Was ist der Geschmack von Geometrie?

Eine unsinnige Frage? Oder eher bedeutungslos?

Nun, würde sie in der Form „was ist der Sinn  des Lebens, …des Erkennens, …des Verstehens?“  angenehmer, verständlicher sein?

Oder doch lieber „wie schmecken drei Zitronen?“ oder „wie wird morgen das Wetter?“
Man merkt schon, das hier wird eher kein Wetterbericht, und den Gemüsemarkt werden wir hier auch nicht finden. Ein eifriger Zwischenrufer will noch mitteilen, dass ihm Geometrie nie geschmeckt habe…  Versteht er, was ich sagen will?

Ich möchte diesem „Was“ etwas nachzuspüren…Und das einzige, was wir dazu brauchen (um gute Philosophen zu sein) sagt Gaarder, ist die Fähigkeit, uns zu wundern [1]  und Fragen zu stellen, mag man ergänzen.

Beginnen wir also uns zu wundern, ob nicht jede Frage nach einem „Sinn“ eine Frage nach dem Geschmack von Geometrie ist, sprich: Jede uns als Philosophen interessierende Sinn-Frage uns angesichts erwartbarer Unzulänglichkeiten in den Deutungs- und Beantwortungsmöglichkeiten absurd erscheint. Selbst Wittgenstein ist der Ansicht, besser den Mund zu halten, wenn man nichts wirklich Substantielles zu sagen hat. 

Tun wir mal so als ob doch! Und bei dem Vergleich von Zitronen und Geometrie fällt sehr ins Gewicht, dass Geometrie nicht mit den Sinnen erfahrbar ist.

Aber interessiert uns denn wirklich der Geschmack von Geometrie? Ist es nicht eher das „Was“, das der eifrige Zwischenrufer ja nicht erkennt, das uns aber umso mehr interessiert? Und versteckt sich dahinter das Nicht-Sinnlich-Erfahrbare? Bedeutet uns „Geschmack von Geometrie“ etwas, also gibt es eine Bedeutung ohne (sinnlich) fassbaren Gehalt? Und hängt Sinn immer mit „sinnlich“ zusammen?

Vor einiger Zeit erhielt ich von einem Studenten eine mail mit diesem Text (Auszug):


„…und die Welt wird einen drastisch anderen Blickwinkel auf alles bekommen, was wir machen, wie wir denken, fühlen und arbeiten. Und ich bin mir sicher, dass ich recht behalten werde. (…) Ich glaube auch daran, dass sich in Zukunft für uns alles ändern wird. (…) Denn, seht euch an wer die grossen Köpfe der Vergangenheit waren: Sokrates, Platon, Aristoteles? – Eigenbrötler, Absonderliche Gestalten die erst lange nach ihrem Tod die Anerkennung bekamen, die ihnen zustand. Goethe, Schiller, jeder x-beliebige Schriftsteller der Geschichte? – Zu ihren Lebzeiten und auch danach mit allen möglichen „Krankheiten“ betitelt. Leonardo da Vinci? Einstein? Elon Musk? Steve Jobs? – Niemand war „normal“.
Wenn die Unfähigkeit inkompetenter, „normaler“ Menschen, zu erkennen und divergierende Meinungen zu diskutieren, dazu führt, dass wir uns verunsichern lassen, dann passiert genau das, was all die letzten Jahre passiert ist und dem Fortschritt im Weg steht. Ich würde mich umso mehr in das stürzen, was wir genau diesen Leuten hinterlassen können. Die Erkenntnisse, Ideen und – ja – auch eigene Meinungen. Denn genau das ist das, was am Ende zählt.“

Der Absender beschreibt oder umschreibt da etwas, das andere gern etwas belächeln, etwas spöttisch auf die schauen, die nicht-so-wie-ichnicht-so-wie-wirnicht-so-cool sind. Und ich meine damit nicht nur die „Jugend“, sondern auch die „Älteren“, die Etablierten, die die-es-geschafft und somit anscheinend das Recht erworben haben, auf andere herabzuschauen, auf die Anderen. Geschmack von Geometrie?  –  Sinn von Leben?

„Ich bin anders!“, wer traut sich denn solch einen Satz zu sagen? Andererseits natürlich, wer will schon ein „Normalo“ sein? Wer kleidet sich schon im gleichen Style wie alle anderen, wer geht denn schon in Tracht auf die Wies’n, wer würde denn schon stolz auf Freunde sein, die – obgleich großartige Menschen – anders“ sind?

„Ich bin ein Lost-Planet-Child“, sage ich in einer Runde Kollegen, die ich schon länger kenne. Sie nicken und einer meint, das habe er sich schon gedacht. Aber alle finden das höchst spannend und wollen drüber diskutieren… –  Schöne Phantasie“, denkst du, und „Träum weiter!“, denn so etwas würde nie passieren. In unserer Gesellschaft bestimmt nicht! – In anderen vielleicht?

Anzeige in der Zeitung: „Leben 3.0 – Künstliche Intelligenz ist unsere unausweichliche Zukunft.“ – Doch wird sie sich des Menschen entledigen? Oder zu seiner Weiterentwicklung beitragen? Ist das die Lösung all unserer menschlich-gesellschaftlichen Probleme? Künstliches „Leben“, das dann völlig wert(e)frei existiert?Ist also die Lösung für „Anders-Sein“ – wie immer das aussehen mag – wieder doch die Anpassung an den mainstream, wie die gleichen, immer funktionsbereiten KI-Roboter?

Aber das anfangs erwähnte Zitat zeigt uns einen anderen möglichen Weg:
Es ist von einer grundsätzlichen Veränderung die Rede, der „Blickwinkel“ muss sich ändern, die Begriffe „gestört“ und „anders“ nicht mehr benutzt werden, um stattdessen für „Erkenntnisse, Ideen und – ja – auch eigene Meinungen“ Platz zu machen.
Und geht es nicht genau darum? Nämlich erwartungsfrei auf andere Menschen zuzugehen. Die „Bretter vorm Kopf“ zu entfernen, die ständig einzuflüstern versuchen: anders, nicht normal, abartig, krank, gestört, unfähig/ungeeignet, haben wir schon versucht – geht nicht, kann man nicht verstehen, muss dressiert/trainiert werden, usw. usw. Wenn wir selbst akzeptiert werden wollen, dann wäre es doch auch ein möglicher Weg, andere als das zu sehen, was sie sind und sie nicht in Kategorien einzuordnen. Kategorien sind sehr willkürlich und sehr zeit- und gesellschaftsbezogen. Was macht es vielen Menschen so schwer, ein Anders-Sein zu akzeptieren so wie es ist?
Geschmack von Geometrie?   Sinn von Verstehen?

Bertrand Russell schrieb 1956 im Vorwort zu seiner Autobiographie u.a.:


„…Mit gleicher Leidenschaft habe ich nach Erkenntnis gestrebt. Ich wollte das Herz der Menschen ergründen. Ich wollte begreifen, warum die Sterne scheinen. Ich habe die Kraft zu erfassen gesucht, durch die nach den Pythagoräern die Zahl den Strom des Seins beherrscht. Ein wenig davon, wenn auch nicht viel, ist mir gelungen. …“ [2]


Dieser philosophische Blick auf das Ganze des Seins, auf das Sein in seinem Widerspruch, ist die Perspektive eines menschlichen Lebens in Würde, aber im Angesicht des Abgrunds. Auch im Angesicht des Abgrunds, nicht im Abgrund! Das menschliche Leben oder ein Teil darin ist nicht schlechthin bodenlos, nicht von vornherein sinnlos oder vergeblich. Russell ist kein Nihilist oder Pessimist, er stiftet zu einer illusionslosen, aber nicht zu einer hoffnungslosen Haltung an. Russell bietet uns an   insbesondere auch mit den bekannten „drei Leidenschaften“, mit denen das erwähnte Vorwort beginnt  was denn letztendlich dieser Geschmack von Geometrie bedeuten mag: Erkenntnis, Leidenschaft und Mit-Leid.

Wir geben Stürmen Namen, um uns die Angst vor ihnen zu nehmen, und so werden Namen, Kategorien, Schemata verteilt, um Menschen weniger angsteinflößend erscheinen zu lassen! Dann lässt sich jemand eine „Therapie“ einfallen, mit der unsere Kategorien, unser Denken den Menschen übergestülpt wird. Und damit geben sich dann die meisten Menschen zufrieden, weil auch sie ja nicht verstehen, …aber oft auch nicht verstehen wollen.

Indem er Gründe, Abgründe und Hintergründe des menschlichen Herzens erforschte, versuchte Russell, uns den inneren Kern der menschlichen Wesensart näher zu bringen. Er versuchte, das „Was“ im Geschmack von Geometrie zu finden und als Gegensatz zum ewigen Gleichen und Angepassten zu setzen. In seinem gelebten zivilen Ungehorsam (der ihn zweimal ins Gefängnis brachte) z.B. und im Russell-Tribunal erkennen wir die Freiheit des Denkens, die auch im zitierten Mailtext so leidenschaftlich angesprochen wird. Wie heißt es da am Anfang:


„…seht euch an, wer die grossen Köpfe der Vergangenheit waren: Sokrates, Platon, Aristoteles? – Eigenbrötler, Absonderliche Gestalten…Leonardo da Vinci? Einstein? Elon Musk? Steve Jobs? – Niemand war ’normal’…

Geschmack von Geometrie?


[1] Jostein Gaarder, Sofies Welt, Hanser Verlag, München / Wien 1993, S. 23
[2] Bertrand Russell, Autobiographie I (1872 – 1914), Suhrkamp taschenbuch 22,
Frankfurt/M., 1972, S. 7f

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