Wider die Verkürzung der Wirklichkeit

Eine Gastnotiz zu Judenhass, Stammesdenken und Faschismus

Heute ist der 9. November. Vor 81 Jahren, um etwa diese Zeit herum, ermordeten Nazis etwa achthundert jüdische Mitbürger*innen und zertrümmerten, insbesondere in der Nacht auf den 10. November, tausende von jüdischen Geschäften, Synagogen, Wohnungen und Friedhöfen.

Kurz danach wurde Juden wurde das Gewerbetreiben untersagt, jüdische Unternehmen wurden enteignet. Es war ein folgenreicher Schritt hin zur Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. Warum will ich daran erinnern?

 

Hass

Nicht erst seit den letzten Wochen wird wieder über Antisemitismus berichtet. 2017 wurde ein umfangreicher Bericht über Zustimmung zu Formen des Antisemitismus auf Anfrage des Bundestages veröffentlicht: er kam zu beunruhigenden Ergebnissen. Synagogen stehen in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Staaten schon lange unter Polizeischutz; Äußerungen, dass sich jüdische Mitbürger*innen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen, sind medial präsent. Die chronologische Liste der Übergriffe auf jüdisches Leben in Deutschland ist lang.

Das alles ist also nicht neu. Nun ist vor genau einem Monat an der Synagoge in Halle knapp ein Massenmord gescheitert. Vor wenigen Tagen ging ein Vorfall viral, in der es zu einem antisemitisch motivierten Angriff in einem Fitnessstudio kam. Besonders bestürzend: nur einer der übrigen Anwesenden griff ein. Heute findet ein Treffen des jüdischen Studienwerkes ELES in Freiburg statt, um anlässlich des Vorfalls und des Jahrestages über Antisemitismus und Judenhass zu diskutieren. Solche Übergriffe sind keine Einzelfälle, und viel Hass wird online dokumentiert.

Dass ich dieses Jahr um den Jahrestag der Novemberpogrome daran denken muss, ist für mich neu und beunruhigend. Wenn in den vergangenen Jahren an Diskriminierung und die Notwendigkeit von Toleranz und Pluralismus erinnert wurde, stand das Thema, um ehrlich zu sein, bei mir nicht immer besonders weit oben auf der Prioritätenliste und ließ mich an Sonntagsreden denken. Vielleicht fehlte mir damals einfach ein persönlicher Bezug. Aber vielleicht, und das ist ein seltsamer Gedanke, ist das Problem mittlerweile wirklich strukturell schlimmer geworden.

Seit den ungefähr drei Jahren, in denen die Briten nun versuchen, aus der EU auszutreten, häufen sich in Großbritannien die Berichte von fremdenfeindlichen Übergriffen, in den USA floriert unter Trump eine offene Rhetorik der Feindbilder, große Teile der Bevölkerung aller Altersgruppen fast aller westlichen Länder wählen Rechtspopulisten aus Angst vor dem Islam und Ausländern, und so weiter – wir wissen das alles, und wenn wir an nicht an den unmittelbaren Debatten beteiligt sind, so schauen wir immerhin der Berichterstattung zu wie einem Erdrutsch, der langsam auf uns zurollt.

 

Faschismus?

Die Phänomene der Islamophobie, des Antisemitismus, des Ausländerhasses und der Fremdenfeindlichkeit werden von vielen als die Vorzeichen eines neuen, oder vielmehr, strukturell nie verschwundenen Faschismus gedeutet. Die ausbrechende Gewalt wird als Erscheinung einer einstmals bereits realen brutalen Realität verstanden, deren Aufarbeitung noch nicht vorüber ist und eventuell gar nicht vorüber sein kann, weil die faschistische Denkform in der Massengesellschaft stets als potentielle Ressource der Menschenfeindlichkeit präsent ist. Eine Gesellschaft, in der diese Denkform stets latent vorherrscht, ist dann auch selbst menschenfeindlich, genauso wie, potentiell und latent, jede*r Einzelne. Wer so eine verborgene Menschenfeindlichkeit moderner Gesellschaften annimmt, und mit einem latenten Faschismus in Beziehung setzt, führt beides dann meist zurück auf die kapitalistische Wirtschaftsweise, welche das Aggressionspotenzial rassistisch motivierter Übergriffe als genuines Symptom einer Moderne dastehen lässt, die in ein „falsches Bewusstsein“ geraten ist.

Ich frage mich aber, ob die antikapitalistische Antifaschismusthese den Hass und die verhärteten Fronten erklären kann. Ich weigere mich, anzuerkennen, dass wir alle in einem „falschen Bewusstsein“ leben, das die „wahren Verhältnisse“ ideologisch verschleiert – weil das zum einen implizierte, dass wir die wahren Verhältnisse nie erkennen könnten, und weil so eine Position ebenfalls nie erklären kann, wie denn ein richtiges Bewusstsein ausschauen würde. Abgesehen davon bleibt die Frage offen, welcher Faschismusbegriff eigentlich richtig ist. Ist es schon Faschismus, Ausländer und Juden zu hassen? Oder bezeichnet der Faschismus nicht vielmehr ein spezifisches historisches Phänomen, die viele andere Elemente aufwies – Totalitarismus, Einparteiensystem, Abwesenheit von Rechtstaatlichkeit, Führerprinzip – die viele heute als faschistisch bezeichneten Denkweisen nicht besitzen, weil sie in Wahrheit „nur“ ultrakonservativ; nationalistisch, chauvinistisch, xenophob, sexistisch sind? Wir müssten wahrscheinlich, um der historischen Bedeutung Rechnung zu tragen, die Bezeichnung „Faschisten“ auf eine solch spezifische Gruppe rechtsextremer Nazis einschränken, dass sie uns als Charakterisierung des sichtbar gewordenen Hasses nicht nützt.

Ein weiteres Problem der antikapitalistischen Faschismusthese ist, dass sie, um die uns umgebende Ideologie zu entlarven und zu entschleiern, eine Art „negativer Objektivität“ annehmen muss, da es einen absoluten Standpunkt, von dem aus sich die „wahren Verhältnisse“ überblicken lassen könnten, ja deshalb nicht gibt, weil die kapitalistische Ideologie total ist.[i] Jede*r, der sich die Aufgabe macht, Faschismus aufzudecken, muss sich deswegen eine verneinend objektive Redeweise anmaßen, die aber aus sich selbst heraus bereits eigentlich unangemessen ist. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre, den Gedanken einer „gesellschaftlichen Denkform“ aufzugeben, und anzunehmen, dass „faschistoides Denken“ eine individuelle, lokalisierbare Verhaltensweise bezeichnet, nah an dem, was Simone de Beauvoir oder Edward Said vielleicht „Othering“ nennen würden.

Unter dieser Prämisse wäre Faschismus kein Problem der Struktur oder Potentialität, die unbewusst schlummernd unter gewissen Vorzeichen oder Bedingungen zum Ausdruck kommen kann, sondern das Phänomen einer verengten Geisteshaltung, die aus Misstrauen gespeist jederzeit in der Lage dazu ist, in dem oder der „Anderen“ einen Feind zu sehen, den es mit aller Macht und organisierter geistiger Systematik zu bekämpfen gilt. Dies mag eine elegante, sehr extensionale Definition von Faschismus sein, mit der sich viel präzise bezeichnen lässt; leider de-historisiert sie den Begriff auch, und macht ihn auf nahezu die gesamte Menschheitsgeschichte und die verschiedensten Kulturen anwendbar. Dadurch verliert ein solcher Faschismusbegriff seinen unmittelbaren Bezug auf Genozide der Moderne, die durchaus mit Wirtschafts- und Gesellschaftsform zusammenhängen.

So grundsätzlich sinnvoll ich extensionale Definitionen auch finde, so stellt sich aufgrund dieser gewissen eindeutigen Kennzeichnungen doch die Frage, ob wir an dem Begriff des „Faschismus“ überhaupt festhalten wollen, um die Phänomene des Hasses zu erklären, die wir wahrnehmen. Was ich hier ausgeklammert habe, ist auch die Tatsache, dass der gegenwärtige Populismus, bei dem Kommentatoren vor „Nie Wieder“ und „Wehret den Anfängen“ warnen, nicht zwangsläufig eine auf Ideologiekritik und Antikapitalismus gemünzte Rezeption erfordert, weil völkisches und nazistisches Gedankengut bei ihm so offensichtlich sind, dass man sich um die „Potentialität“ eines „latenten“ Faschismus nicht zu kümmern braucht. Höcke’s neues Buch ist so ein Fall. Dass eine Partei, in der Äußerungen über „Säuberungen“ möglich ist, Zuspruch bei breiten, auch jungen Wählergruppen findet, ist auch ohne vorangegangene philosophische Betrachtung einfach furchterregend.

 

Humanität

Nun träumt aber vielleicht nicht jeder, der einem jüdischen Mitbürger die Kippa vom Kopf reißt, und dabei „Free Palestine“ schreit, oder Asylbewerberheime angreift, oder muslimische Menschen auf der Straße beleidigt, von Führerprinzip und Einparteienstaat. Warum auch sollte hinter jedem Übergriff eine sicherlich triviale, aber konsequente Theorie steckten? Hinter ihnen kann sich genauso gut eine simple Wut auf Leute mit Kippa, auf Frauen mit Kopftuch, oder auf Menschen mit anderer Hautfarbe verbergen. Oder, noch simpler, Bosheit, Affekt, Trotz und Freude an Streit. Wahrscheinlich ist genau das in einem Großteil der Fälle der Fall. Mir stellt sich dann aber stets, und in letzter Zeit immer bohrender, die Frage: Warum? Wie kann es sein, dass wir in einer Zeit leben, in der auf der einen Seite die Leute gegen die Zerstörung des Planeten protestieren, vegane Crème Fraîche essen und für Minderheitenrechte eintreten, und auf der anderen Seite Menschen wegen ihres Aussehens, ihrer Sexualität, ihrer politischen Ansicht, ihres Glaubens oder ihrer Herkunft zusammengeschlagen werden, in ein- und demselben Land? Wo bleibt ein gegenseitig garantiertes Mindestmaß an Achtung, an Toleranz, Respekt, kurzum: an Humanität?

Ob wir diesen grundsätzlichen Mangel an Wertschätzung des Anderen Othering, Freund-Feind-Denken oder bereits „faschistoid“ nennen wollen, ist an diesem Punkt sicherlich erstmal nebensächlich. Was mir auffällt ist, dass es sich um ein universales menschliches Phänomen handelt. Allerdings lässt sich die Idee, einander trotz abweichender Meinung und Lebenshaltung Rechte und gegenseitige Toleranz zuzugestehen, ziemlich eindeutig, zumindest in Europa, in die Zeit der Aufklärung zurückverfolgen. (Obwohl es Kontoversen gibt, inwieweit die Aufklärung nicht nur die Früchte vorangegangener Debatten geerntet hat.) Präsent sind die Werke und Gedanken der Aufklärer, obwohl bereitwillig als Kanon akzeptiert, allerdings heutzutage nicht. Was ihnen unterstellt wird, ist wahrscheinlich nicht nur, alt und trocken zu sein, sondern überhaupt gar nicht mehr zeitgemäß: In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir über die Probleme ihrer Zeit längst hinaus. Wie absurd und erschreckend ist es da, dass das gegenwärtige Aggressionspotenzial und Denken in Feindbildern bereits mit gleicher Präzision von ihnen geschildert worden ist! John Locke beispielsweise beschreibt in seinem Letter Concerning Toleration, wie schwer es den Angehörigen verschiedener Konfessionen fällt, je ihrem eigenen Weg zum Heil zu folgen und gleichzeitig anderen ihre Art von Erlösung zuzugestehen:

[…] it may be said, there are a thousand ways to wealth, but one only way to heaven. It is well said, indeed, especially by those that plead for compelling men into this or the other way. […] But now, if I be marching on with my utmost vigour in that way which, according to the sacred geography, leads straight to Jerusalem, why am I beaten and ill-used by others because, perhaps, I wear not buskins; because my hair is not of the right cut; because, perhaps, I have not been dipped in the right fashion; because I eat flesh upon the road, or some other food which agrees with my stomach; because I avoid certain by-ways, which seem unto me to lead into briars or precipices […]? I say they are such-like things as these which breed implacable enmities amongst […] brethren […].[ii]

Trifft nicht die gleiche Reduktion auf bloße Gruppenmerkmale, die Ausgrenzung und die gegenseitige Ablehnung auf unsere Zeit zu? Ich denke, dass diese nicht so sehr durch ein Wiedererwachen oder Wiedererstarken des Faschismus charakterisiert ist, sondern durch viele kleine, neue konfessionelle Spaltungen und Abgrenzungen, durch ein Zusammenschließen von Gruppen zur Verteidigung ihrer Eigeninteressen, durch gegenseitige Zuschreibungen und Misstrauen. Zygmunt Baumann nennt dies den neuen „Tribalismus“ – eine Rückkehr alten Stammesdenkens.

Was ich zusätzlich dazu noch wahrnehme, ist eine abnehmende Fähigkeit, Ambiguitäten und Ambivalenzen wahrzunehmen, Grautöne zu erkennen und nicht definierbare Zwischenräume zuzugestehen. Egal ob eine Studierendenvertretung fordert, Kant und Rousseau nicht mehr zu lesen, weil diese Sexisten und Rassisten gewesen seien; oder ob Veganer als linksgrünversiffte Gutmenschen dargestellt werden, oder die Presse als Lügner, die Ausländer als Sozialschmarotzer, die EU als bürokratisches Monstrum – überall werden Menschen und Dinge auf nur ein (vielleicht gar dubioses) Merkmal reduziert, und ein wesentlich weiteres und kompliziertes Nuancenspektrum wird unterschlagen. Was ist da qualitativ anders, wenn jemand einen Menschen mit Kippa sieht, und deswegen sofort unterstellt, derjenige unterstütze die Außenpolitik Israels? In all diesen Feldern lesen wir die Welt wie eine Landschaft aus Straßenschildern, die alle nur ausschließlich eine Sache sagen können. Die Welt ist aber mehr als das, und unsere Rationalität ist mehr als eine einspurige Zeichenverarbeitung in Wenn-Dann-Relationen. Vielleicht sind die meisten Fälle von Gewalt und Aggression wirklich nur die entgleisten Konsequenzen einer verkürzt verstandenen und nicht akzeptierten Wirklichkeit.

Wenn wir nun die Suche nach religiösem Heil in Locke’s Beschreibung mit unserem jeweiligen politischen Verständnis einer guten Gesellschaft und eines gelungenen Lebens ersetzen, trifft das wahrscheinlich relativ genau die Herausforderung, vor denen wir als plurale Gesellschaft stehen. Ich denke, dass eine Aufgabe darin besteht, sich auf die Ambiguitäten, Zwischenräume und Unentscheidbarkeiten der Wirklichkeit wieder einzulassen – in einem Kopftuch oder einem Autorennamen nicht nur ein Zeichen für x oder y zu sehen, sondern ein verschieden interpretierbares Symbol, das meine Aufmerksamkeit und mein Verständnis erfordert. Darauf aufbauend ist die Forderung nach Toleranz natürlich weiterhin ausschlaggebend.

Um diese Toleranz zu erreichen – oder, falls wir die Kategorie bemühen wollen – um das „faschistoide Denken“ zu bekämpfen, hilft wahrscheinlich allein das Training des konsequenten Überwindens der Kategorie des „Anderen“: der Dialog. Zu ihm gehören nicht eine negativ gesetzte „Objektivität“, sondern ein bewusst offen gelassener Raum der eigenen Überzeugung, die radikale Fähigkeit, sich selbst und die anderen immer wieder zielgerichteter Kritik aus multiplen Perspektiven zu unterziehen. Was akzeptiert werden sollte, ist sicherlich, dass dabei die Stabilität der eigenen Kategoriensysteme angegriffen werden. Aber solch steter Zweifel ist fruchtbar. Viel verwunderlicher ist eher, dass wir uns in einer „aufgeklärten“ Zeit über solch trivialen Ermahnungen noch Gedanken machen müssen. Dass ein solcher Anachronismus angesichts des allgemeinen Fortschritts nötig ist, erstaunte allerdings bereits Voltaire.[iii]

 

Bild: Rodin, le Penseur, gefunden bei Avery Evans auf Unsplash.

[i] vgl Adorno, Theodor W. (1966): Negative Dialektik. 8. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 113), 175 ff.

[ii] Locke, John: A Letter Concerning Toleration. In: Paul E. Sigmund (2005.): The selected political writings of John Locke. Texts, background selections, sources, interpretations. New York, London: W. W. Norton (A Norton critical edition), S. 125–167, 140–141.

[iii] Voltaire, Mélanges IV. In: Voltaire: Oeuvres Complètes de Voltaire. Études et documents. Hg. v. Louis Moland. Paris: Garnier, S. 25, 21-22 : „Et c’est de nos jours ! et c’est dans un temps où la philosophie a fait tant de progrès ! et c’est lorsque cent académies écrivent pour inspirer la douceur des mœurs ! Il semble que le fanatisme, indigné depuis peu des succès de la raison, se débatte sous elle avec plus de rage.“

Ein Kommentar zu „Wider die Verkürzung der Wirklichkeit

  1. Der “Denker” von Rodin steht in meinem Arbeitszimmer und animiert mich, angehängt an den letzten Absatz, zu einem “Widerspruch” (?):
    Ich erinnere mich gut an eine Situation in der 12. Klasse (1968), im Religionsunterricht wurden Judentum und Antisemitismus besprochen und alle waren sich einig: so etwas wie den Nationalsozialismus wird/kann es in Deutschland nie wieder geben. Ich glaube als Einziger habe ich damals gesagt: ich denke doch, dass so etwas wieder geschehen kann… Inzwischen bin ich seit über 30 Jahren Psychoanalytiker, lehre Psychoanalyse und Psychotherapie, meine einflussreichsten psychoanalytischen Lehrer waren Juden.
    Jahrelang haben wir gehört von der kollektiven Schuld der Deutschen, sie ist ein Bestandteil schulischen und gesellschaftlichen Denkens geworden. Aber daneben oder trotzdem hat sich die Welt verändert, die Franzosen, die uns als Schüler noch beschimpft haben, sind mit uns befreundet, besonders unter jungen Menschen ist Freundschaft in vielen Richtungen möglich.
    Aber in unserer „deutschen Seele“ schlummert etwas, das uns immer dann Schmerzen verursacht, wenn etwas geschieht, das nur irgendwie Bezug zur Geschichte haben könnte.
    Ich spreche von dem allseits präsenten, nie bewältigten oder bearbeiteten kollektiven schlechten Gewissen. Nicht ein grassierender Antisemitismus ist unser Problem, sondern dieses ewige schlechte Gewissen. Wahrscheinlich ist es inzwischen zu spät, eine Auseinandersetzung mit den Taten des Nationalsozialismus zu fordern, aber wäre es nicht an der Zeit, dieses ständig sich wiederholende hysterische, aktionistische Agieren zu beenden und eine historische, aber doch unbelastete Einstellung zur Vergangenheit zu erlangen? Mit den Koffern zu drohen, die „bereit sein sollen“, weil „der Tag, an dem wir sie brauchen“ nicht mehr fern sein mag, bringt uns nicht weiter, und erzeugt nur eine Schuldiger-Beschuldiger(=Opfer)Haltung, an deren Ende Frust und Hoffnungslosigkeit stehen. Frust und Hoffnungslosigkeit sind die Wurzel solcher Taten, auch wenn sie oft einem speziellen Gedankengut entspringen. Frust und Hoffnungslosigkeit, die ich empfinde angesichts der Äußerungen in den Medien (Tag 1 nach…) oder von Politikern, die glauben, ein schlechtes Gewissen zur Schau tragen zu müssen, denen man ihre Beteuerungen aber nicht mehr wirklich abnehmen kann, zumal jeder der erste sein will, ohne Ermittlungen abzuwarten.
    Es muss verführerisch sein, die Welt schwarz-weiß zu malen, eine Antwort liefert uns das nicht, lediglich eine scheinheilige Ruhe. Und sind dann alle Wehklagen, Anklagen und Beteuerungen verklungen, dann läuft diese Welt weiter wie bisher, unverändert erstarrt in Schuld und Scham einerseits und Opferhaltung andererseits.
    Dieses Jammern und Anklagen brauchen wir nicht und auch keine schärferen Gesetze oder mehr Polizei. Klar, so etwas bedient beide Seiten, wirklich verändern wird so etwas nichts, nur Bestehendes fixieren. Aber wir brauchen Veränderung, Umdenken, Verstehen – Verstehen-Wollen auf allen Seiten! Was ich verstehe macht mir keine Angst, was ich verstehe muss ich nicht bekämpfen, was ich verstehe, darüber kann ich diskutieren, auch mit dem Ergebnis, zweier, nebeneinander bestehender Ansichten.
    Bei einem Spaziergang in München hat mein (jüdischer, vor den Nazis aus Österreich geflohener) Psychoanalyse-Lehrer auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus gesagt: „alles vergeben, nichts vergessen!“ – Vielleicht liegt in solch einem Satz ja ein Anfang…

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