Nostalgie und „Nostalghia“

In der antiken Mythologie wird es Winter, weil die Göttin des Ackerbaus Demeter ihrer Tochter Persephone nachtrauert, die eine Hälfte des Jahres im Hades und die andere bei ihrer Mutter auf der Erde verbringt. Ihr Gefühl der Freude über die vereinbarte Rückkehr ihres Kindes spiegelt sich wieder im Aufblühen im Frühling. In Asien sehen die Japaner in der schnell erblühenden und welkenden Kirschblüte ein Gleichnis für den Verlauf ihres eigenen vergänglichen Lebens und der Endlichkeit aller Dinge. Ihr ist im Land ein eigenes Fest gewidmet In den meisten Kulturen der Welt gelten Naturvorgänge als Symbole für Veränderungen und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Flammen erlöschen, Feuer entzündet, Wasser nährt Pflanzen und lässt Eisen rosten. Flamme, Grün, Feuer, Wasser, Eisen sind Symbole, die sich für die allegorische Übertragung von Konzepten wie Leben, Erbe, Tod, Ursprung und Moderne eignen. Denn in der Natur erkennen Menschen manchmal Sinnbilder für Ereignisse aus ihrem eigenen Leben. Der Film ‚Nostalghia‘ von Andrej Tarkovski ist nicht allein an diesen Symbolisierungen interessiert, sondern mehr an einem mehrdeutigen Phänomen: der Nostalgie. Der Begriff Nostalgie beschreibt in der italienischen Sprache einen Geisteszustand, der darin besteht, etwas nachzuweinen, was vorübergezogen oder weit weg ist. Tarkovsky erweitert den Begriff außerdem dadurch, dass er als Nostalgie einen schmerzhaften Prozess der Rückbesinnung auf wichtige Dinge sieht. Grob gesagt geht es in „Nostalghia“ um die Menschen, die Beschwerliches durchleben und mit Nostalgie weiterleben oder zu Grunde gehen.

Die Rahmenhandlung des Films beschreibt wie Andrej, russischer Schriftsteller, den Spuren eines landsmännischen Komponisten aus dem 19. Jahrhundert folgt. In Begleitung der Dolmetscherin Eugenia gelangt er auf seiner Suche in ein italienisches Dorf in der Toskana. Der Film beginnt mit einer Aufnahme von einem Tal, das nebelverhangen nur von ein paar Personen und Tieren bevölkert wird. Einzig ein Telefonmast lässt Vermutungen zu, in welchem Zeitalter man sich befindet. Die Szene ist in trübes Licht getaucht. Es handelt sich wohl um einen Traum oder eine Szene aus der Vergangenheit. Vergangenheit und Traum – zweierlei Dinge, die oft mit Nostalgie in Verbindung stehen.

Italien ist für Andrej anscheinend ein Ort der Sehnsucht. Er will nicht, dass Eugenia mit ihm Russisch spricht, sondern besteht auf Italienisch- selbst wenn seine Kenntnisse nur passabel sind. Andrej sehnt sich jedoch nicht nach Italien aus Nostalgie, sondern versucht seiner eigenen Nostalgie mit Italien entgegenzuwirken. Andrej hat seine Frau Maria zurückgelassen und seit Wochen nicht mehr mit ihr gesprochen, was er zu bereuen scheint. Dabei tun sich Parallelen zwischen dem Komponisten, den Andrej erforschen will und Andrej selber auf: Der Komponist Sosnowski sehnt sich nach der Heimat- Andrej sehnt sich nach der Ferne. Sosnowski wird in Russland von seiner Angebeteten abgelehnt – Eugenia wird in Italien von Andrej abgelehnt. Er scheint sich nach seiner Frau zu sehnen, gleichzeitig aber Eugenia zu begehren. In einem Traum von ihm liebkosen sich Maria und Eugenia gegenseitig. In einem Gespräch mit Eugenia meint Andrej, dass das Verstehen anderer Länder nur durch das Einreisen staatlicher Grenzen möglich ist. Hier geht es weniger um Politik oder Völkerverständigung. Andrej wünscht sich lediglich, dass er nicht durch genau das leidet, was fern (wie das sein Heimatland oder die Natur) oder vorübergezogen (anscheinend sein Familienleben) ist.

In einer Szene des Films wird Nostalgie auf besonders eindrückliche Weise verbildlicht. Eugenia besichtigt eine Kirche, in der zufälligerweise eine Prozession abgehalten wird. Eine Heilige, dargestellt durch eine Strohpuppe, wird gehuldigt. Aus einem Käfig in ihrem Strohbauch werden Spatzen freigelassen. Für die vielen Frauen in der Kirche wird somit die Mutterschaft verehrt. Die Strohpuppe ist in schwarz gekleidet und wirkt wie ein Leichnam. Es ist unklar wer wirklich gehuldigt wird. Das tote Idol oder lediglich die Spatzen die in ihr hausten. Möglicherweise eine Analogie zu einem der Hauptcharaktere, dem Mathematiker Domenico, dessen kleine Kinder, die er in seinem Wahnsinn jahrelang im zuhause behielt, bei ihrer Befreiung durch die Polizei aus seinem Haus davonliefen. In diesem Moment waren sie so schwer zu fangen – wie ein kleine Vögel. Der Kontrast zwischen den vitalen Spatzen und der leblosen Puppe verdeutlicht, dass das es kein Leben ohne Tod gibt bzw., dass Leben und Tod ineinander übergehen.

Der Film behandelt auch die gefährlichen, schädigenden Seiten von Nostalgie. Der Mathematiker Domenico hat in der Vergangenheit seine eigene Familie jahrelang in sein Haus eingesperrt. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass er die moderne Welt ablehnt und ihr sogar das letzte Zeitalter der Menschheit sieht. In Bezug auf diese Welt bleibt er bis zum Schluss ein Extremist. Es wird angedeutet, dass Eugenia eine Tochter von Domenico ist und sich von ihm befreit hat. Dies erklärt wahrscheinlich, warum Eugenia, nachdem er ihre eine Abfuhr erteilt hat, den nostalgischen Andrej verabscheut. Eugenia an einer Stelle des Films von einem Dienstmädchen, dessen Heimweh sie zur Brandstiftung getrieben hat, weil sie nur dadurch einen Ausweg aus dem Haus ihrer Dienstherren und einen Weg zurück in die Heimat sah. Eugenia steht Nostalgie kritisch gegenüber. Sie sieht darin weniger eine Rückbesinnung auf wichtige Dinge, sondern eher einen Nährboden für Fanatismus. Unterstützt wird Eugenias Auffassung von Nostalgie durch eine Aufnahme von Domenicos Wohnung. Domenico, ein „Opfer“ von Nostalgie, wohnt in einem heruntergekommenen Domizil. Es veranschaulicht seine Verzweiflung, seinen Realitätsverlust und seine Traurigkeit. Das Dach ist undicht und die Flaschen, die das von der Decke tropfende Wasser auffangen sollen, haben viel zu dünne Hälse, was ihm nicht bewusst zu sein scheint. Seine karge Wohnung ist mit wenigen religiösen Reliquien ausgestattet. Ein Schild trägt die Aufschrift „1+1=1“ – womöglich ein Verweis auf die Heilige Dreifaltigkeit im Christentum. Pflanzen sind quer durch seine Wohnung gewachsen.

Das Domenico seine Tochter Eugenia nannte, passt zu seiner Nostalgie. Eugenia heißt die Wohlgeborene, die von edler Abkunft kommende. Im klassischen Sinne beschreibt dies, dass adeliges Blut in einer Person fließt. Domenico, der kein Adeliger ist, spricht nicht von reinem Blut, also reiner Abstammung, sondern von reinem Wasser. Also reinem Leben. Jedes Leben blüht am besten durch reines Wasser. Eben dieses darf nicht verschmutzt werden. Passend zu dieser Metapher gibt es eine traditionelle Badequelle in diesem Ort, die als Verjüngungskur angepriesen wird. Domenico ist das aber zu eitel.

Domenico tritt in einer Einstellung die Pedale eines Fahrrads, dessen Vorderrad sich nicht mitbewegt und er im wahrsten Sinne des Wortes auf der Stelle tritt. Dafür erntet er nur Unverständnis von den anderen, jedoch zeigt er damit seinen Mitmenschen eine Schwäche auf. Ein einzelnes Rad tritt im Hintergrund in einer von Andrejs Erinnerung an seine Familie auf. Das einzelne Rad ist auf einem Baum irgendwo in Russland aufgehängt. Gegen Ende des Films zieht Andrej in Italien ein verrostetes Rad aus dem abgelassenen Becken, das nur einen Reifen besitzt. Domenico mag als Ewiggestriger nicht von der Stelle kommen, normale Menschen wie Andrej sind im Gegensatz zu ihm aber orientierungslos.

Andrej und Domenico werden am Ende zu Märtyrern. Auf einer Demonstration in Rom gibt Domenico seiner Meinung kund, dass die moderne Welt der Natürlichkeit keinen Platz mehr lasse. Dass die normalen Menschen Verrückte in ihren Kreis aufnehmen müssen, um geistig fortzuschreiten. Er selbst weiß, dass er die Grenzen zwischen Realität und Wahn nicht wahrnehmen kann, dennoch hält er sein Innenleben für wertvoll und legitim. Die Empfindungen der Menschen müssen in der Kunst laut Domenico aufgefangen werden und dürfen nicht als unwichtig abgetan werden.

Domenico ist nachsichtig gegenüber den „Normalen“, auch wenn diese ihm unter Mussolini Gewalt angetan haben. Die „geistig Gesunden“ haben seinesgleichen im faschistischen Regime in Scharen eingesperrt. Trotzdem begegnet Domenico den Menschen mit Respekt und versucht sie eines Besseren zu belehren. Er ist geistig gestört, beweist aber ein unfassbares Gespür für die Menschen und für die Welt. Schließlich ist er Wissenschaftler.

Heute wäre es undenkbar, dass Verrückte eine wichtige Inspiration für die Gesellschaft sein würden. Dabei war das in den antiken Kulturen durchaus üblich. Für Tarkowsky sind diese Menschen wohl heutzutage Märtyrer einer in Vergessenheit geratenen Eigenart des Menschen. Illusionen ausgeliefert zu sein, durch Illusionen zu gestalten (wie sonst wären die angesehensten Mythen der Antike entstanden), nach Nietzsche in Illusionen leben: „Das Leben lebt von Täuschungen […] es gibt keine ewigen Tatsachen: so wie es keine absoluten Wahrheiten gibt.“ (Menschliches, allzu Menschliches). Doch das 20. Jahrhundert scheint sich nach absoluter Wahrheit zu sehnen. Der Gedanke, dass es sie nicht geben könnte, ängstigt Menschen, sodass sie Verrückte einsperren, um dem französischen Philosophen Michel Foucault zufolge, die menschlichen Eigenarten in ihnen nicht auf schockierender Weise wiederfinden zu müssen. Was heißt es für die „Gesunden“, wenn die Verrückten nicht weniger in der echten Welt leben als sie selbst, weil es die „eine Welt“ nicht gibt? Domenico weiß eine Antwort: Alle Menschen müssen Brüder werden. Er zündet sich zu der Ode an die Freude selbst an, weil er glaubt, dass das Ende der Welt morgen schon bevorsteht. Andrej absolviert eine Glaubensprüfung, indem er eine Kerze durch Schwefeldämpfe trägt. Ob seine Träume Erinnerungen oder Illusionen sind, wird immer unklarer. Sein Leiden scheint zu Ende zu sein. Ob er an seinem Herzversagen oder an den Dämpfen stirbt bleibt offen. Wahrheit kann die Menschheit nicht mehr einen – doch Domenico lehrt, dass es der Glaube kann.

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