Über den modernen Alkohol IV

Oder: Hinwendung zur idealistischen Symphilosophie. Settembrinis Stilkolumne #14

 

In der letzten Kolumne sind wir zum Schluss gekommen, dass wahres Trinken darin besteht, unvoreingenommen die Unabgeschlossenheit im Rausch zu suchen. Ich möchte diese These nun noch etwas illustrieren.

Alles Unwohlsein im Saufen besteht im Nacheifern. Leute fangen an zu trinken, weil sie meinen, sie müssten anderen Menschen etwas beweisen. Sie stellen sich hin und kippen eine Flasche Bier hinunter oder verputzen eine Dose Whiskey-Cola und denken damit, sie staten damit irgendeinen point. Dieses Verhalten wächst sich irgendwann aus, die Leute beginnen, Gefallen daran zu finden, besoffen Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun. Sie beginnen, das Spiel des Trinkens zu erlernen. Sie erlernen es, indem sie sich mit Vorbildern identifizieren, für die der Alkohol eine bestimmte Rolle spielt. Sie trinken geschüttelten Martini, weil James Bond ihn so bestellt, obwohl guter Martini eigentlich gerührt sein müsste. Sie fühlen sich angesprochen von Gestalten in Bermudashorts und Caipi-Gläsern, weil es ein Lebensstil symbolisiert, der mit dem Aufflammen der Adoleszenz begehrenswert wird, oder sie trinken Unmengen an Bier, weil sie damit Männlichkeit beweisen, oder Daiquiris, oder Cosmopolitans, oder Amaretto oder whatsoever, weil sie Gruppenzugehörigkeit darstellen und sich kulturell distinguieren können. Soweit, so unterwerfen sie sich all den funktionalistischen Aspekten des Alkohols, der mit ihnen die Horden zivilisierte, Gruppendynamik erschuf und Subdifferenzierungen zwischen verschiedenen Spielen des Rausches ermöglichte. Sogleich unterwerfen sie sich aber damit auch bestimmten Spielregeln, die festlegen, wie Trinken begehrt, vollzogen und begriffen zu werden hat. Wer diese Spielregeln einmal internalisiert hat, der kann Spaß auf Abruf produzieren, kann den Rausch „abspielen“ und genauso endlos wiederholbar machen wie den Gang in die immergleiche Kneipe. Und genau hier wendet sich die zivilisatorische Kraft des Alkohols gegen das menschliche Individuum.

Denn in dem Abspielen des Immergleichen verkommt der Rausch zur simplen Affizierung. Es ist nur logisch, dass, wer einmal Spaß dabei empfand, kleine Feiglinge auf Scheunenfesten zu schlucken und vielleicht das erste romantische Erlebnis damit verbindet, bestimmte Spielregeln des Trinkens, beispielsweise, bestimmte Musik, bestimmte Atmosphären, bestimmte Phrasen gerne verinnerlicht, und versuchen wird, sie immer wieder genau so erlebbar zu machen, wie sie beim ersten Mal erlebt wurden. Aber genau hier verliert das ursprünglich transzendierende Element des Rausches seine Wirkung. Denn das erste Erlebnis wird nie reproduzierbar sein, es ist nur entwickel-, nicht aber abrufbar. Es liegt gerade im Wesen des Ersten, nicht Zweites, Drittes, Zweiundzwanzigstes sein zu können. So ist auch in der Biographie des Rausches eine sich windende Entwicklung, ein Weiterspielen, ein Unabgeschlossenbleiben des ursprünglichen Spieles vorgeschrieben, damit es ganz Spiel bleiben kann, nicht zur bloßen Regelfolge verkommt. In den meisten Fällen aber passiert genau das nicht. Der Trunk wird Regel, Ritual, soziales Zeichen, verliert seine offene Interpretierbarkeit, seine unendliche Potenzierbarkeit. Er wird Stumpfsinn.

Stumpfsinniger Dummsuff ist das missratene Kind der Königin Alkohol und der ungünstige Lehrmeister der Menschheit. Die Leute saufen wie die Hunde, weil sie der komplett tragischen Vorstellung unterliegen, ein magischer Funken lasse sich mechanisieren. Das Organische ist aber nie auf Mechanik reduzierbar, es sei denn der Geist wird ausgestoßen. Und genau das passiert in den Trinkkulturen des Alltags, in denen Trinken nichts besonderes ist, in denen es ein Verzweiflungsakt ist, ein zwanghafter Versuch, jetzt irgendwie aus der eigenen Haut zu kommen, irgendwas spannendes zu tun, irgendwohin aufzubrechen, sich nochmal was einzupeitschen, es sich jetzt doch noch mal zu zeigen, nicht alt zu werden, sich das unklare, das undestillierte Denken, das im Frühlingserwachen der Jugend noch so rein und zauberhaft war, durch immer die gleiche Destille, die gleiche Therapie zu bewahren. Und natürlich wird das eigene selbst dadurch um keinen Deut interessanter, oder schöner, oder aufregender, sondern einfach nur eine weitere Nacht älter, ein weiteres Glas dumpfer. So verwandelt sich die brodelnde Unüberschaubarkeit der ersten Gärung in dumpfe, kalte, schlammige Blödheit. Und die Hoffnung darauf, dass die Affizierung doch noch gelingt, nicht aufzugeben, ist nach einer gewissen Zeit auch einfach nur noch blöd, genauso blöd wie mit einem Plastikbecher voll Johannesbeerschorle in einem Stuhlkreis in irgendeinem Gemeindezentrum zu sitzen und sich eine YouTube-Predigt darüber anzuhören, dass der Messias kommen wird.

Oder ist es ein Zeichen von Geistreichtum, nach einem uninteressanten Abend mit mittelmäßigen Gesprächen und Perspektiven auf eine noch langweiligere Zeit in einem stickigen, lauten, engen, verklebten Kubus, mit Leuten, die einem nichts zu sagen haben, weil sie sich selber nichts zu sagen haben, den Abend dadurch nach vorne zu ficken, dass man jetzt eine Flasche Rum öffnet und Kampftrinken spielt? Weil es ja nicht sein kann, dass hier alle Leute Waschlappen sind? Weil die Raver von vor zehn Jahren schließlich noch authentischere und heftigere Kerle gewesen sind und das auch gemacht haben? Weil verlebte Charaktere cool sind und eine rauchige Stimme und eine ganz regnerische sexyness haben und schließlich mit sechzig auf ein durchzechtes Leben zurückblicken können, in denen jede gute Story mit Alkohol begann? Nein, das ist kein Zeichen von Geistreichtum. Es ist ein Zeichen davon, dass man frierend und gelangweilt und bereits wieder halb ausgenüchtert in einer Bahnstation sitzen wird und den existenziellen Zweifel im Kopf nicht ausstellen können wird, dass es sich hier lediglich um eine lapidare, langweilige, gesundheitsschädliche, destruktive und bemitleidenswerte Form von Zeitverschwendung handelt. Warum feiern wir dieses perfide Geilfinden von nihilistisch-exzessiver Alternativlosigkeit so ab? Was ist so geil daran, so zu tun, dass es ja schließlich auch peinlich wäre, zuhause in einem warmen Bett zu liegen und vor einer Doku einzuschlummern, weil das ein Armutszeugnis der eigenen Kreativität wäre? Es ist kein Armutszeugnis. Es ist ein Armutszeugnis, so zu tun, als müsste jede Bohème arm und fragil und latent psychotisch und verkatert und libidinös unbefriedigt und exzessiv sein, um überhaupt als Bohème gelten zu dürfen. Hier zeigt sich eine gewisse falsch verstandene Romantik, eine Weltverweigerung, eine, wie Bertrand Russel sagen würde, „lebensfeindliche Leidenschaft“ (Russell 2005, 622) der Leute, die verzweifelt versuchen, sich Transzendenz auf die immer gleiche Weise zu injizieren. In Wahrheit haben sie ausgespielt. Ihr Spiel ist öde, leer und sinnlos geworden.

Trotzdem ist sterile Abstinenz ein kaum weniger gangbarer Pfad. Kann es denn die Lösung sein, sich dem Spiel an sich zu verschließen, sein Heil in der moderaten Beschäftigung zu suchen und aus einem positiven Dogmatismus in eine komplette Verneinung umzuschwenken? Das wäre genauso dumm und verbohrt und langweilig. Wir können nicht wollen, jemals in eine Abgeschlossenheit zu geraten, aus der heraus kategorische Urteile möglich sind.

Wenn wir uns die Offenheit des Spiels bewahren wollen, müssen wir eingestehen, dass auch der Alkohol kein mimetischer Ersatz der Realität ist, sondern ein Spiel mit der Realität. Er ist immer schon in die vorgefundene Lebenswelt integriert, weswegen ja auch beispielsweise die Pluralität im phänomenalen Erleben möglich ist. Warum also versuchen wir mit der fortwährenden Affizierung, dieser Lebenswelt zu entkommen? Warum tun wir so, als wäre der Rausch eine Negation der Realität, wo er in Wahrheit doch stets eine Implementierung ist?

Ein Weg in die Offenheit des phänomenalen Lauschens, in das Weiterspinnen der Spielregeln, in die Unabgeschlossenheit des Trinkens, wäre es, den universalpoetischen Gedanken stark zu machen. Novalis nennt diese Form der „Romantischen Philosophie“ eine „qualitative Potenzierung“ von allem dem Bedeutung gegeben wird. Was soll dieser Aufruf zur „Romantisierung der Welt“ leisten? Jedenfalls nicht, alles mit Schall und Rauch zu verklären und wie ein konditionierter Hund auf immer die gleiche Affizierung des immer gleichen Gefühls zu hoffen. Novalis sagt, dass zwar dem Endlichen ein unendlicher Schein gegeben werden soll, aber auch, dass diese Operation für das Höhere, Unendliche ebenso gelten soll! Er nennt diese implizite Profanisierung des Mystischen, bereits Verklärten „Logarythmisierierung“ – […] Wechselerhöhung und Erniedrigung.“ (Aphorismus 6.20)

Diesem Wechselcharakter der Bedeutungshaftigkeit würde ich absolute Notwendigkeit zukommen lassen. Warum haben wir bislang Transzendenz und rauschhafte Ekstase als lediglich einspurige Einbahnstraße konzipiert? Warum können wir nicht auch Transzendenz als Wechselbeziehung denken? Als eine Bedeutung, die wir in die Welt tragen, die wir für einen gewissen Zeitraum aber auch von den Dingen nehmen müssen, um sie nicht verletzlich und stumpf werden zu lassen. Lesen wir mit dieser Linse zuletzt einmal Schlegels 451. Athenäumsfragment:

Universalität ist Wechselsättigung aller Formen und aller Stoffe. Zur Harmonie gelangt sie nur durch Verbindung der Poesie und der Philosophie: auch den universellsten vollendetsten Werken der isolierten Poesie und Philosophie scheint die letzte Synthese zu fehlen; dicht am Ziel der Harmonie bleiben sie unvollendet stehn. Das Leben des universellen Geistes ist eine ununterbrochne Kette innerer Revolutionen; alle Individuen, die ursprünglichen, ewigen nämlich leben in ihm. Er ist echter Polytheist und trägt den ganzen Olymp in sich. (255)

Der Mensch, wenn wir in diesem Sinne begreifen, hat es selbst in der Hand, profane Lebenswelt und Erweiterung der Lebenswelt selbst zu dirigieren und zu synthetisieren, auf immer wieder neue, immer spielerische Art. Und, so würde uns eine Phänomenologie des Alkohols lehren, er verfügt auch über seine eigenen Transzendenzbezüge. Nur muss er noch lernen, sich im Verfügen über die Unabgeschlossenheit des Rausches, über das ewige Hin- und Her des Spieles nicht auch noch zum Hund zu degradieren. Er muss ja zur eigenen radikalen Offenheit sagen, muss sich bestimmen, Mensch zu sein. Und das heißt, in der Verfügung über seinen Rausch, dass er selbst göttlich werden muss.

 

Bild: William Hogarth, 1732, A modern midnight conversation

Mehr zum Nachlesen:

Russell, Bertrand (2005): History of Western philosophy. New ed. London: Routledge (Routledge classics).

Novalis (1996): Aphorismen. Insel. Orig.-Ausg., 1. Aufl. (Insel-Taschenbuch, 1434).

Schlegel, Friedrich (1958-2006): Erste Abteilung. Band 2. In Ernst Behler: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, vol. 2. With assistance of Hans Eichner, Jean-Jaques Anstett. Paderborn, München, Wien: Schöningh (Sonderausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft).

 

6 Kommentare zu „Über den modernen Alkohol IV

  1. Wir können nicht wollen, jemals in eine Abgeschlossenheit zu geraten, aus der heraus kategorische Urteile möglich sind.

    Danke. Ich habe mich gerade in diesen Satz verliebt.

    Liked by 1 person

  2. Ich bin begeistert von dem Beitrag – vielen Dank -, aber:
    Der Mensch muss noch lernen, dass er im Verfügen über die Unabgeschlossenheit des Rausches, über das ewige Hin- und Her des Spieles schon längst zum Hund degradiert ist. Er kann schon längst nicht mehr zur eigenen radikalen Offenheit ja sagen, hat längst verpasst zu bestimmen, Mensch zu sein. Und das heißt, dass er selbst nie göttlich werden kann… wie schade, eigentlich!?

    Like

  3. Ich bin begeistert von dem Beitrag – vielen Dank -, aber:
    Der Mensch muss noch lernen, dass er im Verfügen über die Unabgeschlossenheit des Rausches, über das ewige Hin- und Her des Spieles schon längst zum Hund degradiert ist. Er kann schon längst nicht mehr zur eigenen radikalen Offenheit ja sagen, hat längst verpasst zu bestimmen, Mensch zu sein. Und das heißt, dass er selbst nie göttlich werden kann… wie schade, eigentlich!?

    Like

    1. Nein, die sich selbst bestimmende Setzung des eigenen Ichs ist irgendwie eine Chimäre. Stimme zu. Schade eigentlich! 😉

      Like

      1. Das schreit ja geradezu nach einem Diskurs zum selbstbestimmten Ich oder auch sog. freien Willen! Gibt’s den denn nun doch, nachdem Harari ihn für tot erklärt hat? 😅

        Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s