Klang und Charakter

Über ästhetischen und akustischen Tastsinn

 

In einem vor einiger Zeit auf dem Blog der Funzel veröffentlichten Artikel hat Nico Mohammadi über die Auswirkungen und das Potential Neuer Musik berichtet. Musik, die als radikale Erweiterung der uns gewöhnten Tonstruktur gelten kann und meist mit der Experimental- und Avantgardemusik der Moderne verknüpft wird. Er entwickelte den Gedanken, dass Neue Musik unsere Hörgewohnheiten verändert, uns weniger eindimensional, neugieriger und aufgeschlossener gegenüber Fremden macht als der alleinige Genuss von konventioneller Musik. Diese persönliche Veränderung, so die Spekulation, könnte politische Auswirkungen haben: sie könnte uns demokratischer und poetischer werden lassen.

Ohne die musikwissenschaftlichen Hintergründe zu haben, diese Konfliktlinie zwischen „klassischer“ und „neuer“ Musik mit Bezug auf Tonart und Stimmungssystem explizit diskutieren zu können, musste ich direkt an die These von Platon denken, dass Persönlichkeit, Musik und soziales Verhalten eng miteinander verknüpft sind. So erklärt Platon im achten Buch des Staates den fünfstufigen Verfall der politischen Systeme mit einem fünfstufigen Verfall des Charakters; der Verfall des Charakters wird aber wiederum mit dem schrittweisen Verfall der Tugend belegt. Der höchste Charakter ist bei Platon der Aristokrat, der niedrigste Charakter der Tyrann. An einer Stelle fragt Sokrates‘ Gesprächspartner Adaimantos, warum der immerhin zweitbeste (timokratische) Charakter auf den Stand eines bloß mittleren (oligarchischen) Charakters fällt. Platon lässt Sokrates folgendes antworten:

„[…] weil er etwas von der Natur des Habsüchtigen in sich hat und nicht rein auf die Tugend aus ist, hat ihn doch der beste Wächter im Stich gelassen.’

‘Welcher denn?’ fragte Adaimantos.

‘Der Verstand gepaart mit musischer Bildung’, sagte ich. ‘Er allein bewahrt jedem, dem er innewohnt, lebenslang die Tugend.“ [1]

Auch Platon lässt also, ähnlich wie Nico, die Verbindung von Musik und Denken über den Charakter wachen. Wer kein Bewusstsein für die Töne der Musik entwickelt, so der Gedanke, der hat auch eigentlich gar kein Bewusstsein für sich und die Welt.  In der Tradition der Pythagoreer, für die Zahlenmystik eine wichtige Rolle spielte, ist Platon davon überzeugt, dass die mathematischen Formen und Strukturen der Musik einen Zugang bilden zu der Welt der Ideen, der Welt des reinen, unveränderlichen Seins, an der sich die Menschen solange zu bilden haben, bis sie Aristokraten und Philosophen geworden sind. Dies geht zurück auf die Idee, dass die Natur logisch geordnet ist, und sich der Geist nach ihrem Vorbild auch logisch ordnen soll. In dem Sinne verurteilt Platon jede Musik und Dichtung, die den Menschen von diesem Weg abbringt, die zu sentimental, zu merkwürdig, zu unharmonisch ist. Platon würde also ganz sicherlich nicht Alban Berg hören. An anderer Stelle geht er nämlich darauf ein, wie Musik und Gymnastik die Seele ausbilden [2]: und mit Musik hat Platon hier Rhythmus und Harmonie im Sinn. [3]

In der Neuen Musik ist dieser Anspruch aufgegeben: sie ist radikal ungeordnet, sprengt alle Grenzen, findet neue Ausdrücke, entwickelt Dinge oder Stimmungen ab, die wir vorher noch nicht kannten und berechtigt alle Töne gleich. Experimentelle Musik anzuhören heißt also gerade nicht, sich an ewig gleichbleibenden Harmonien auszurichten. Es könnte auch sein, und darauf hat Nico aufmerksam gemacht, dass diese ewigen Harmonien selbst eine Illusion sind – dass das wohltemperierte Stimmungsbild ein verzweifelter Versuch ist, eine Ordnung zu präsentieren, die es in der Welt und auch im Menschen gar nicht gibt. Dafür spräche auch die Tatsache, dass andere Kulturen in ähnlichen Ausgangspositionen ganz andere Musiksysteme entwickelt haben als wir im Westen. Und mit der Tatsache, dass die Natur selbst sehr viel gekrümmter, ungeordneter, komplizierter und unschärfer ist als in der platonischen und pythagoreischen Metaphysik vermutet, muss sich seit Heisenberg und Einstein die Wissenschaft selbst herumschlagen. So ließe sich eine Entwicklung anreißen: Die des Gedankens eines logisch geordneten Kosmos, entworfen von den Griechen seit Thales und Parmenides, dem menschlichen Geist zur Schulung und Erbauung, der sich über die Jahrhunderte hinweg zu einer immer schwereren, nicht mehr tragbaren, mit der wahrgenommenen Realität inkompatiblen Bürde entwickelte, bis ihn Kant in eine noumenale Geisterwelt verbannte, Nietzsche ihn dem Willen zur Macht unterwarf und ihn spätestens die Postmoderne mit dem Relativismus radikaler Subjektivität erstach. Parallel zum Niedergang des objektiven Kosmos verliefe die Lesart der Künste: von geometrischer Präzision und Lebensechtheit hin zur erst impressionistischen Auflösung des Blickes, der sodann kubistischen und surrealen Verformung, der dadaistischen Negation und der sich daraus ergebenden, rein zur Form und Materie übergehenden Abstraktion.

Ein Großteil der modernen Kunst ist nur noch stofflich, genauso wie Stockhausen nicht mehr melodisch, nicht mehr rhythmisch, sondern rein noch klanglich ist. Das nehme ich als Erweiterung – vielleicht sogar eher als innovative Reduzierung – der traditionellen künstlerischen Denkweise wahr. Nico spricht mir also ganz aus der Seele, wenn er darüber spricht, wie das Hören der Neuen Musik einer Befreiung aus „auditiv-emotionalen Konventionen“ gleichkommt. Ich würde noch hinzufügen, dass es eine neue Art zu hören verlangt, ähnlich wie abstrakte Kunst eine neue Art zu sehen braucht. Auge und Ohr müssen sich gewöhnen an die unbekannte Textur des Bildes oder Klanges, müssen das Vorhandene gleichsam abtasten, umgreifen, es als reines Material oder reine Form durchdringen. Eine solche Reduzierung auf den Grundbaustein der menschlichen Wahrnehmung, wenn sie gelingt, lässt niemanden unberührt zurück, verdichtet sich zu einer ästhetischen Erfahrung und poetischen Rekonfiguration. Nur leider gelingt sie ja oft gar nicht erst, wird überlagert von nicht ausschaltbaren Faktoren: den kommerziellen Interessen des Kunstmarktes, der Überinterpretation der bereits vorgegangenen intellektuellen Rezeption, der Selbstdarstellung des Künstlers, den politischen oder sozialen Erwartungshaltungen.

Lassen wir die ästhetische Erfahrung als Ausbruch aus dem Kleinlichen, als Entrückung aus dem Alltäglichen, als Reduzierung auf das Wesentliche, gleichwohl ohne in die exegetischen Feinheiten vorzurücken, einmal so stehen. Dann fällt doch auf, dass vielleicht die metaphysischen Grundlagen des platonischen Musikverständnisses angegriffen sind, nicht aber die platonische Position, dass Charakter und Hörgewohnheiten eng zusammenhängen. Auf diese Position nimmt ja auch Nico Bezug. Nur, wenn wir aus ihrer Perspektive heraus argumentieren: was zwingt uns dazu, wiederum einseitig die Experimentalmusik vorzuziehen?

Originelle, tastende Ästhetik findet sich doch auch in einem wesentlich breiteren, nicht zwingend experimentellen Rahmen der musikalischen Moderne: bei Hindemith, Ligeti, Arvo Pärt und Charles Ives; selbst bei Komponisten, die noch stärkere Anleihen an „traditioneller“ Melodik und Harmonie machen: bei Shostakovich, Bernstein, dem frühen Schönberg und Gustav Mahler. Und ich persönlich würde sogar argumentieren, dass nicht alles, was nach Schemata funktioniert oder „in Stein gemeißelt“ daherkommt, auch schematisch oder statisch wahrgenommen werden muss. Manchmal, wie bei der Poesie eines Haikus, liegt doch gerade in der Art, wie ein Komponist sich mit der überaus engen Konvention der C-Dur Tonalität oder den starren Hörgewohnheiten des Publikums auseinandersetzt, die erstaunliche Kraft, Schönheit und Zeitlosigkeit klassischer Musik. Wenn man sich auf die Kreativität, die in der persönlichen Aneignung eines Symphonieformats oder einer Auftragskomposition besteht, ganz einlässt, kann man auch Bach, Beethoven oder Schubert hören und jedes Mal etwas Neues entdecken – zum Beispiel, wie auch traditionelle Formate geistige Grenzen sprengen. Das hat dann nichts damit zu tun, Musik in „gesund“ und „ungesund“ zu unterteilen und sich eindimensional zu verhalten – im Gegenteil, die Erforschung des Bekannten lässt Neues durchaus auch zu, und steht mentaler Flexibilität nicht im Weg.

In dem Sinne sehe ich die Konfliktlinie, wie bei Nico angedeutet, nicht zwischen „Klassischer“ und „Neuer“ Musik. Ich sehe die Konfliktlinie eher zwischen Menschen, die den Mut haben, sich auf Neues einzulassen und an den eigenen Gewohnheiten zu arbeiten und sich die Mühe machen, nach ästhetischer Erfahrung überhaut erstmal zu suchen; und zwischen denen, die an einem Platz verharren und sich lediglich an das gewöhnen, was der radikale Zufall der Umgebung ihnen an die Ohren spült. Egal ob der Klang von Stockhausen oder Schubert kommt, wenn der oder die Zuhörende sich nicht die Mühe gibt, mit Behutsamkeit zuzuhören, kann der Klang auch keine Besonderheit entfalten. Dass uns Musik zu dieser Ausprägung ästhetischen Tastsinns ermutigt, ist wahrscheinlich, mehr als der Fokus auf Harmonie, ein wirklich gutes Argument für die platonische Einsicht, dass Musik uns zu den Menschen macht, die wir sind.

 

[1] Platon (2017): Der Staat. Übersetzt und herausgegeben von Gernot Krapinger. Ditzingen: Reclam, Philipp, 549a-b.

[2] Vgl. ebd., 412a.

[3] Vgl. ebd., 401e-402a.

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