Eine Apologie des Scheiterns: Garcia auf der Pirsch

Die Reflexion der Jagd auf die großen Ideale verliert sich oft in schöngeistigem Wolkenschieben. Dabei verlangt sie nach einer weiteren Untersuchung: die der Jagd an sich. Und diese ist, vor allem, Tätigkeit – Tätigkeit mit Ergebnis. Denn wenn wir uns einen beachtlichen Teil unseres Lebens darin betätigen, dem nachzustellen, was wir für gut, wahr, schön halten, dann nicht völlig grundlos. In unseren Wünschen und Begierden hoffen wir auf Erfolg. Wir wollen selbst gut, wahr, schön sein. Wir wollen beim Sterbebettrückblick von uns behaupten können, unserem kläglich kurzen Leben auf irgendeine Weise Wert verliehen zu haben, selbst erlegte Trophäen nach Hause tragen und das Elchgeweih stolz über unser IKEA-Bett nageln. Was aber, wenn wir diesen Elch nicht erlegen? Was, wenn wir (kräftig)  danebenschießen? Wie wertlos war unser Leben dann?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich nicht nur existenziell Verunsicherte, sondern auch Denker mit größerer Spannweite – etwa junge französische Philosoph Tristan Garcia. 2016 veröffentlichte der seitdem wohl bejubeltste Kandidat einer neuen Generation französischer écrivains-philosophes mit „Das intensive Leben- eine moderne Obsession“ einen Essay, in dem er das Lebensprinzip der Moderne als eines beschreibt, das Lebenswert in Intensitäten misst. Spannend ist dabei vor allem, inwiefern wir fortwährenden Trophäen-Zwängen mit diesem Konzept entgehen können. Doch wenden wir uns zunächst einer waidgerechten Begriffsanalyse zu:

I. Brauchtum des Misserfolgs

Wird ein mindestmäßig analytisch Denkender gebeten, die Struktur des Scheiterns einer völlig beliebigen Handlung aufzuzeichnen, entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit ein simples Konstrukt aus Pfeilen und Kreisen, beschreibbar wie folgt:  Subjekt A führt Handlung B aus, mit der Intention, Ziel C zu erreichen (und wenn C nur Verwirklichung der gesetzten Intention ist). Folgt man der Logik dieses kleinen Modells, kann dieser Vorgang grundsätzlich auf zwei verschiedene Weisen scheitern: Entweder A versucht B auszuführen, schafft es aber aus einem bestimmten Grund nicht (A versucht, die Phänomenologie zu lesen, ist aber Analphabet), also als Handlungsversuch. Oder aber C wird nicht erreicht, weil A B entweder falsch ausführt (A überblättert leichtsinnig jede zweite Seite) oder B schlicht keine Handlung ist, aus der C folgt (A liest stattdessen die Hegel-Arbeit seiner Freundin) – was man gemeinhin als Fehlversuch bezeichnet. Soweit so schick. Und trivial. All das ergibt jedoch ein klares Bild: In jedem Falle scheitert eine Handlung an der Nichtverwirklichung ihrer Intention: Schuss ist gescheitert, wenn Elch nicht erlegt.

Die viel spannendere Dimension des Begriffs „Scheitern“ – wie bereits pathetisch angerissen – geht jedoch über grafisch Darstellbares hinaus, liegt in seiner starken Bedeutung. Denn im eigentlichen Sinne beschreiben wir in der Regel nicht die Handlung eines Menschen als gescheitert, sondern den Handelnden selbst. Wenn ich an meinem Ideal scheitere, einem für mich wertvollen Ziel, ist das nicht nur formaler, zielrelativer Misserfolg, sondern die Entwertung meiner gelebten Entscheidung, meines Tuns, meines Strebens – für die ich zwangsweise selbst Schuld trage. Persönliches Scheitern ist also auch Gefühl. Vielleicht sogar hauptsächlich. Das Gefühl einer Wertung, die sich dadurch auszeichnet, ihrem Subjekt auf existenzielle Weise unangenehm zu sein.

Als in diesem Sinne therapeutisch könnte man die Entwicklung sehen, dass in den letzten Jahrzehnten so viel versöhnlicher Diskurs zum Thema Scheitern produziert wird, wie nie zuvor: Es erscheinen fortwährend Bücher über dessen Schönheit, glückskeksspruchförmig wird das Lob des Scheiterns auf Postkarte, Wahlplakat, Kaffeetasse gedruckt. Veranstaltungen im Stil der inzwischen regelmäßig um die Welt tourenden FailCon, die zukünftigen StartUp-Eltern durch das Vorsetzen fremder Misserfolge die Angst vor dem In-den-Sand-setzen nehmen soll, sprießen für alle erdenklichen Lebensbereiche aus dem Boden. En plus! Scheitern scheint nicht nur zunehmend akzeptiert zu sein: In den Erfolgsgärten des Silicon Valley mutiert ein aus dem Kontext gerissenes Beckett-Zitat zum Mantra – und ist dabei keine sanfte Erleichterung von den Bürden der Menschlichkeit, sondern echter Imperativ: „[…] Try again[!] Fail again[!] Fail better [!]“.  Scheitern ist nicht peinlicher Fehltritt auf der Leiter, sondern Leiter zum Erfolg.

[…] – ist die Hoffnung also berechtigt, dass wir uns trotz unserer notwendigen Enttäuschung wenigstens von der Hässlichkeit unseres Scheiterns befreien? Zu schön, um nicht absurd zu sein. Denn wagen wir einen genaueren Blick, erkennen wir die lebensweltliche Assoziation, die derartige Zusprüche voraussetzen: ein Scheitern, das in möglichst hohem Maße tragisch ist, ja, heroisch. Das Subjekt hat alles Mögliche getan, hat stark gewollt und nicht geschafft. Die Performancekünstlerin hat ihre Kunst mit Leib und Seele vertreten, trotzdem wurde ihre Ausstellung vom Feuilleton zerrissen. In einem TED-Talk will Lebensschulleiter Alain de Botton, Bestsellerautor und Philosoph hinter einer Reihe lebensbejahender Youtube–Portraits, zur Erleichterung der Schamvollen gerade am Beispiel der europäischen Tragödie zeigen, dass Scheitern nichts Lächerliches hat:  Diese baut, so de Botton, ja streng genommen auf nichts anderem als der Beschreibung gescheiterter Existenzen auf. Und: Hamlet sei vielleicht im formalen Sinne gescheitert, aber: „Hamlet is not a loser!“.

Nein, Hamlet ist kein Loser, das sagt uns unsere Intuition. Auch nicht unsere Performancekünstlerin oder der Nachbar von gegenüber, der seiner Liebe nach Argentinien gefolgt ist, nur, um dort von ihr abgewiesen zu werden. Nicht wirklich. Irgendwie würden wir auch gerne von uns behaupten können, so energetisch versagt zu haben. Würden gerne tragische Tränen weinen und aus der Differenz an kinetischer Energie zwischen Welt und Selbst in echtem Trotz badend zwei Flaschen Rotwein auf das abgelehnte Manuskript trinken. Denn: das persönliche Scheitern, den Wert unseres Lebens, messen wir längst nicht mehr am Erreichen inhaltlicher Ziele. Was wir an uns aufrichtig hässlich finden, wurde nicht kuriert, sondern verschoben.

II. Das heldenhafte Gefühl der Hatz

Diese Verschiebung lässt sich nach Tristan Garcia auf eine Verschiebung vom inhaltlichen zum formalen Lebensprinzip zurückführen. In „Das intensive Leben – eine moderne Obsession“ formuliert der Philosoph aus Lyon die (historische) Beleuchtung eines neuen Maßstabs für wertvolles Leben: Intensität.

Die grundlegende Idee ist nicht schwer zu umreißen und wirkt auf den von Rastlosigkeit und Veränderungswunsch getriebenen Leser ertappend: Seitdem der moderne Mensch seinen Glauben an Jenseits und transzendentes Besseres, Größeres, im Zuge des Rationalismus aufgeben (zumindest als kontingent anerkennen) musste, so Garcia, bleibt ihm nicht viel, als das irdische Leben zu optimieren und den Wert seines Lebens am eigenen, subjektiven Existenzgefühl zu messen:  der Intensität seiner Erfahrung. Wenn nichts Übermenschliches, Absolutes, Orientierung bietet, gilt es das Menschliche, das Lebendige zu erhöhen – wenn es nichts Anderes mehr gibt, zu dem es aufzuschauen, zu dem es zu werden gilt, bedeutet Aufwerten: mehr von dem zu werden, was man bereits ist.

Intensität ist dieses „mehr desselben“ auf eine ganz bestimmte, aber schwer greifbare Weise. Intensität ist keine einfache Qualitätsaddition (etwa so, wie eine Farbe nicht intensiver wird, wenn man ihr eine andere hinzufügt), genauso wenig ist sie schlichte Quantität (denn genauso wenig wird sie es, wenn man einfach mehr desselben Farbtons auf die Palette schmiert). Intensität ist das Maß des Unmessbaren; man kann sie in keiner Einheit angeben. Der Schmerz von heute lässt sich nicht mit dem Schmerz von vor zwei Tagen vergleichen, es gibt für ihn keine universelle Skala. Und doch schreibt Intensität Erlebnissen einen Wert zu – höher, je höher der Ausschlag des Lebendigkeitsgefühls – in welche Richtung auch immer.

Besonders anschaulich zeigt sich diese Haltung wohl in der modernen Rezeptionsästhetik: Von Duchamp bis Abramović, von Raether bis Nitsch – Kunst hat für uns ihren Wert darin, dass sie uns als Betrachter berührt, wachrüttelt, nachdenklich stimmt – schockiert oder begeistert. Selbst rinascimentale Malerei wirkt trotz klarer Schemata nicht erst dann, wenn wir sie im Angesicht ihrer historischen Maßstäbe für gelungen halten, sondern wenn sie in uns etwas auslöst, etwa atemberaubende Bewunderung für archaischen Feinsinn oder seltsame Nostalgie. Auch das klassische Schönheitsideal als konkrete Form wurde in diesem Sinne abgelöst von dem, was wir an betrachteten Mitmenschen vielleicht als „Authentizität“ loben würden: Wir finden nicht mehr bloß den schön, wollen der sein, der symmetrisch ist, sondern vor allem die, die sich nicht für sich schämt, sich mit besonderer Kraft selbst zu vertreten scheint. Sich ohne Entschuldigung besonders eigenwillig verwirklicht. Egal, ob konsequenter Veganer, motivierte Leistungssportlerin, überzeugter Feminist, engagierte Aktivistin. Anders gesagt: Nicht wer einem anderen, Idealen zu gleichen erreicht hat, sondern eben besonders intensiv lebt, was er schon ist.

Garcia sieht diese Intensitätsmaxime als eine moderne Reaktion der rationalistischen Quantifizierung der Welt mit der allgemeinen Begeisterung für elektischen Strom. Einerseits fühlte man die Sehnsucht nach Erregung, die durch die Entdeckung der Elektrizität in den Menschen auflebte und weiterbestand, selbst als diese nicht mehr wie und als magischer Jahrmarkttrick begeistern konnte – und auch ihren metaphysischen Status als neues Pneuma – alles bewegendes, Mensch, Technologie und Natur verbindendes Prinzip – verlor. Andererseits die Veräußerlichung des Mehr-Desselben-Prinzips: Während die aristotelische dynamis die Intensität der Dinge noch in ihrer Substanz verortet, verliert die dingliche Welt spätestens mit Newton und Descartes ihre inhärente Wertigkeit: Qualitätsunterschiede, die Bewegung und Veränderung, in der wir die Welt wahrnehmen, werden ihnen von außen verliehen – durch die Kraft: ein abstraktes Prinzip, das nichts als Veränderung, Bewegung und Intensität an sich ist. Die Körper, das Seiende, sind demnach nur noch ausgedehnt und immer gleich – diese rein extensive Welt ist per definitionem leblos und hat damit für den Wahrnehmenden ohne Zusatz keinen qualitativen Wert. Die abstrakt gewordene Idee der Qualitätszuschreibung von außen verbindet sich nun mit dem erregenden Bild des großen Blitzschlags zunächst zu einem neuen Ideal, dann zur Norm. Man will durch eine Intensivierung der Welt mehr der elektrischen Erregung spüren, die das irdische Leben erst erlebbar macht.

Intensitätswahrnehmungen müssen also höchstgradig subjektiv sein: Ob ich von Shostakovichs zweitem Walzer, den Farben der Clubtoilette oder meiner Trauer um den Tod eines Z-Promis besonders aufmerksam mitgerissen werde oder nicht, lässt sich von außen nicht einsehen. Sie entstehen in mir. Auch sind sie nicht maßgeblich vom Inhalt der Erfahrung abhängig: derselbe Inhalt kann zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich intensiv erlebt werden, rational betrachtet ungleichwertige Dinge können mit derselben Intensität wahrgenommen werden. Die Jagd nach Intensität ist dabei keine Form von Hedonismus oder die Verneinung positiver Inhalte – der Streit darüber, was genau denn intensiv gelebt werden soll, ist quicklebendig und laut. Doch sie ist unüberwindbarer, rein formaler Horizont inhaltlicher Werte, dem sich alle Lager untergeben, der unserem Streben nach diesen Inhalten seinen Wert zuschreibt. Denn die gegensätzlichsten Personen versprechen sich von ihren Lebensentwürfen genau dasselbe: der Zigarrenraucher vom neuen Cabrio, der Konsumgegner vom Meditations-Retreat.

III. Jagdunfälle und Missgeschick

Wenn wir – laut Garcia – persönlichen Erfolg nicht am Inhalt messen, den wir verfolgen, sondern an der Intensität unserer Bemühungen, ist absolutes Scheitern das Mindestmaß an Intensität. Wenn es vielmehr darum geht, eine weitestgehend beliebige Definition des „gut, wahr, schön“ besonders gründlich, mit Herzblut und Ambition, umgesetzt zu haben, besteht das persönliche Scheitern nicht darin, das Falsche zu tun – oder das Richtige.  Der echte Fehlschuss ist weder Handlungs- noch Fehlversuch, sondern liegt im Versuch selbst: Er ist der schwache Versuch. Mit heroischem Scheitern scheitern wir weniger als mit mittelmäßigem Erfolg. Selbst intensiv gelebte Mittelmäßigkeit, ja ein intensives Streben nach Ausgeglichenheit, ein mit Herzblut gelebtes häusliches Leben […] verschaffen im Rückblick Zufriedenheit. Scheitern heißt also, auf zweierlei Weise mittelmäßig zu sein. Nicht nur Mittelmäßiges zu tun, sondern dieses Mittelmäßige dann auch nur mit mittelmäßiger Energie zu verfolgen: doppelt Mittelmaß zu sein.

Es scheint sich vor dem Hintergrund des mittelmäßigen Scheiterns also selbst die Frage des Mittelmaßes zu stellen: Ab wann ist lose Suche eigentlich Jagd? Und ab wann darf mir mein Scheitern vergeben werden? Legitimiert die Intensitätsethik einen Relativismus, vor dem die fruchtvolle Diskussion über Ideale an einer Sprachbarriere verstummen muss, weil plötzlich Eindrücke jeder Qualität miteinander vergleichbar werden? Der Adrenalinspritze und Jagd zu gleichwertigen Optionen macht? So betrachtet ist diese Aversion gegen Stillstand jedoch auch hochproblematisch. Die Intensitätsmaxime anzunehmen, hieße, dass blinder Aktionismus ganz per se wünschenswert ist. Und es würde all jene vorverurteilen, die sich mit Moderation und Distanz zurückhalten, die lieber zuschauen als mitspielen. Mit einer solchen Selbstherrlichkeit möchte doch selbst der nicht auf Heldentum pochen, der vor jeder Beizjagd seinen Falken mit Wagner aufputscht. Zu nahe liegen Analogien katastrophaler Jagdunglücke, zu verheerend sind die Erinnerungen an jene ideengeschichtlichen Blindgänger, die im tatsächlichen Jargon von Hetzjagden letztendlich Bibliotheken entflammten. Das geht am Guten, Wahren, Schönen vorbei. Und über all das täuscht Intensität nicht hinweg.

Schlussendlich müssen wir uns also auch mittelmäßiges Scheitern schamlos anerkennen und verzeihen. Es ist das einzige Gegengewicht zur Sucht nach exponentiell steigender Beschleunigung und Variation. Auch Garcia schließt seinen Essay mit fast bürgerlicher, aber kluger Zurückhaltung: Es gilt weder an einer zwanghaft zunehmend beschleunigenden Intensitätssuche zu zerbrechen, noch das lebendige Leben aufzugeben. Das Leben umfasst, um gesund zu sein, Streben wie Scheitern. Für das Bild der Jagd heißt das: der Fehlschuss ist entschuldbar. Aber selbst der mittelmäßig auf der Hälfte zugunsten des Kräuterschnapses in der Jagdhütte aufgegebene Jagdversuch ist kein Grund, auf das Gefühl, gekniffen zu haben, Vergessen im Vollrausch folgen zu lassen. Denn wer den Elch nicht erlegt, warum auch immer, hat keinen Grund sich zu schämen.

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