Über virtuelle und objektive Realität(en)

VR Brille
Irgendwann werden wir alle in unserer Virtual Reality leben“ erzählte mir begeistert eine Freundin. Zuckerberg investiert in der Tat Unsummen in alltagstaugliche VR-Konzepte. Die Begeisterung meiner Freundin kann ich aber nicht verstehen. Wieso sollten wir uns darüber freuen, in unserer eigenen Virtual Reality zu leben? Und tun wir so etwas denn nicht schon längst? Nehmen wir die Welt nicht schon jetzt durch unzählige Filter getrübt wahr? In meinem Gegenüber sehe ich doch schon nur, was ich in ihm zu sehen erwarte. Ich projiziere meine Wünsche, Ängste und Vorstellungen auf den anderen – und wende mich ab, wenn er nicht meinen Erwartungen entspricht, oder versuche ihn doch noch mit meinem Erwartungsschema in Übereinstimmung zu bringen. Auf jeden Fall sehe ich ihn kaum je mit all seinen Facetten. Das gleiche gilt bei der Interpretation von Texten: Aus ein und demselben Text lassen sich unzählige Bedeutungen herauslesen – je nach dem, in welcher Welt der Leser, die Leserin lebt und worauf sie dementsprechend ihren Fokus richtet.

Dennoch versuchen nicht wenige Menschen, einen anderen Menschen wahrhaftig zu lieben, und nicht bloß, insoweit er einem von ihnen vorgefertigten Bild entspricht. Und manch ein Kunststudent hofft, ein Kunstwerk ansehen zu können, ohne dieses sogleich in die eigene Interpretationsweise zu zwängen.

Selbst wenn wir die Dinge niemals sehen können, wie sie sind, sollten wir nicht dennoch an unseren Versuchen festhalten? Sollten wir nicht – trotz eingeschränkter Kapazität unserer Sinnesorgane und entgegen der schematisierenden Funktionsweise unseres Denkens – versuchen, uns der Wahrheit anzunähern?

Anders gefragt, wieso sollten wir uns zusätzlich zu den bereits vorhandenen Filtern auch noch eine VR-Brille aufsetzen?

Vielleicht ist es ja schöner mit Brille. Zuckerberg meint: „[…] when we run up against the limits of reality, VR is going to make our reality that much better.”[1] Die rosarote Brille goes digital. Die echte Welt ist limitiert, aber wir können eine uneingeschränkte Welt faken. Das ist ja genau die Befürchtung der VR-Skeptikerinnen, zu denen ich mich – erst einmal – auch zähle: Dass wir uns in eine virtuelle Welt verkriechen werden, weil sie uns erst einmal schöner vorkommt.

Allerdings: Ist die VR-Brille tatsächlich nur eine moderne, besser ausgebaute Version der rosaroten Brille? Die Funktionen, welche VR-Brillen heute ausüben, sprechen dagegen. Da gibt es Computerspiele, bei denen die Spielerin durch die tatsächliche Bewegung ihres Kopfes scheinbar auf sie zufliegenden Spinnen entweicht. Eine Realität, in der massenweise Spinnen auf mich geschossen werden, finde ich nicht schöner als eine ohne. Trotzdem übt das Spiel Faszination aus. Ein Freund, der es getestet hat, schwärmt davon, wie gut das Spiel gemacht sei, wie echt der Spinnenangriff wirke. Der virtuellen Realität könnte er tatsächlich Glauben schenken – wenn er nicht besser wüsste, dass sie nicht der Fall ist. Wie glaubhaft es auch scheint, dass er gerade von Spinnen angegriffen wird, er weiß, dass es tatsächlich nicht so ist.

Ein anderes Beispiel, wie Virtual Reality genutzt wird: Ängste wie beispielsweise Höhenangst sollen mithilfe von VR-Brillen therapiert werden, indem man Patienten in der virtuellen Welt von einer Klippe springen lässt, sie tatsächlich aber mit beiden Füßen auf dem Boden stehen. So unsicher einer Person mit Höhenangst im ‚echten’ Leben der Boden unter den Füßen scheinen mag, im Kontrast zur absoluten Schwerelosigkeit, die ihr das virtuelle Bild vorgaukelt, scheint die ‚echte’ Welt plötzlich stabiler.

Virtuelle Realität stärkt also in gewisser Weise die Idee einer objektiven Realität, da sie zeigt, was ganz bestimmt nicht Teil davon ist. Dass es eine objektive Realität, dass es eine Wahrheit gibt, in der wir leben, dessen können wir uns nie sicher sein. Eine solche scheint aber plötzlich plausibler, wenn wir als Gegenpol dazu eine ganz-sicher-nur-virtuelle Realität haben. Die ‚Objective Reality’ ist quasi Meta-Realität zur Virtual Reality. VR-Brillen schenken uns auf-uns-selbst-zurückgeworfenen modernen Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Verortung.

Eine sicherheitsschaffende Wirkung von VR-Brillen können wir auch mit Freud erklären. Unheimlich ist nach Freud etwas, das für einen Moment zu existieren scheint, obwohl es gemäß unseres Wissens über die Welt nicht existieren sollte. Nach einem unheimlichen Moment zurück in die normale Welt zu treten und die Dinge wieder einordnen zu können (Bsp.: Ich bin nach dem Horrorfilm nach Hause gekommen und habe kein Monster unter dem Bett gefunden), hieße dann ein Zurückkommen in die Heimeligkeit. Genau so ein Gefühl des Heimkommens können uns VR-Brillen verschaffen, wenn wir sie nach einem virtuellen ‚Trip’ wieder absetzen.

Irgendwie macht mir dies die Brillen sympathischer, denn – hey, eben diese Sehnsucht nach Verankerung in einer objektiv wirklichen Welt hat ja die ursprüngliche Abneigung gegen VR-Brillen erzeugt.

Allerdings: Die Funktionen von VR-Brillen sind nicht auf oben erwähnte beschränkt. So wie sie eine angsteinflößende Welt schaffen können, welche ‚unsere’ Realität plötzlich besser, sicherer und vielleicht sogar lebenswerter erscheinen lässt, können sie ja auch eine traumhaft schöne Realität schaffen, aus der ein Spieler wirklich nie mehr weg will. Eine Welt, in der alle Geschehnisse in der Hand des Spielers liegen, der sich nicht mehr mit unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen darüber, wie die Welt auszusehen hat, konfrontieren muss. Rückzug eben.

Eine Virtualität, um der Kulturphilosophie nach Dominik Finkelde einen Begriff zu entleihen, die VR-Brillen erzeugen, ist mir also ganz recht, während eine andere Virtualität mir und anderen Sorge bereitet. Die Sorge gründet in der Furcht vor Abschottung – doch Abschottung wovon? Wenn wir hier mit der Kulturphilosophie weiterdenken wollen, sollten wir den Begriff einer absoluten, objektiven Wirklichkeit ohnehin sein lassen. Die objektive, für alle gültige Wirklichkeit gibt es nicht – stattdessen ein Geflecht von Bedeutungen, aus denen sich ein jeweiliges Weltbild speist und das von jeweiligen Weltbildern weitergeflochten wird.

Abschottung kann ich dann so verstehen, dass jemand sich dem Diskurs darüber entzieht, was ‚unsere Realität’ ist, bzw. was sie zu sein hat. Virtual und Augmented Reality bieten eine Alternative zu einem intersubjektiv ‚festgelegten’ Realitätsbild und scheinen zu sagen: „Ist doch egal, was im analogen Leben läuft, baut eure Realität im digitalen Leben auf!“ Also doch wieder eine ganz klassische rosa Brille.

Denn, auch wenn ich eine objektive Realität aufgebe und stattdessen mit einem relativierten Realitätsbegriff hantiere, löst sich die anfangs gestellte Frage nicht auf. Selbst wenn es keine objektive Wirklichkeit geben sollte, hat es Auswirkungen auf den Weltgeist, in welchen Virtualitäten wir Menschen uns bewegen, und darauf, was sich als geteilte Alltagswirklichkeit anfühlt. Welche Ideen und Werte etablieren sich in einer Gesellschaft? Hat es Auswirkungen auf die Werte und auf deren Gültigkeit, wenn ich mich der Alltagswirklichkeit sehr leicht entziehen kann?

Und kann man sich mit VR-Brillen der Alltagswirklichkeit tatsächlich leichter entziehen als mit früheren Formen alternativer Realitäten (wie z.B. Roman- oder Filmrealitäten)? Vermutlich schaffen es VR-Brillen besser als Bücher und Filme, virtuelle Realitäten plausibel zu machen, da sie die Aufmerksamkeit stärker kanalisieren. Ob dieser Effekt dem klassischen Gewöhnungseffekt standhalten wird, ist jedoch fraglich. Trotzdem scheinen VR-Brillen mehr als frühere Spielplätze der Phantasie die Frage aufzuwerfen, wo und wie wir in der Realität verankert sind. Oder sind sie selbst vielmehr Produkt davon, dass diese Frage heutzutage öfter gestellt wird?

[1] https://www.independent.co.uk/life-style/gadgets-and-tech/news/mark-zuckerberg-virtual-reality-better-real-world-comments-vr-a7995546.html [04.11.18].

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