Soll ich mich umbringen oder lieber eine Tasse Kaffee trinken?

Est-ce que je devrais me tuer ou boire plutôt une tasse de café?

Für die meisten wahrlich nicht die erste Frage, die einem am frühen Morgen im Kopfe widerhallt. Kaffee oder Suizid. Als ob diese beiden Möglichkeiten uns quasi gleichwertig am Frühstückstisch serviert würden. Marmelade oder Nutella, Joghurt oder Müsli, Leben oder Tod.

Noch vor dem ersten Kaffee, vor dem eigentlichen Lebendig-werden den Freitod zu erwägen, das klingt doch ganz schön phantastisch. Vielleicht trinken wir lieber diesen ersten Kaffee und fragen uns vor dem zweiten, was wir nun mit diesem Leben anstellen wollen. Denn wer käme überhaupt auf irgendeine Idee in diesem halbtoten Zustand. Vielleicht handelt es sich aber gar nicht um den morgendlichen Kaffee? Egal, denn selbst dann gibt es nicht sonderlich viel Zeit, über den abgedroschenen Sinn des Lebens zu sinnieren. Immerhin geht es, beginnend mit der ersten Koffeinspritze, um die Meisterung des neugeborenen Alltags, um wichtige Dinge, so dies und das, liebes Geld, gierige Liebe, ja, Likes und Anerkennung. Schlicht und euphemistisch zugleich gesprochen, ums halbnackte Überleben des modernen Menschen.

Aber, mal nach nackten Tatsachen geschossen, warum überleben? Um zu arbeiten, um eine Bilderbuch-Familie gleich dieser Werbeprospekte zu gründen, die Karriereleiter mit materialistischem Eifer und metaphysischem Sicherheitsgurt zu erklimmen, Enkel einmal in die Plauz-Bäckchen zu kneifen, Rente zu rentieren… Atmen. Und wenn dich nicht schon vorher ein göttlicher Blitz erschlagen oder ein heimtückisch leises Elektroauto von hinten überfahren hat, dann… dann stirbst du gewiss einfach später.

Bis wir die biologische Alltagsmaschine Mensch endlich zu einem ewig haltbaren, mobilen Kühlschrank unserer Organe umgebaut haben (Vor Gebrauch bitte kräftig schütteln), ist diese eine Gewissheit gänzlich gewiss: Du wirst sterben. „Keine Moral und keine Anstrengung lassen sich a priori vor der blutigen Mathematik rechtfertigen, die über uns herrscht.“ [1] Die Zeit läuft und gegen die Tatsache unserer Sterblichkeit können wir herzlich wenig unternehmen. Der Treibsand des Alltags zieht uns immer tiefer in seinen pflichtigen Rhythmus, lullt uns warm ein, lässt uns unseren unausweichlichen Tod vergessen, während wir zugleich langsam in ihm versinken.

„Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ‚Warum‘[…]“ [2]

Eigentlich merkwürdig. „Man kann […] nie genug darüber staunen, dass alle so leben, als ob niemand ‚wüsste‘.“ [3] Stimmt wohl. Vor allem noch vor dem Frühstück. Kriecht allerdings dieses unangenehme Warum in unseren Köpfen hoch und hinterfragt diesen mechanischen Ablauf des Alltags, beginnt ein neues Bewusstsein in unseren Windungen zu zwicken. Das Leben fühlt sich, angesichts der Gewissheit des eigenen Todes, irgendwie absurd an.

Die Stoiker, Zeus hab sie selig, trotzten den düsteren Stürmen von Schicksalsschlägen und der beängstigenden Vorstellung des eigenen, absoluten Todes. Dem auf den letzten Atemzug folgenden Nichts. Denn selbst wenn es mal schief geht und uns stürmische Böen von Rundfunkbeiträgen, vergessenen Muttertagen, Herzensbrüchen und verpassten Prüfungsanmeldungen ins Gesicht peitschen, können wir letztlich gelassen und schicksalsfügig diesen Unwettern entgegenblicken. Denn es wird alles gut. Aber was ist der stoische Fels in der Brandung ohne seinen fundamental göttlichen Logos, diese metaphysische Gewissheit darum, dass alles einen Sinn und einen Zweck habe? Ohne sie ist er nur ein Stein, der vom ewigen Ozean der Zeit langsam aber sicher abgegraben wird, während an anderer Stelle neue Felsen und Berge in die Höhe gedrückt werden. Erschleicht den stoischen Felsen dieses absurde Gefühl seiner irrationalen Existenz, bröckelt sein Vertrauen.

Oder doch lieber den philosophischen Sprung wagen, Gott und die Ewigkeit der Seele postulieren, das buddhistische Nirwana ermeditieren, einen Nach-mir-die-Sintflut-Hedonismus leben oder schlicht die naturalistische Erfüllung unseres Seins in der Vermehrung unserer Gene erschlafen? Das absurde Bewusstsein ist geweckt und nun gilt es sich in die Kette wieder einzureihen. Irgendwo wird man schon einen vernünftigen Sinn herkriegen, wir sind bescheiden, es muss wieder passen, gut und günstig, kalte Dusche – peng! Doch Camus kennt hier keine Gnade. Die Vernunft strauchelt an den Grenzen ihrer Erkenntnismöglichkeiten und setzt zu einem pragmatischen Sprung an, um die existenzielle Angst zu überwinden. Es „ist die[se] Vernunft die sich trübt und durch Selbstverneinung befreit.“ [4] Ziehen wir diesen ehrgeizigen Sprung dem Selbstmord vor, bleibt unser Körper lebendig, während wir die pochenden Pulsadern unseres philosophischen Gewissens feste zudrücken, bis der geweckte Zweifel wieder im Treibsand erstickt. Der philosophische Selbstmord ersetzt den biologischen. „Logisch zu sein ist immer bequem. Nahezu unmöglich ist es aber, logisch bis ans Ende zu sein.“ [5]

Anscheinend verlangen wir nach etwas, was wir nicht erreichen können, und müssen uns deswegen selbst betrügen, um diese Angst vor der Sinnlosigkeit abzuschütteln. In uns tragen wir das Verlangen nach Sinn und Glück, [6] werden dabei aber mit einer Welt konfrontiert, die streng vernünftig betrachtet, nicht vernünftig ist oder uns zumindest einen greifbaren Sinn nicht bieten kann. Vielleicht, weil wir noch nicht gefunden haben, nach was wir suchen. Vielleicht aber auch, weil es das, was wir suchen, schlicht nicht gibt. Aber darum geht es hier nicht in erster Linie.

Gibt es also „eine Logik bis zum Tode?“ [7] Verneint man sich selbst durch den philosophischen Selbstmord, so macht man es auch durch den praktischen. Selbstmord erlöst nicht, er macht einfach nur das Licht aus. Knips. Unser Ruf nach Sinn stößt auf eine schweigende Welt und finden wir kein schützendes Dach über unserer Seele, lösen wir sie vom Körper. Wer allerdings davon ausgeht, dass es bei der Erforschung des Überweltlichen nichts Relevantes zu finden gibt, kann nicht enttäuscht werden. Für ihn spielt die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Weltensinnes schlicht keine Rolle in Bezug auf seine eigene Existenz.

Wir können frei bestimmen, was aus uns werden soll und welchen Dingen wir Bedeutung schenken. Was unser Leben lebenswert macht. Absolute Willkür nun möglich? Nicht ganz. Unabhängig von einem übergeordneten Sinn des Lebens, fällt die gesamte Verantwortung auf den Menschen zurück. Keine höhere Instanz rechtfertigt mehr Taten, nur der Täter trägt die Verantwortung. „Eine Erfahrung, ein Schicksal leben heißt: es ganz und gar auf sich nehmen.“ [8] Und nichts kann uns diese Verantwortung mehr abnehmen. Akzeptiert man im Leben die Grenzen der Vernunft und revoltiert gegen ihre immerzu ansetzenden, hoffnungsvoll-transzendierenden Sprünge „[…] wird deutlich, dass es umso besser gelebt werden wird, desto weniger Sinn es hat.“ [9] Camus entnimmt dieser Haltung, dieser Aufrechterhaltung der Spannung zwischen der in uns schlummernden Sinnsuche und dem leeren Universum, das absurde Bewusstsein.

So absurd es uns anfänglich vorkam, am frühen Morgen den eigenen Freitod in Erwägung zu ziehen, so absurd könnte es einem jetzt erscheinen, schulterzuckend seinen Kaffee leer zu schlürfen und händereibend diesen Stein den Hügel des Alltags wieder hinauf zu befördern. Erst das Bewusstsein dieser absurden Existenz gibt dem Leben seinen Wert. [10] Erst die strenge Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit schafft Bedeutung. Ob das Leben tatsächlich ohne jegliches Sinngebäude ein besseres ist und die Verschiebung der Frage von der metaphysischen Ebene auf die weltliche der Bedeutungen das Problem löst, zieht legitime Kritik nach sich.

Jedenfalls kann nach Camus auch ein Existenzialist ein gelingendes Leben führen, seiner Meinung nach sogar ein besseres. Und um den Kreis zu schließen: Der Sinnverneinende wählt Kaffee. Welch köstliches Glück! „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, [11] schreibt Camus am Ende seines Mythos des Sisyphos, diesem absurden Leben zum Trotz. Denn, tatsächlich: Es ist alles gut.

 

[1] Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Hamburg: Rowohlt 2000, S. 28.

[2] S. 25.

[3] S. 27.

[4] S. 62.

[5] S. 21.

[6] S. 40.

[7] Ebd.

[8] S. 66.

[9] Ebd.

[10] Vgl. S. 25.

[11] S. 145.

 

Ein Kommentar zu „Soll ich mich umbringen oder lieber eine Tasse Kaffee trinken?

  1. Camus beschreibt im Mythos des Sisyphos die menschliche Existenz als hoffnungslose Absurdität. Gott sei tot und das Leben insgesamt sinnlos. Wir würden in einer hoffnungslosen Welt leben und dennoch so tun, als hätte alles einen Sinn. Der Sinn suchende Mensch im sinnleeren Weltall: Kant?, Schopenhauer?, Nietzsche? Marc Aurel? Oder gar Oscar Wilde? – Harari hätte seine Freude an dieser Lebenssuche und würde es wohl als nicht existent bezeichnen, entstanden in einem Hirn lang bevor es überhaupt bewusst an leben gedacht hat…

    Denken… Wird der Gedanke lebendig, wenn er gedacht wird?  Oder ist Leben nur eine Sonderform von Existieren, so wie Oscar Wilde meint? Nun mag der zwar kein Philosoph gewesen sein, aber vielleicht stimmt’s ja doch irgendwie…
    Oder ist er doch schon da, lange vorher…der Gedanke? – Platonisches Denken, wenngleich verführerisch, hilft uns wohl wenig weiter. Andererseits: 
    „Wer ganz gerichtet ist auf eine einseitige Betrachtung der Erscheinungswelt wird durch diese Einseitigkeit der wissenschaftlichen Bildung geblendet. Er erkennt nicht mehr, daß nicht die Erscheinungen selbst die Wahrheit sind, sondern das hinter ihnen liegende Leben“ (Platon)
    Irgendwo inmitten dieser Sucherei winkt uns Camus aus dem Bücherregal zu mit seinem „Est-ce que je devrais me tuer …“ und Dennis Wahl, der schreibt, der Sinnverneinde wähle Kaffee (…“ou boire plutôt une tasse de café“).
    Finden wir so eine Antwort oder müssen wir uns wirklich selbst betrügen, um die Angst abzuschütteln? – Nun ja, im Artikel wird eine Antwort ja scheinbar gefunden.

    Aber will sich ein Nobody Owens philosophischer Fragekunst damit zufrieden geben, dass Leben umso besser gelebt werden wird, umso weniger Sinn es hat? Und auch wenn er kein Camus ist, so erscheint eine solch existentialistische  „Sisyphonie“ doch eher zu fern, um ihm zu gefallen.
    Camus ist ja der Ansicht, Sisyphos als einen glücklichen Menschen zu betrachten. Aber bei aller Liebe zu Camus: der S. war also auch noch glücklich über seine Strafe, denn das war sie … für seine Verschlagenheit, Schlitzohrigkeit und skrupellose Schlauheit. Aber dann wäre er nach der Frage „Tod oder Kaffee?“ der Sinn verneinende Kaffeeschlürfer, der die Strafe „leben“ auf sich nimmt und damit glücklich ist? Grade weil sie so absurd ist? Und das Bewusstsein der Absurdität zugleich eine Entdeckung seiner Freiheit sein soll…

    Vielleicht betrachten wir einfach mal „das Leben“, ohne „Tod oder Kaffee“. Müssen wir dann nicht, statt Sinn verneinende Kaffeetrinker zu sein, zu Sinn bejahenden – meinetwegen auch existentialistischen – Menschen werden?
    Ist „Rettung“ nah mit künstlichem „Leben“, das dann völlig wert(e)frei existiert? –  Also keine allmorgendliche Frage „…tuer ou boire…“, sondern reines Existieren…, ein für Camus sicher durchaus erfreulicher Gedanke.
    Wäre die Aussage eines Studd. eine (notwendige) Antwort auf Camus‘ Sisyphos:
    „Für mich haben Behauptungen, die keine realen Auswirkungen auf mein Handeln haben, schlicht und ergreifend keinen Stellenwert, der hoch genug ist, dass ich mich weiter mit ihren noch so kontroversen Aussagen beschäftigen würde“ – oder springt ihm der schnauzbärtige Nietzsche bei, einerseits mit seinem Willen zur Macht, andererseits mit dem Nihilismus, den er als notwendiges Stadium für die Freiheit des Menschen begreift. Denn erst wenn der Mensch nicht mehr mechanisch nach den Regeln lebt, die ihm von außen diktiert wurden, erst dann kann er wirklich lebendig sein, wirklich etwas (er)schaffen…

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