Das Gute, Wahre, Schöne – Leben, Welt und Schein

Die Augen öffnen sich widerwillig und mit einem betäubenden Gefühl der Lebensverneinung, als der Wecker ertönt und man mit der Realität wieder auf Tuchfühlung ist. Langsam wird das Bewusstsein über die Tatsachen geweckt und als nächstes auch über die Verpflichtungen und Verantwortungen, die von einem Selbst an den Tag gebracht werden sollen. Ob man nun ein oder fünf Mal auf die Schlummer-Taste drückt, ändert leider nichts an der Tatsache, früher oder später zum Verlassen seiner Komfortzone des eigenen vertrauten Bettes gezwungen zu sein. Aufrichten, Aufstehen, Losgehen. Der Anblick seiner morgendlichen Visage à la „I woke up like this“ im Licht des Badezimmerspiegels verleitet dabei zu adäquaten Gedanken und Selbstbildern, welche als perfektes Gegenbeispiel für so ziemlich jede Werbung aus der Kosmetikbranche dienen. Die Illusion eines munter motivierten Menschen aus einer Werbekampagne, welche einen noch den Abend zuvor in den Schlaf gekleckert hat, wird nur einige Stunden später wieder zerschlagen, bis der Tag einen alles erneut schönredet und die Fassade seines Daseins schlussendlich verputzt und gestrichen ist. 

 Eigentlich ist das Leben nicht „schön“. Schreiend sind wir auf die Welt gekommen; nackt wurden wir aus dem warmen Mutterleib auf die Welt gepresst; unter höllischen Schmerzen unserer Lebensgeberin und hinein in die im Gegensatz kalte, kahle Welt, welche fortan durch unsere Wenigkeit doch so bereichert werden soll. Wer oder was hat uns überhaupt diesen zwanghaften „dolce Vita“ – Gedanken auferlegt?  Eigentlich verraten wir das, was unsere Welt erst zu ihrer Wahrhaftigkeit beiträgt. All das Unangenehme, Hässliche, Groteske und Unabdingbare. Unser Antrieb und Drang zum Fortschritt haben das „ursprünglich Wahre“ der Welt schon längst mithilfe unseres Verstümmelungsaktes an ihr überdauert. Wir speisen genüsslich von unseren selbst erschaffenen Idealen, welche Leinwand unserer Illusionen sind und wieso könnte man es uns auch verübeln, wenn die „neue Wahrheit“ als eine noch viel bessere erscheint, als die vorherige?  Eigentlich erfinden wir nur das „gute“. Ob etwas als „gut“ oder „schlecht“ zu bewerten ist, hängt von der Folge der Entscheidung ab und wie diese in Zusammenhang mit ihrer Wirkung steht. Da wir nur nach Lebensbegründenden Beweisen suchen, wird eben all solches als „gut“ tituliert, welches diesen Sachverhalt unterstützt. Woher nehmen wir uns eigentlich diese Freiheit, über eine Bewertungsmacht über „gut“ und „schlecht“ zu verfügen, ohne die Zukunft mit garantierter Sicherheit voraussagen zu können? 

Der Tag beginnt offiziell, nachdem die für den Tagesbeginn notwendige Tat vollbracht ist. Das mag für den einen die kalte Dusche oder der Kaffee am Morgen sein und für den anderen eben sonstiges. Das routinierte Verhalten vor Beginn des Tagesablaufes ist die Voraussetzung für die folgenden zwölf plus X Stunden und zugleich der Erste Schritt auf der Beweissuche für die Wertigkeit des Daseins. Wer so nicht mindestens ausreichend Begebenheiten findet, welche das Schönreden des Lebens unterstützen und die Wahrheit dementsprechend mit dem Guten vermengt, bleibt auf der Strecke zum Ziel, sich am Ende des Tages seiner hinlänglichen Befriedigung zu ergötzen. Es bringt nichts, sich dagegen zu wehren. Es ist unser Streben nach kognitivem Gleichgewicht, welches uns dazu verleitet, all das zu vermeiden und zu verändern, was uns vom „Hamsterrad des Lebens“ abbringen könnte. Der Tag besteht im weitesten Sinne daraus, das Überleben für die nächsten Tage, Wochen, Monate und Jahre zu gewährleisten. Wieso sollte einer dabei also Gründe suchen, die diese Sicherstellung zu unterwandern? 

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