Der Sommer ist blasé

Sonnenbrillen-Fetischisten, jeweils zwei Arme. Mit einer Hand Eiscreme schleckend und mit der anderen Kinderwagen – daran Tüten baumelnd – schiebend, schlendern sie die Flaniermeile auf und ab. Regelmäßig kommt die mit der Mischung aus Eutersekret und Saccharin bedeckte Zunge zum Vorschein. Die aufeinandertreffenden Geschmäcker erwecken latente Erinnerungen an eine Zeit, in der es in ihrer Welt nur so viele verschiedene Sorten Eiscreme gab, wie Finger an einer Hand zum Abzählen. Das Eis schmilzt und das Kind schreit. Fürchterlich. Noch hat es hat den natürlichen Instinkt, sein allgemeines Unbehagen zum Ausdruck zu bringen, nicht verlernt. Die Mehrheit der Gesellschaft duldet ein solches Verhalten von Naszituri nicht. Oder mag es vielmehr nicht dulden. Es tangiert wohlmöglich ihren eigenen Dissens zur Welt, welcher sie zu einem geringen Grad noch immer heimsucht. Was fehlt dem Jüngling bloß? Iss noch was, lass dich von deiner Mutter drücken und beruhigen, hier, noch ein Spielzeug. Alles, was nötig ist, um dieses lautstarke Lamentieren auf ein Mindestmaß zu beschränken. Es kann doch so einfach sein, einen Moment der Zufriedenheit zu erzeugen.

Drüben jemand, der höchstwahrscheinlich ganz scheußliche Plastikmusik hört. Auf voller Lautstärke und in Dauerschleife, weil es noch nicht oft genug im Radio lief. Der Interpret des Liedes versucht indes eine kleine Sektion des Lebens mit purem Fett zu füttern. Nicht mehr lange, und es wird zur musikalischen Untermalung eines massentauglichen Werbespots oder einer Nachmittagsfernsehsendung für akut oder chronisch Unterbeschäftigte. Rhythmisch bewegt der Halbstarke seinen für selbsternannte Oberschichten-Dandys prekär bekleideten Körper zu dem Bass in seinen Ohren. Mit den Händen in den Taschen seiner Unterkörperbekleidung, vermutlich an der Lautstärke seines Endgerätes fummelnd. Ganz egal, wie oft man es versucht – manche Dinge werden langfristig einfach nicht besser, wenn sie potenziert ausgetragen werden. Siehe Stevia, q. e. d. Einige nichts aussagende Blicke ziehen das adoleszente Männchen und seinen Schlendrian auf sich, welche allerdings im gleichen Moment wieder von ihm abgleiten. Besser, man belässt es dabei. 

Ein paar Lebensgehetzte stampfen flink durch die Gasse. Subtiler Weise alles Hab und Gut an sich festhaltend, als würde ihnen andernfalls die Sinnhaftigkeit ihrer Leiber entrinnen. Unter anderen Umständen würde man es wohl als allgemeine Anspannung bezeichnen und sie binnen weniger Monate in eine Einrichtung für Burnout oder Boreout-gefährdete stecken. An einem Reklameschild, welches zur Animation von potenziellen Kunden bestimmt ist, erleichtert sich ein Vierbeiner. Ein Herr gerät darüber in Rage. Dieses ganze Gepinkel müsse doch wohl nicht sein. Seine Begleitung versucht, ihn von der Belanglosigkeit dieses Vorkommnisses zu überzeugen. Kompromisslos wird der beste Freund des Menschen von seinem Frauchen weitergezerrt, dreibeinig und ein paar Tropfen übrigen Urins mit sich huschend. Das unentwegte Leben geht weiter. Ohnmächtig des Disstress der Existenz oder lethargisch eisschleckend. Notdurft hin oder her. Damen, Herren und Diverse hin oder her.

Ein Kommentar zu „Der Sommer ist blasé

  1. Das tägliche Stadtbild aus Augen einer jungen Frau, die mit wenigen Worten uns eine Gesellschaft, oder besser gesagt die Mittelschicht vob Heute dargestellt hat. Alles wurde von einer Aussenseiterin betrachtet, die aber zugleich selbst mittendrin ist. Es ist diese alltägliche Einerlei, die aber durchaus ihre eigene Komik, Tragik hat, langweilig und lustig zugleich. Janet hat mit Worten gemalt, und jeder Leser von diesem Bild fühlt sich eingesogen von ihr, Kopfkino läuft, ein wenig wie Monet, ein wenig wie Van Gogh, je nach dem welche künstliche Nahrung man genossen hat. Das Leben ist ein ewiges Hin und Her, Hier und Dort, nichts neues aber voller Verlangen, wie immer.

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