Im Schwimmbad

Sie reden miteinander, sie haben den Kopf über Wasser und einander in Paaren zugewandt, sie sehen nicht, was unter Wasser ist.

Was darunter ist, ist sehr undurchsichtig. Trüb. Zu viele Hautfetzen, zu viele Ablagerungen von Menschen abgelöst, die sich auflösen. Von der Wäsche der Menschen auf die Haut übertragener Weichspüler, von Schlafanzügen, von der Bettzeugwäsche.

Und die Cremes, mit der sie ihre Haut eincremen. Und die Duschseifen, alles was etwas weicher machen soll. Haut braucht auch Fett. Das kommt aus dem Körper. Aus der gegessenen Butter, dem Speck, oder vegan, dem kaltgepressten oder zusammengemischt gequetschten Olivenöl. Was die Schwimmer so mitbringen, wenn sie kommen

Beim Dehnen, beim Strecken, beim Anziehen und Abstoßen der Beine im Wasser, beim Vorankommen, beim Drunterdurchgleiten formt sich der Film über der Haut mit den veränderten Körperformen mit, er ist der ideale Tauchanzug, so dünn, dass er sich anpasst. Weil er in sich flüssig ist, kann er sich bei der Armbeuge falten und wenden und in der Gleitphase nahtlos wieder ausbreiten. Er liegt überall gleichmäßig auf, er verstärkt keine Körperstelle übermäßig, er ist wendig und schnell.

Da, wo das Wasser am Beckenrand in die Außenrillen stürzt, hält es sich noch eine Weile in einer Art runder Welle vor dem Abgleiten fest, als bilde sich eine Kaugummiblase aus Oberflächenspannung, in der sich anderes, nicht angespanntes Wasser sammelt. Die Wasseroberfläche hat so einen Film.

Der Film auf der eingecremten Haut im Sommer. Schirm und Film. Schirm vor dem Regen. Eine mechanische Abwehr des Regens, des Wassers von oben.

Die richtige Menge an Fett in der Haut beim Schwimmen ist soviel Fett, dass es das Fett der anderen am Hineinschwimmen hindert, aber auch nicht zu viel in das Wasser zurückschwemmt, dass es trüb wird.

Vielleicht will ich in der Brandung bleiben. Dem bakterienabtötenden Chlor. Das beißt. Beißen und Heilen, Oliven und Chlor, Chlor und Oliven, das ist die Dynamik der Haut, der Kampf, den die Haut austrägt, der sich auf, und wenn es schlecht (für mich) ausgeht, in der Haut abspielt. Ein Hauen und Stechen, ein Beißen und Heilen, keine Fische hier. Im Freiwasser brauche ich einen anderen Schutz, oder doch denselben, weil die Fische, die Zähne haben wie der Wels, vielleicht doch wegen der Glibschigkeit der Sonnencreme, wenn sie sich mit dem Wasser vermischt, abrutschen würden.

Fische mögen kein Olivenöl, weil sie Angst haben, gegessen zu werden, mit Olivenöl angemacht, mit Zitronensaft zubereitet und mit Petersilie dekoriert. Vielleicht würde es mich schützen, einen petersiliengrünen Badeanzug im See zu tragen, oder einen olivengrünen Bikini im Chlorbecken: Ich schütze mich, ich verstecke mich, die Tarnfarben, die das Militär schon lange nicht mehr nutzt.

Warum sagt man eigentlich Armzug und Beinschlag? Weil man sich vorne heranzieht und hinten wegtritt? Vorwärts kommen. Selbst beim Rückenschwimmen. Sich ziehen. Sich wegtreten.

Wenn ich schwimme, kann ich das Wasser bewegen, es teilen, es bleibt. Es ist immer noch da, wenn ich geschwommen bin. Es ist nicht weniger geworden. Manches kommt weg, es kommt welches nach. Die Wasseroberfläche verändert sich. Oberhalb des Wassers ist die Luft manchmal feucht, oft ist sie eher kalt, aber es ist anders als unter der Oberfläche, der Grenze, die etwas drin hält.

Wenn ich auf dem Wasser liege und die Haare fluten lasse, treiben sie. Ich kann nach unten gucken. Anders als im Meer. Im Meer würde ich immer auf dem Boden aufliegen, von Wellen mit Salz überschüttet.

Bei uns gibt es viele Kartoffeln. Sehr viele verschiedene. Hinter den Deichen ist das Land dafür fruchtbar. Für nichts anderes sonst. Es ist sandig und lehmig. Es wird nicht ständig überschwemmt wie vom Nil. Keine Überschwemmung legt fruchtbares Flussland auf das Land. Die Deiche sind dafür da, dass das Meer da nicht hinkommt. Sein Salz macht den kalkigen Humusboden noch mehr kaputt. Jeder Boden hat seine eigenen Eigenschaften. Seine eigene Windstärke, Lage zum Meer, auf jedem wachsen andere Kartoffeln gut.

Kartoffeln schmecken unterschiedlich gut, wie man sie kocht, welche Sorte, mit was man sie isst, mit Öl, mit Butter, mit Quark, mit Eiern, gebraten, gekocht, gestampft.

In das große Edekacenter gehe ich nur wegen der Kartoffeln. Sie haben noch mehr als nur drei Sorten. Der Laden ist so groß, dass mir sein Hinterland Angst macht. Darum ist es gut, dass die Kartoffeln ziemlich weit vorne rechts liegen. Alles weitere kaufe ich beim Penny.

Kalte Butter. In Stücken. Ich esse gern immer dasselbe. Eintöpfe. Spiegeleier. Wir haben nur zwei Herdplatten. Mich beruhigen Kartoffeln. Ihre Knollen. Anders als früher schäle ich sie hier nicht mehr. Ich mag es, ihre Schalen auf der Zunge zu spüren.

Das ist angenehm rau. Ich fasse gerne Dinge an, solange sie nicht Menschen sind, und ich muss an ihnen vorbei, um wenden zu können. Ich kann abtauchen, die Wasseroberfläche als Grenze, von unten betrachten, die Beckenwände angenehm hart, wenden, mich mit Kraft abstoßen, im Wasser bleiben, nicht in den Beton reintreiben. Nicht zerschellen. Nicht ausbluten, dass das Blut, das eigene Blut, das eigene Leben im Wasser ausblutet und sich verliert, verzieht, verschliert vor der Härte des Betons, des klaren Wassers und der Kälte darüber.

Dass etwas aus mir raus fließt statt in mich rein. Wie der Nil ins Meer und nicht das Meer über den Deich. Die Deiche sind hier weil hier alles so flach ist, dass es sonst überläuft. Salz und Tod. Ich brauche auch Salz, aber nicht so viel. Nicht auf meiner Erde. Nicht in meinem Feld, in meine Kartoffeln, da wo die Petersilie nicht wächst, im Schatten des Hauses, wo es doch eigentlich grün ist.

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