Leid, Logik und Leichen in der Politik

„Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.“

Alexander Gaulands (AfD) Reaktion auf das Bild des 2016 ertrunkenen und an der türkischen Küste angeschwemmten syrischen Jungen Alan Kurdi offenbart zwei Dinge: Zum einen die Kaltherzigkeit Gaulands (Verband verbitterter, wehleidiger, weißer, alter Männer, n.e.V.) und die Tatsache, dass man seine Tochter noch stärker als ohnehin schon bemitleiden sollte. Zum anderen seine Vorstellung, dass Politik sich nicht von Gefühlen (in diesem Fall Mitleid) leiten lassen sollte. Das unsägliche Leid der im Mittelmeer ertrinkenden Geflüchteten sei für sich noch kein Anlass, irgendetwas zu unternehmen. Stattdessen wäre es nun nur konsequent, eine Basierung politischer Entscheidungen auf „Vernunft“ zu fordern. Damit zeigt sich wieder einmal, dass auch ein rassistisches, klobiges und nicht schön anzusehendes Huhn ein Korn im Sinne eines interessanten Denkanstoßes finden kann. Die Frage, in welchem Verhältnis Vernunft und Gefühl, Emotion und Ratio, in diesem Fall insbesondere im Rahmen der politischen Entscheidungsfindung, stehen, ist es wert, gestellt zu werden.

Philosophen zerbrechen sich seit Jahrtausenden darüber den Kopf, was genau es bedeutet, „vernünftig“ zu sein und zu handeln. Eine zentrale These dabei ist, dass Vernunft das ist, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Sie erlaubt es uns, aus dem instinktgeleiteten und rein triebgesteuerten Leben unserer animalischen Cousins auszubrechen und durch abstraktes Denken, Zukunftsplanung und Selbstreflektion und –kontrolle derart großartiges zu leisten wie die Pyramiden von Gizeh, Geometrie und den Eierschalensollbruchstellenverursacher. Da Vernunft also anscheinend voll super ist, ist es auch nur vernünftig, sich bei Alltags-, aber auch bei politischen (i.e. kollektiv verbindlichen) Entscheidungen auf sie zu verlassen. Oder? Nichts Anderes meint Gauland (NSDAP, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte), wenn er fordert, sich nicht von Gefühlen in der Entscheidungsfindung beeinflussen zu lassen. Da er es sagt oder zumindest suggeriert, kann es also so leicht nicht sein. Bereits aus der Alltagserfahrung wissen die meisten Menschen, wie schwierig, aber auch wichtig es ist, Gefühle und Vernunft in ein angemessenes Verhältnis zu bringen.[1] Das gesellschaftliche akzeptabelste Modell scheint dabei dasjenige zu sein, wovon auch die Macher des kleinen Disney Propagandafilms „Reason and Emotion“ während des Zweiten Weltkriegs die amerikanische Bevölkerung mit guten Argumenten und klarer Logik überzeugen wollten: Vernunft und Emotion bewohnen gemeinsam das Gehirn eines Menschen (männliche Versionen für den Mann und weibliche für die Frau natürlich) und steuern ihn wie ein Fahrzeug. Solange Vernunft am Steuer sitzt, werden die richtigen Entscheidungen gefällt und man wächst zu einem respektablen Mitglied der Gesellschaft, mit Anzug bzw. guter Figur heran; sobald aber Emotion die Oberhand gewinnt, sprechen Männer (einfach so!) Frauen auf der Straße an und Frauen gehen ins Restaurant und essen, bis sie aus allen Nähten platzen. Da das offensichtlich inakzeptabel ist, muss Vernunft die Kontrolle behalten, während Emotion eine Hilfstätigkeit zukommt, namentlich, patriotisch zu sein.[2] Die Vorstellung, dass Vernunft und Gefühl in einem antagonistischen Verhältnis stehen, ist alt, recht weit verbreitet und ich selbst habe diese Vorstellung in meine bisherigen Ausführungen mit einfließen lassen. Der Vorwurf der „Gefühlsdusseligkeit“ verweist dabei auf die Überhandnahme von Gefühlen in einem Entscheidungsprozess. Insbesondere im politischen Bereich wird (angeblich) viel Wert auf Sachlichkeit gelegt, jede Seite wägt die Tatsachen dabei auf ihrer Seite und ihre Politik als alternativlos. Unabhängig davon, inwieweit diese Sachlichkeit je der Fall war, scheint sich seit einiger Zeit eine zusätzliche Emotionalisierung der Politik beobachten zu lassen.

Die offensichtlichste Seite davon ist der Populismus, gepaart mit der „postfaktischen“ Sicht auf die Welt, in der das Gefühl, wie die Welt ist (eine Art „emotionale Epistemlogie“) über alle anderen Zugriffe auf die Welt triumphiert. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass einer der deutschen Vorkämpfer dieser Lebens- und Denkweise ebenjener Alexander Gauland (5. Kreis der Hölle, in nicht allzu langer Zeit) ist, der doch auf die Rationalität in der Politik pocht. So verbindet sich der wutbürgernde Heimatliebhaber mit dem eiskalten Realpolitiker zu einem grotesken Mischwesen. Doch nicht nur der rechte Rand ist von Paradoxien durchzogen. Links-grün-versiffte, idealistische Gutmenschen® fordern in einem Atemzug Empörung, Solidarität (ganz allgemein), eine politische Streitkultur und sogar Angst (vor dem Klimawandel, à la Thunberg), aber auch eine Ausrichtung der Politik nach den neuesten Wissenschaftlichen Erkenntnissen. Interessant ist dabei zudem der Versuch, Menschen zu einem bestimmten Gefühl aufzufordern oder sie gar davon zu überzeugen, es haben zu sollen. Inwiefern es nun gerechtfertigt wäre, die berechtigte Forderung nach Angst durch andere als rationale, argumentative und plausible Gründe zu untermauern (z.B. durch dramatische Endzeitfilme, die als Dokus ausgewiesen werden), überlasse ich den Ethikern und Filmemachern unter euch.

An dieser Stelle sei noch auf Max Weber verwiesen, der bereits vor 100 Jahren auf die Frage der Letztbegründung einging.[3] Weber schreibt unter anderem, dass man ein jedes Werturteil (z.B., dass höhere Steuern für Reiche richtig und gut sind oder das Grüner Apfel viel zu selten in Eisdielen vorhanden ist) nie wissenschaftlich würde „beweisen“ können, also nie würde letztbegründen können. Man müsse sich seinem „Dämon“ (z.B. Medizin, Jura oder Gauland) immer ohne wissenschaftliche oder vernünftige Gründe verschreiben. So kann man sich zwar dem Ziel verschreiben, Leid, wie das des Alan Kurdi, zu verhindern oder man kann sich dem Ziel verschreiben, dieses Leid kleinzureden und zu ignorieren – beweisen, dass das eine oder das andere Ziel das bessere sei, kann man nicht.

Abschließend lässt sich vielleicht feststellen, dass die Unterscheidung und die Entgegensetzung von Vernunft und Gefühl in der Politik nicht so deutlich ist, wie es einem Politiker oder Aktivisten oftmals weismachen wollen. Beide Seiten sind oft untrennbar miteinander verwoben und fließen ineinander über, wenn man versucht, bei Menschen mit Argumenten ein Gefühl auszulösen und durch Gefühle Leute zur Vernunft zu bringen. Vernunft greift erst, wenn Emotionen schon lange das Spielfeld vorbereitet haben und sie spielen in jeder Entscheidung eine zentrale Rolle. Was Gauland (Gauland) uns also mit seiner Aussage tatsächlich entgegenzurufen scheint ist: „Wenn ich dieses Bild sehe, fühle ich nichts weiter als ein gewisses Gefühl der Befriedigung; weiter so!“ Traurig.

 

[1] Mich ausgenommen, ich handle stets und immer nur nach Gefühl, es scheint mir das vernünftigste.

[2] Bald in Neuauflage aus den AfD-Studios zu sehen.

[3] Weber 1917, Wissenschaft als Beruf.

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