Captain Scott und das Traumland des britischen Selbstmitleids

Eine Rezension zu Fintan O’Toole, Heroic Failure: Brexit and the Politics of Pain.

„He said, ‘I am just going outside and may be some time.’ He walked out into the blizzard and we have not seen him since. […] We knew that poor Oates was walking to his death, but though we tried to dissuade him, we knew it was the act of a brave man and an English gentleman.”[1] So beschrieb der Polarforscher Captain Robert Falcon Scott 1912 den Freitod seines Gefährten Lawrence Oates, der nach Wochen quälerischen Fußmarsches durch den heraufziehenden antarktischen Winter völlig entkräftet beschloss, seinen Kameraden nicht länger eine Last sein zu wollen.

Die Rezeption dieser und anderer historischer Episoden ebenso wie populärer Romane und Filme dienen dem irischen Autor Fintan O’Toole als Ausgangspunkt, um den Ursachen des Brexits nachzuspüren. Heroic Failure: Brexit and the Politics of Pain, 2018 erschienen bei Head of Zeus in London, ist keine trockene Analyse der demographischen oder sozioökonomischen Bedingungen, die eine Mehrheit der Briten für das Votum mobilisierten, die EU zu verlassen, sondern widmet sich der Suche nach der in erster Linie englischen Mentalität, die diese Idee hervorgebracht hat. „It is a short journey into […] a ‚structure of feeling’: the strange sense of imaginary oppression that underlies Brexit.”[2]

In Lawrence Oates und seiner Charakterisierung durch Scott zeigt sich dabei die heroische Niederlage als traditionelles Denkmuster des englischen Selbstverständnisses, das sich durch ein stoisches Ertragen im Angesicht der Niederlage definiert habe. Die Zelebration von Leid und Niederlage habe demnach als ideologischer Kontrapunkt zur imperialen Macht gedient. „The British needed to fill a yawning gap between their self-image of exemplars of liberty and civility and the violence and domination that were the realities of Empire.”[3] Die explizite Abwesenheit von Selbstmitleid in der Niederlage wurde zum Ausdruck britischer Superiorität, die jedoch mit dem Ende des Empires zunehmend sinnentleert worden sei. Das Heroische der Niederlage – die ultimative Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die eine Legitimation zur Herrschaft über andere implizierte – sei im Brexit ins Lächerliche verkehrt worden, indem sich die Brexiteers dem Selbstmitleid hingegeben hätten.

Man könnte das Buch auf den ersten Blick als eine Abrechnung mit der britischen Gesellschaft sehen – umso mehr, da deren imperiale Egoismen Irland wieder einmal (mit) in den Abgrund zu reißen drohen. Selbst für ein geordnetes Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union veranschlagen Ökonomen die wirtschaftlichen Konsequenzen in einer Größenordnung ähnlich der katastrophalen Krise von 2008 und überdies ist der Brexit in Nordirland ob des noch immer gewaltschwangeren Konflikts von Nationalisten und Unionisten eine Frage von Leben und Tod – malis avibus von Krieg und Frieden.[4]

Doch es sind nicht Hass oder Schadenfreude, die Fintan O’Toole antreiben, sondern ein ehrliches Verstehen-wollen. Obwohl er zu keiner Zeit Zweifel aufkommen lässt, dass er den Brexit für eine irrationale, falsche, gar suizidale Entscheidung hält, behält er die Konstruktivität einer sorgenvollen Analyse, für die seine Arbeit 2017 mit dem Europäischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Diese Arbeit des studierten Philosophen ist jene eines Historikers, Literaturkritikers und politischen Kommentators und findet ihren Weg an die Öffentlichkeit insbesondere durch The Irish Times – „one of the world’s most civilized newspapers“ wie der Autor und sein Rezensent übereinstimmend zu meinen sich erlauben.[5] Außerdem zählt The Observer O‘Toole zu den 300 wichtigsten britischen Intellektuellen unserer Tage.

Seine Analyse erschöpft sich daher auch nicht in der öffentlich so häufig bemühten wie mit besserwisserischer Arroganz daherkommenden Erkenntnis, dass die Briten das Ende ihres Empires nicht wahrhaben wollten. Vielmehr gelingt ihm zu zeigen, wie der Topos des Heroic Failure inmitten einer historischen Identitätskrise zum Fluchtpunkt eines aus dem Selbstmitleid heraus imaginierten Traumlandes wurde. Dies führt er auf etwas mehr als 200 Seiten in sieben Kapiteln aus, die einer sehr persönlichen Einleitung über die anglo-irischen Beziehungen folgen. Ausgehend von der Sehnsucht der Brexiteers nach einer Art reaktionären Revolution zeichnet er die Genese dieser Sehnsucht nach, bevor er im zweiten Teil die politische Sprache der Leave.EU-Kampagne eruiert und beleuchtet, wie diese in verschiedenen Gruppen der britischen Gesellschaft wirksam werden konnte. So entsteht Schritt für Schritt das Bild eines neuen, in sich widersprüchlichen englischen Nationalismus, dem die EU als Projektionsfläche für ungelöste Identitätsfragen dient.

Dies sei exemplarisch nachgezeichnet an zwei Elementen, die in diesem Prozess eine Schlüsselrolle spielten: Das Trauma des „verlorenen Sieges“ von 1945 und die Konstruktion eines Bildes von der EU als feindliche Macht, die Profit aus den inneren Problemen der britischen Gesellschaft ziehe. Tatsächlich hatte das Vereinigte Königreich trotz seines unter großen Anstrengungen erkämpften Sieges im Zweiten Weltkrieg viel verloren. Der Staat war bankrott, das Empire passé, die Wirtschaft stagnierte und während die Suezkrise von 1956 der einstigen Weltmacht ihre Machtlosigkeit vorführte, erlebten die ehemaligen Achsenmächte ihre „Wirtschaftswunder“ ebenso wie die teils von Briten befreiten Beneluxländer und Frankreich.

Der Beitritt Großbritanniens zum Gemeinsamen Binnenmarkt erfolgte 1973 in einer Zeit multipler innenpolitischer Krisen und die EU-Mitgliedschaft sei seither immer wieder von Denkmustern begleitet gewesen, die postulierten, das Vereinigte Königreich opfere sich für die materiellen Interessen einer in dichotomem Gegensatz zum Volkswillen stehenden Elite einer feindlichen Macht. O’Toole findet für die spezifische Ausprägung des dieser Tage scheinbar allgegenwärtigen Antielitismus einen originellen Zugang: Es gelingt ihm, erstaunliche Parallelen herauszuarbeiten zwischen den Motiven populärer dystopischer Romane über ein von NS-Deutschland besetztes Großbritannien – etwa Len Deightons NS-GB und Robert Harris Fatherland – und den Deutungsmustern von EU-Skeptikern und Brexiteers. In ihrer finalen Ausprägung wird die EU ein noch schlimmerer Feind als Hitlerdeutschland, weil sie als Vehikel einer stealth invasion durch deutsche Konzerne gedeutet wird, der Großbritannien – im Gegensatz zur militärischen Invasion während des Zweiten Weltkriegs – wegen ihrer Unsichtbarkeit hilflos ausgeliefert sei. Dass unter anderem Nicolas Ridley in seiner Zeit als Secretary of State for Trade and Industry unter Margret Thatcher ein Verfechter dieser These war, lässt erahnen, welche Wirkmacht derartige Denkmuster entfalten konnten.

Im Angesicht einer solchen Bedrohung werden alle Prognosen über die Nachteile eines Brexits zur Makulatur. „When you listen to the ardent Leavers, what they say about a no-deal Brexit is not that they are really convinced it is a good thing but that the English will endure the suffering and get through it because that is what they have always done.“[6] Der große Verdienst von Fintan O’Toole ist, dass es ihm gelingt, abseits von politischen Schuldzuschreibungen und eindimensionalen Erklärungen ein enorm detailreiches Panorama von Faktoren abzubilden, die durch ihre Wechselwirkungen diese Situation herbeigeführt haben. Die Art und Weise, wie er eine große Zahl von politischen Statements, Presseberichten und literarischen Quellen miteinander verwoben hat, macht Heroic Failure zu einer ebenso kurzweiligen wie bereichernden Lektüre – etwa die Analogie zwischen den Brexiteers und Fifty Shades of Grey-Charakter Anastasia Steele.

Was bleibt ist, dass der Gang ins Unbekannte des Schneesturms vielen Briten letztlich als rationalere Variante erscheint, weil er im Traumland des Selbstmitleides den Eindruck erweckt, durch die selbstbestimmte Wahl der Handlungsmöglichkeit – wie schlecht deren Perspektive auch sein mag – wenigstens sich selbst behauptet zu haben.

 

Bild: R. F. Scott, 1912, Returning from the South Pole“, Wikipedia Commons 


[1] Diaries of Robert Falcon Scott Vol. III, ff. 32r & 33r. Hrsg. v. British Library, http://www.bl.uk/turning-the-pages/.

[2] Fintan O’Toole: Heroic Failure: Brexit and the Politics of Pain (London: Head of Zeus, 2018), S. XVII.

[3] O’Toole, op. cit., S. 72.

[4] Vgl. Sean Whelan, „ESRI warns disorderly Brexit could cost 80,000 Irish jobs,” RTÉ News 26/03/2019, https://www.rte.ie/news/ireland/2019/0326/1038584-esri-brexit/. Justin McCarthy, „Hard broder risks return of violence in North, says former PSNI chief,“ RTÉ News 27/01/2019, https://www.rte.ie/news/brexit/2019/0127/1025834-hard-border-northern-ireland/.

[5] O’Toole, op. cit., S. XVII.

[6] O’Toole, „Today Britain discovers it cannot escape history,“ The Irish Times 15/01/2019, https://www.irishtimes.com/opinion/fintan-o-toole-today-britain-discovers-it-cannot-escape-history-1.3757673.

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