Das Gute, Wahre, Schöne – 2500 Jahre danach

I. Absterbende Ideale

Fragt man nach dem Guten, Wahren, Schönen, stellt sich oft ein seltsames Gefühl der Beschämung ein. Denn die Trias ‚Gut, Wahr, Schön‘ umgibt die Atmosphäre der Perfektion. Sie ist erhaben und flüchtig, verschwunden aus dem Bereich des Sagbaren im nächsten Moment. Seltenst blitzt die Trias zwischen den Zeilen auf oder wird in irgendeiner anderen Hinsicht erfahrbar. Eher zaghaft beginnt man dann zu fragen, wie wir das denn erkennen – das Gute, das Wahre, das Schöne. Außerdem kann man schnell und mit Recht daran zweifeln, ob es so etwas überhaupt gibt. Platon ist tot und im Moment ist es einfach nicht en vouge sich darüber Gedanken zu machen, ob man das Gute theoretisch herleiten kann, ob man der Schönheit auf der Straße begegnet oder, ob man über die Wahrheit stolpert. In Zeiten der Kontingenz und der political correctness ist es still geworden um das Gute, Wahre, Schöne – obwohl wir, historisch gesehen –  oft eine beinahe erotische Beziehung dieser idealen Dreifaltigkeit hatten. Wir sind zurückhaltend geworden. Wir wollen niemandem vor den Kopf stoßen mit unseren Idealen und schämen uns eigentlich auch selber ein bisschen dafür, dass wir an der romantischen Vorstellung festhalten, dass wir heimlich an das Gute, Wahre, Schöne glauben und dass wir dieser feindlichen, chaotischen Welt eigentlich gar nicht so kühl und unaufgeregt entgegentreten. Denn ehrlicherweise sind wir dafür, dass Mensen nur noch vegetarische Gerichte anbieten. Oder verlieben uns ganz unsterblich in ein neues Buch, eine neue Serie, eine Person. Und, wir verspüren ein warmes Gefühl der Dankbarkeit, wenn man der allzeit schlechtgelaunten Bibliothekarin doch ein Lächeln entlocken konnte. Das Gute, Wahre, Schöne ist etwas, was wir nicht aufgeben können. Also lohnt es sich einmal nachzusehen, was davon übrig geblieben ist.

II. Genese des Guten, Wahren, Schönen

Als Ideale – bzw. Ideen – geboren hat das Gute, Wahre, Schöne wohl Plato. Wenden wir uns also zuerst vertrauensvoll und wie so oft einem alten, weißen Mann zu. Die Fragen danach, woher das Gute, Wahre, Schöne kommt und wie wir es erkennen, hängen für Platon sehr eng zusammen. So lässt er Sokrates im Phaidon sagen:

Wenn das etwas ist, was wir immer im Munde führen, das Schöne und Gute und jegliches Wesen dieser Art, und wenn wir hierauf alles, was uns durch die Sinne kommt, beziehen als auf ein vorher Gehabtes, was wir als das Unsrige wieder auffinden, und wenn wir diese Dinge damit vergleichen, so muß notwendig, ebenso wie dieses ist, so auch unsere Seele sein, auch ehe wir noch geboren worden sind.“[1]

Unsere Seele kennt also das Schöne, Wahre, Gute. Wir sind im Besitz einer ewigen Kenntnis dessen, wie das Gute, Wahre, Schöne an sich ist. Finden wir etwas schön, ist etwas wahr, empfinden wir etwas als gut, dann erkennt unsere Seele die Idee des Guten, des Wahren und des Schönen wieder. Denn unsere Seele war schon im Reich der Ideen und hat sich dort all diese wundersamen Dinge angesehen, bevor sie in unseren Körper eingesperrt wurde und nur durch den Schein dessen, was wir Wirklichkeit nennen, manchmal Dinge entdeckt, die Anteil am Guten, Wahren oder Schönen haben. Schnell kann man einwenden: was, wenn Platon nicht recht hat? Was, wenn wir an einem Sonnenuntergang nicht die Idee des Schönen erkennen, sondern eher eine beliebige Vorstellung von Exotik, die uns der Reiseveranstalter im Fernsehen mit in Zeitlupe ins Meer laufenden Frauen und Männern, glücklich und braungebrannt Cocktails in den Händen haltenden Urlaubern, vor einem super natürlich retuschierten Sonnenuntergang sich hin und wieder verliebt in die Augen blickenden Paaren und ein paar ethnisch authentischen Anwohnern vermittelt hat?

Was, wenn wir die Idee des Guten nur unter unserer Glasglocke des Wohlstandes wiedererkennen, dabei aber stillschweigend und wohlwissend in Kauf nehmen, dass wir sie außerhalb eigentlich verhöhnen, frei nach dem Diktum „es muss Gewinner und Verlierer geben“?

Was, wenn es die Wahrheit nicht gibt und wir deswegen respektvoll im Kreis um sich einander minimal unterscheidende Meinungen tanzen, weil wir ja keine Verifikationsfaschisten sein wollen und auch niemandem vor den Kopf stoßen, und es generell ja vielleicht Dinge gibt, die wahrer sind als andere, aber man sich da jetzt auch nicht festlegen will – und überhaupt wer bin ich denn, um das zu beurteilen? Wir können uns mitnichten sicher sein. Selbst in Momenten, in denen wir denken, das Gute, Wahre, Schöne erlegt zu haben und triumphal eine Hand auf das weiße Fell des Mammuts gelegt zu haben, verstecken wir doch unsere Beute und gestehen uns mit Recht nicht ein, dass wir das goldene Vlies jetzt wirklich gefunden haben.

III. Der Phönix, der aus der Asche der vernagelten Verhältnisse aufsteigt

Wer sich diesem Zweifel vollkommen entzieht, ist wohl Nietzsche:

An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu “auch das Wahre”, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist häßlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen. [2]

Nietzsche will, dass wir die Ideen des Guten, Wahren, Schönen aufgeben und „unschuldig werden“. Damit ist nicht gemeint, dass das Gute, Wahre, Schöne nicht existiert. Wir sollen aber aufhören, Dinge gut, wahr und schön zu nennen. Denn das sind Wertungen. Und Wertungen schränken uns und unsere Erfahrung ein. Was wir stattdessen mit dem Guten, Wahren, Schönen tun sollten, ist, uns von ihnen vereinnahmen, verstören, überwältigen lassen, sie besitzen wollen, uns in ihnen verlieren, wiederfinden, sie Energien freisetzen und die Ordnung durchbrechen lassen; kurz: eine spielerische Haltung zum Guten, Wahren, Schönen einzunehmen, frei von Wert- und Moralvorstellungen, die sonst wie Gespenster um die drei Begriffe geistern.

Intuitiv kann man Nietzsches Ambition, frischen Wind in die vernagelten Verhältnisse zu bringen und die vertrocknete Kruste aus Sittenkorsett und Altherrenfantasie, die das Schöne, Wahre und Gute überzogen hat, aufzusprengen, um Platz für Exzess und Intensität zu schaffen, schon nachvollziehen. Die vollkommene Befreiung von allen Werten, ein exzessives Stadion, in dem wir Schönheit, Gutheit und Wahrheit roh erfahren, lässt uns aber auch verunsichert eine Augenbraue hochziehen. Ist es nicht grob fahrlässig, Kriterien für Wahrheit, Gutheit und Schönheit einfach aufzugeben – zugunsten eines übermenschlichen Wütens? Niemand kann zum Beispiel wollen, dass das, was moralisch gut ist, losgelöst ist von irgendwelchen Kriterien. Verfehlt Nietzsche nicht außerdem einen entscheidenden Teil der menschlichen Natur? Wir wollen und können uns ja nicht von Kategorien lösen. Wir wollen wissen, warum und inwiefern etwas schön, wahr und gut ist. Damit kaufen wir uns zwar auch eine Wertung ein, verlieren uns aber nicht in einem relativistischen Feuertanz.

VI. Die unerträgliche Leichtigkeit des Guten, Wahren, Schönen

Also, die Suche aufgeben? Natürlich nicht. Um sich zurechtzufinden in 2500 Jahren Philosophie, hilft es vielleicht, sich auf seine Erfahrung zu berufen. Wir alle waren mal überwältigt, weil wir etwas gesehen haben, was wunderschön war. Bestimmt sind wir alle einmal zu unseren Eltern, Geschwistern, Partnern oder Freunden geschlichen, im Demutsgewand, und haben uns für etwas entschuldigt, weil wir wussten: es ist jetzt das Richtige – das Gute – sich zu entschuldigen. Vielleicht haben wir einmal einen Text gelesen und gefühlt, dass da jemand etwas Wahres geschrieben hat. Kontamination durch Ideologie hin oder her, grundsätzlich müssen wir uns zugestehen, dass wir prinzipiell das Talent dazu haben, Dinge gut, wahr und schön zu finden. 2000, 150 Jahre nachdem das Kommunistische Manifest erschien, schreibt Richard Rorty in einem Aufsatz:

„Sie [unsere Kinder] sollten sehen, daß ihrem Leben ein Sinn zuwächst, wenn sie sich um die Verwirklichung jenes moralischen Potentials bemühen, das unserer Fähigkeit zum Austausch mit anderen, zur Verständigung über unsere Bedürfnisse und unsere Hoffnungen innewohnt.“[3]

Anders gesagt, die Tatsache, dass wir uns austauschen und auf etwas hoffen können, macht uns zu Wesen, die prinzipiell sehr talentiert sind, moralisch zu sein. Und in der Verwirklichung dieses Talents macht unser Leben mehr Sinn. Diese Ansicht können wir auch auf das Gute, Wahre, Schöne anwenden. Über 2500 Jahre sind uns diese Begriffe nicht abhanden gekommen und wir haben immer noch das Talent, Dinge gut, wahr und schön zu nennen. Wir sollten uns die Verwirklichung dieses Talents wieder zugestehen. Die Jagd geht weiter.

 

Endnoten

[1]  Nach der Übersetzung von Friedrich D.E. Schleiermacher. In: Platons Werke. Zweiten Teiles dritter Band, Dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.

[2] Nietzsche, Friedrich (1999): Nachgelassene Fragmente. 1887-1889. In: Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, Bd. 13. Hg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München: Deutscher Taschenbuch Verl.;

[3] Rorty, Richard (2000): Das Kommunistische Manifest 150 Jahre danach. Gescheiterte Prophezeiungen, glorreiche Hoffnungen. Sonderdr., Erstausg., [Nachdr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp Sonderdruck); S.15.

 

 

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