzen, Likör mit Großtanten trinken, Marzipanschnaps in Pralinen füllen, ungewollt auf Monchérie abtrippen oder nach Vodka-Bull-Exzessen ungewollt in der eigenen Kotze im Park einer Kleinstadt aufwachen.

Ob wir es vorziehen, bei Weißwein Nüsschen zu knabbern und über Descartes zu reden, oder mit billigem Deo besprüht stark überschminkte Girls in Techno-Clubs aufzureißen, scheint, mit Aristoteles gesprochen, eine Frage unserer Disposition zu sein. Aber gibt es in diesem Fall auch eine objektiv bessere Entscheidung? Bevor uns die Problematik eines solchen Werturteils direkt in die Tiefen der Metaethik wirft, lassen wir uns auf ein interessantes Detail zu sprechen kommen.

Was mir auffällt, ist die Tatsache, dass das Trinken von Alkohol ganz unterschiedliche, scheinbar gar nicht miteinander verbundene erfahrungsweltliche Zustände aufwerfen kann, die lediglich durch die Klammer der Praxis des Schluckens etwas gemeinsam haben. Diese Unterschiede in der Erfahrungswelt von Alkohol gehen weit über die Verschiedenheiten der jeweiligen Spielregeln des betriebenen Trinkens hinaus und können auftreten, selbst wenn ich dasselbe Spiel betreibe. Es macht effektiv einen Unterschied, wann, wie, wo, weshalb und in welcher Stimmung ich ein Glas Vodka-Martini trinke, selbst wenn ich versuche, durch das Trinken des Vodka-Martinis in mir ein gleiches und bereits bekanntes Gefühl zu affizieren. Unterschiede im mich umgebenden Raum, Maße an Urbanität, die jeweiligen Sinnfolgen, die mich zum Schlucken motivieren, können ein vollkommen anderes phänomenales Erleben des Gleichen zur Folge haben. Das mag wie eine triviale Erkenntnis klingen, aber eigentlich ist es keine. Denn es impliziert ja, dass es sich bei Rauscherfahrungen um inkommensurable Epiphänomene handelt! Es ist eine genuin andere Tätigkeit, ein Pils in den Dünen zu trinken, als sich im kühlen Schatten von Kastanienbäumen an einem Weißbier zu erfreuen, oder sich an nebligen Industriekanälen Wacholderschnaps einzuflößen. Es ist genuin anders, weil es genuin anderes bewirkt, weil es zu anderen Formen des Sediert-Seins, Aufgeputscht-Seins, Beruhigt- oder Beunruhigt-Seins führt. Und wenn man diesen Phänomenen ihre je eigene Eigentlichkeit zugesteht, wirft uns das in eine radikale Pluralität von Erfahrungen. Und genau in dieser Pluralität liegt die große Chance des aufgeklärten, sich seiner selbst bewusst gewordenen Trinkens. Es bedeutet, auf das Phänomen des Rauschhaften zu lauschen, in einen dialektischen Prozess mit dem Phänomen selbst zu treten und dort den Geist immer wieder neu aufzuspüren, ohne ihn dort zu vermuten, wo man ihn zuletzt gefunden hatte. Diese Unabgeschlossenheit, Naturhaftigkeit des Zuhörens macht den Schluck zu einem Schritt in das radikal Offene und zwingt den Konsumierenden, sich affirmativ zu dem neu Erfahrbaren zu erhalten; also eben nicht auf das abzustellen, was man sich vom Trinken bereits bewusst ist. In dieser Magie der bewusst erspürten Bewusst-losigkeit ohne Verlust des Bewusst-Seins liegt die Chance des Epiphänomens des Rausches. Wer sich darauf nicht einlassen kann, wird immer nur in den bereits manifest gewordenen Spielregeln des geschichtlich kultivierten Trinkens verbleiben, und ist dadurch auf dem Ohr des Zukünftigen taub geworden.

Diese Beobachtung sollte uns nun die Frage nach dem Objektiv-Besseren erleichtern. Wer sich wirklich auf das Trinken einlassen will, für den ist der Schritt in die radikale Offenheit des Zuhörens wünschenswert, und der kann für die historisch tradierten Regelfolgen nur Negation und Verachtung übrighaben. Aber wer lediglich seinsvergessen trinkt, der versinkt gleichsam im Relativismus der bestehenden Pluralität von rauschhaften Spielen, und der wird sich, um mit Fichte zu sprechen, vor lauter Krümmung und Erschlaffung nie in den edlen Seinsmodus des lauschenden, phänomenologischen Trinkens erheben. Ein Durchexerzerieren dieser je unterschiedlichen Dispositionen soll sodann im nächsten und letzten Teil der Alkoholexkursion erfolgen.

Bild: Mühlberg, Das Bierduell

3 Kommentare zu „Über den modernen Alkohol III

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