Über die Freiheit, auf Kosten anderer zu leben

Die Klimaproteste richten sich nicht allein gegen umweltschädliche Emissionen. Ihre Ansprüche sind viel weitreichender. Die Klimakrise ist auch eine Krise der Freiheit.

Am zurückliegenden Wochenende haben wir die bislang größten von Fridays for Future organisierten Proteste erlebt. Die große Koalition hat ein Eckpunkte-Papier vorgestellt, mit welchen Maßnahmen sie die Klimaziele noch zu erreichen gedenkt. Heute findet der UN-Klimagipfel statt. Endlich erhält das Thema die Aufmerksamkeit der Weltpolitik.

Es ist zu erwarten, dass bald neue politische Maßnahmen beschlossen werden, um das Klima zu schützen. Und auf genau dieses Feld werden sie sie wohl beschränken. Doch der schon seit sehr langer Zeit so und ähnlich vernehmbare Protest lässt sich bei näherem Hinsehen gar nicht so leicht auf das Feld der Klimapolitik beschränken. Vielmehr kanalisiert sich darin ein generelles Unbehagen, nicht nur unserem Wirtschaftssystem, nicht nur unseren politischen Systemen, sondern unseren ganz alltäglichen Lebens- und Denkweisen gegenüber.

Am Ende des Tages ist die Klimakrise auch eine Identitätskrise.

All die Appelle, eben nicht einfach einen ökonomisch ,richtigen’ CO2-Preis zu setzen, der Umweltschäden miteinbezieht, sondern ganz grundsätzlich die eigene Lebensweise zu hinterfragen, deuten daraufhin, dass es vielen Protestierenden eben nicht einfach darum geht, auf irgendeine Weise die Emissionen zu senken, sondern auch darum, das Gesicht unserer Gesellschaft grundsätzlich zu verändern. Am Ende des Tages ist die Klimakrise auch eine Identitätskrise. Wer möchten wir sein? Für eine wachsende Zahl Menschen scheint die Antwort zu lauten: Auf jeden Fall anders. Ganz anders. Unmittelbar stellt sich die Frage für Menschen in den entwickelten, mittelbar genauso für die sich entwickelnden Länder, die sich mit Blick in den Westen fragen könnten: Ist das wirklich, wo wir hinwollen?

Dabei geht es um mehr als um die Emissionen pro Kopf. Es geht auch um die Frage nach dem Sinn und Zweck des Wirtschaftens (und dahinterstehend, viel größer, um die Legitimität moderner Gesellschaften überhaupt), aber auch um das Verhältnis von Mensch und Natur, um Diskursmacht, Vermassung und Vermachtung, um Sichtbarkeit, um das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Anders als Fragen der CO2-Besteuerung oder des Zertifikatehandels sind das genuin philosophische Fragen. Diese werden in der Debatte noch zu wenig beachtet.

Wir sollten das Momentum aufzugreifen, um die durch Emissionen verursachten Probleme nicht ausschließlich durch technokratische Lösungen (so nötig und begrüßenswert diese auch sind) möglichst rasch zu ,erledigen’ und wieder aus dem Blickfeld zu verbannen, sondern die weniger direkt sichtbaren Fragen, die die Klimaproteste aufwerfen, in einem umfassenderen Zusammenhang zu diskutieren.

Die Klimakrise ist auch eine Krise der Freiheit.

Ein Auftakt könnte etwa so aussehen, die Klimakrise in einem umfassenden Sinn als eine Krise der Freiheit zu verstehen. Es ist erstens (im Sinn eines genitivus objektivus) eine Krise für die Freiheit, in der die Freiheit bedroht wird, sofern zu ihr auch gehört, selbstbestimmt zu leben und sich nicht für jede Konsumentscheidung rechtfertigen zu müssen – ebenso sehr aber, im individuellen Lebensentwurf nicht von menschengemachten Umweltveränderungen existentiell bedroht zu werden. Im Grunde geht es um die alte Frage, wie viel Freiheit der Klimaschutz verträgt. Zweitens (im Sinne eines genitivus subjektivus) ist es eine Krise durch die Freiheit, die durch ein bestimmtes, verkürztes und fehlgeleitetes Verständnis von Freiheit verursacht wurde. Freiheit wurde dabei nicht nur auf eine Freiheit, Konsumentscheidungen zu treffen, verkürzt, sondern irreführenderweise auch verstanden als das Recht, die Kosten dieser Konsumentscheidungen systematisch zu externalisieren. Nicht nur durfte man sich frei entscheiden, ein Flugzeug zu benutzten (was prinzipiell unproblematisch ist.) Man war auch in der Lage, dies sehr günstig zu tun, da die Preise nicht alle tatsächlich entstehenden Kosten etwa durch Umweltschäden abbildeten. Diese Externalisierungen waren und sind in unserem Alltag nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dieses merkwürdige und unplausible (und übrigens positive) Verständnis von Freiheit als Freiheit, auf Kosten anderer zu leben, gilt es, immer wieder offenzulegen. Zudem muss auch darauf hingewiesen werden: Durch eine Abschaffung von Freiheit sind diese Probleme auch nicht zu lösen. Auch Diktaturen tendieren nicht dazu, sich verantwortlicher zu verhalten. Zudem ist Freiheit als Bedingung von Innovation und technischem Fortschritt unerlässlich, um Herausforderungen von der Komplexität des Klimawandels anzugehen.

Diese ambivalente Beziehung von Freiheit und Klimaschutz gilt es immer wieder auszubuchstabieren. Eine zukunftsfähiges Gesellschaftsmodell ist daher neben vielen anderen Eigenschaften unter anderem auf einen neuen, umfassenderen Begriff von Freiheit angewiesen.

3 Kommentare zu „Über die Freiheit, auf Kosten anderer zu leben

  1. Ich habe einen Kritikpunkt:

    Der Abschnitt “Unmittelbar stellt sich die Frage für Menschen in den entwickelten, mittelbar genauso für die sich entwickelnden Länder, die sich mit Blick in den Westen fragen könnten: Ist das wirklich, wo wir hinwollen?” ist mir zu unterdeterminiert.

    Die zu Grunde liegende Prämisse wäre in etwa: Menschen im Westen, der entwikckelt ist, leben auf Kosten der Menschen im nicht-Westen, der nicht entwickelt ist. Das mag bei einer Mittelung der Werte vielleicht stimmen und mit einer Berücksichtigung der (post-)kolonialen Spuren lassen sich viele Probleme von Entwicklungs- und unterentwickelten Ländern durchaus auf historisches und aktuales Handeln Europas zurückführen lassen. Es wird jedoch den Strukturen und der Perspektive, der als solche bezeichneten Entwicklungsländer nicht gerecht. Diese schauen in aller Regel nicht so auf den Westen, wie wir das reflexiv tun. Für die ~80% der Weltbevölkerung, die nicht im Westen wohnen, ist dieser nicht unbedingt ein Ziel oder eine Idealvorstellung, sondern mitunter bloß ein “komfortabel ausgebautes Altersheim an der Peripherie der Landkarte”, wenn er überhaupt eine besondere Beachtung bekommt. Den Klimawandel und verknüpfte Fragen der Freiheit als ein durch und durch globales Problem zu begreifen, bedeutet dabei auch das Schubladendenken von Westen und nicht-Westen zu überwinden. Nicht durch eine Leugnung von Privilegion, Verantwortung und bestimmten Ausbeutungs- und Machtverhältnissen, aber bei einer Anerkennung, dass nicht-Westen keine hinreichende Beschreibung von mehr als Dreivierteln der Weltbevölkerung und Landmasse ist und immanent selbst-referentiell.

    Gerade darüber ist der Klimawandel eine noch viel tiefschürfendere Identitätskrise, die zu einem gewissen Teil eine Art von Weltbürgertum oder zumindest globaler Solidarität und Beachtung verlangt und darüber gewohnte Muster in der Selbstverortung auf der Weltkarte erodiert.

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    1. “[Der Westen ist] nicht unbedingt ein Ziel oder eine Idealvorstellung, sondern mitunter bloß ein „komfortabel ausgebautes Altersheim an der Peripherie der Landkarte“, wenn er überhaupt eine besondere Beachtung bekommt.”

      Das ist durchaus plausibel und widerspricht nicht meinen Ausführungen. Worauf ich hinauswollte: das, was “uns” im Westen unmittelbar als Identitätsfrage erscheint, kann für den Rest der Welt (so pauschal und abstrakt die Formulierung ist) ebenfalls eine Identitätsfrage sein, jedoch viel mittelbarer, weil es für diesen “Rest” nicht darum geht, ob eine aktuelle Lebensweise geändert werden sollte (das passiert ständig), sondern nur, ob ein bestimmtes, vielleicht zeitweise verfolgtes Ideal noch als Ideal dienen kann. Wenn aber der Westen schon vorher, wie du ausführst, “nicht unbedingt ein Ziel” war, dann sind wir uns am Ende einig – wobei das in dieser Pauschalität vielleicht auch nicht für alle Länder gilt.

      Das Weltbürgertum, das du ansprichst, das sind genau die Themen, die ich meine, wenn ich dazu aufrufe, in einem umfassenderen Zusammenhang zu diskutieren. Ich frage mich nur: Was genau kennzeichnet eigentlich ein solches Weltbürgertum, gehört dazu mehr als formelle Rechte und Pflichten, und wie ist es möglich im Verhältnis zu unseren anderen “Bürgertümern”, z.B. (in abnehmener Abstraktion) als Europäer, Deutscher, Bayer, Münchner, Schwabinger.

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  2. Krise für die Freiheit, Krise durch die Freiheit…schöne Ankerpunkte! Dein Artikel hat mich sehr angesprochen.

    Zum Kommentar:
    Ich bin in Diskussionen mit Freunden häufiger auf das Zitat gestoßen “Wir definieren uns durch unseren Konsum.” Auch wenn sich im Konsum unsere Persönlichkeit tatsächlich nur andeutet, heißt das mehr Projektionsfläche im Konsum – > mehr Raum für Identität, dh. mehr Konsum -> mehr Persönlichkeit, so paradox dieser implizite Zusammenhang ausgesprochen auch klingen mag.

    Die Unterscheidung in Westen und Nicht-Westen ist symptomatisch: Es ist die Unterscheidung in Konsumenten und weniger-Konsumenten, es ist die Unterscheidung in Persönlichkeit und Rest. Klar, dass da die entwickelten Länder bzw. der Nicht-Westen nicht mitmachen wollen.

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