Ein Bahnhof ist ein schönes Ende

Ich muss nichts mehr versuchen. Meine Reflexionen klammern sich an die Fenster der fortfahrenden Züge, deren Beugungen sie hin und her peitschen und schließlich in hohem Bogen davonschleudern, quer durch die Tiefenebenen der Gleise in mein Bewusstsein. Wenn ich hinsehe, zerreißen sie in meinem Blick. Meine Schatten lungern zwischen den gelblich schimmernden Käfigleuchten und fließen über die Bahnsteige zwischen die Schienen, wo sie sich auf die Schwellen ziehen und ihre Fingernägel im morschen Holz versenken, während die Fahrwerke über sie hinwegdonnern mit ihren aufgerissenen Scheinwerfern. Die Stadt, die es schon lange nicht mehr gibt, steht hinter der letzten Überdachung auf ihren Zehenspitzen, bäumt sich auf, um sich herrisch über den Bahnhof zu werfen. Wir sind allerdings nicht hier, um zu bleiben, schon längst entrückt in einen Zwischenraum von geronnenen Möglichkeiten, die zögernden Hände im Morast fester als jedes Fundament.

Ich muss mich nicht mehr in Geduld üben. Andeutungen meines Ichs hängen zwischen den Taubennägeln und schlagen ihre Hände durch das Glas der Fahrplanvitrinen, in das gezeichnete Blech der Automaten, balancieren auf den Treppengeländern und reißen die Stahlbänke aus ihren Verankerungen, um sie gegen die Fenster der vorbeirasenden Züge zu schleudern, die niemals anhalten, um zu verfolgen, wie die starr verschraubten Stangen an ihnen abprallen und mir um die Ohren fliegen. Ich atme meinen eigenen Atem, der aufsteigt und sich von den Überdachungen stürzt. Alles sickert zwischen die Steine. Der Sicherheitsstreifen schwillt an und kriecht auf meine Füße zu, bis er sich in Ungewissheit verloren hat, und die Züge sind noch lauter, noch größer geworden, wie sie mich schon fast vom Bahnsteig zerren in den gekrümmten Raum, dessen Tunnel sie zerreißen. Trotzdem streckt sich meine Hand nach dem vorbeischneidenden Metall aus und ich verschließe mich vor den leeren Schreien aus den Lautsprechern, die in alle Richtungen aus den Pfeilern ragen und mich ebenso wie die Anzeigetafeln um mich herum warnen sollen vor dem unweigerlichen Entgleisen und vor den Felsen, an denen die Züge zerschellen, vor den kalten Höhen, in denen sie zerplatzen. Die Geschichten reizen mich, und meine Finger kommen ihrem leeren Glanz so nah, dass mein Spiegelbild aufschreit und sich vor Schreck verliert, ohne dass je etwas anhalten würde, wenn ich selbst die Hand zurückziehe und das geschmolzene Eisen an meinen Fingerkuppen gelbrot im Licht der Käfigleuchten schillert.

Ich muss nichts mehr erreichen. Die Züge reißen den bröckelnden Bahnsteig in Stückchen mit sich fort, die Dächer schwanken und knarzen im Fahrtwind und mein Schatten erstickt die flackernden Leuchten, sobald sie zerspringen. Die Schienen wellen sich unmerklich, verlieren ihren Glanz und werden unbefahrbar.

Ich kenne die Zukunft, weil ich mich nicht bewege, sondern hier stehe und den Zerfall beobachte. Dieses gemütliche Bröckeln, Brechen und Erlöschen, das mich ebenso in modriger Dunkelheit zurücklässt wie die Einzelteile zerschlagener und überwucherter Stahlwannen. Nichts drückt mir das Innerste durch den Rücken, und nichts reißt an mir, weil es sich gar nicht schnell genug verlangsamen könnte, um die Linien meines ungerichteten Blicks ineinander zu drängen und mir den Kopf zu verdrehen.

Ich stehe und zittere kaum merklich von den Vorahnungen, die sich durch meine Sicht schlängeln wie Kugelblitze, ohne wirklich zu berühren und ohne zu leuchten. Das Licht zerfällt in der Gewissheit, mit der alles in sich zusammenschrumpft, inmitten davon mein Falten werfender Körper. Nur der Fahrtwind streicht über meine geschlossenen Lider und ich merke, wie etwas groß bleibt in der Nachtluft, die das alles regungslos umstreicht, wie es von außen herabschaut auf diesen zusammengekauerten Zustand, aus dem in vergeblichem Glühen die Funken stieben. Es bleibt und verlässt mich unberührt, sieht verständnisvoll zu, wie ich es verliere. Es lauscht mit mir den Worten in den Anzeigetafeln, wie sie ihre Bedeutung verlieren und klanglos aus ihrem Plastikrahmen tröpfeln. Es sieht, wie sich in den Pfützen der tiefschwarze Himmel spiegelt, der Löcher in die Bahnsteige reißt, bis sie endlich zerfallen und ich mich auf den auseinandergebogenen Gleisen wiederfinde, über die nichts mehr fährt. Mein blanker Schädel ruht auf den Schienen und dröhnt im Nachhall der unbegreiflich fern zerberstenden Stahlräder. Etwas verharrt unbewegt auf meinem Bewusstsein und sieht zu, wie sich meine Augenhöhlen verschließen. Etwas, das nicht zerschellen oder zerreißen kann, sich lediglich sanft aus der zusammengeschmolzenen Schwärze löst und davontreibt in vorsichtigem Staunen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich weiß, meine Hoffnung gehört nicht mir. Aber ich hoffe, sie bleibt und schwebt über der Ferne, wenn ich wieder darin aufgegangen bin.

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