Über das Denken im Post-Prüfungsphasen-Wasteland

Ich stehe im Post-Prüfungsphasen-Wasteland. Meine Erkenntnis ist in Paragraphen sortiert, mein Wissen in Ismen strukturiert, mein Denken ist in Zeitpläne organisiert, und all das ist feinsäuberlich im schweren Rucksack verstaut. Schwer, aber irgendwie doch leer.

Dieser kleine Beitrag versteht sich als ein Plädoyer, welches aus diesem kahlen, toten Land hoffentlich zu Ihnen und euch durchzudringen vermag. Von meinem alles andere als einsamen Standpunkt möchte ich dafür plädieren, aus der Philosophie wieder mehr zu machen als die oben genannten Strukturen und aus der ECTS-Diktatur soweit auszubrechen, wie sie unser Denken unfruchtbar macht, einschränkt und normiert. Es gilt stattdessen, mit Gedanken zu spielen und ihnen Raum und Zeit zur Entfaltung zu geben, anstelle sie dem Denken kantisch lediglich als Mannigfaltigkeit a priori in der Anschauung zur Verfügung zu stellen. Es gilt zu entdecken, zu denken und zu verstehen, dem Geist Freiheit zum eigenen Wachstum zu lassen und dem Studium wieder einen gehörigen Hauch von scholē zu verpassen. Ein ähnliches Plädoyer füreine „kopernikanische Universitätswende“ können Sie in der aktuellen FUNZEL FUTURE lesen, wo Cornelius B. Kopf für die „Wieder-wieder-holung-holung“ plädiert. Ich möchte das von ihm angestoßene Gespräch weiterführen.

„Aber“, mag ein Jemand sagen, „wo soll denn das hinführen, wenn wir alle unseren sämtlichen Gedanken freien Lauf lassen? Jeder Gedanke ist in der Philosophie in irgendeiner Form doch letztendlich schonmal gedacht worden. Zu lernen gilt es zunächst, ihr Bachelorstudierenden, zu lernen und zu rezipieren, und daraus wird sich dann irgendwann, wenn man genug gelernt hat, etwas Eigenes ergeben.“ Schon dem esprit der Funzel entspricht dieser Jemand wohl kaum. Im Folgenden möchte ich einen anderen, unkonventionelleren Zugang zum Spiel mit Gedanken und Ideen präsentieren und ein diesem Ansatz ähnliches Spiel für die Philosophie vorschlagen. Dem sujet des Plädoyers gemäß werde ich mich nicht rigoros wissenschaftlich auf Theorien beziehen oder gar versuchen, mich in, zwischen und gegen philosophische Schulen zu stellen. Auf dieser Ebene können wir aber gerne in Kommentaren und weiteren Beiträgen gemeinsam weiterdenken.

Mein jetziger Zugang zum freien Spiel mit Ideen soll Fanfiktion sein. Fanfiktion ist eine Art transformatives Erschaffen. Fans von unterschiedlichen Medien schreiben Geschichten, dieauf einem Original, sei es Buch oder Serie oder Film oder Videospiel oder noch anderes, basieren und dieses erweitern oder verändern. Autor*innen von Fanfiktion konstruieren so beispielsweise Handlungsstränge, welche vom Originaltext abweichen, denken sich für Charaktere Vorgeschichten aus, die im Original nie spezifiziert wurden, oder platzieren bekannte Charaktere gar in völlig anderen Universen. Eine Fanfiktion kann zwischen weniger als tausend und über eine Millionen Wörter lang sein, und es bestehen keine scharfen Grenzen zwischen Genres und Gattungen. Fanfiktion wird heutzutage zumeist online auf dafür ausgelegten Plattformen geteilt, aber es lässt sich dafür argumentieren, dass vor dem Urheberrecht nahezu jedes Werk großer Weltliteratur in irgendeiner Weise Fanfiktion war, allen voran Vergil und Shakespeare.[1] Vor allem ist Fanfiktion ein Spiel mit der Frage „Was wäre, wenn?“, ausgehend von bekannten Charakteren, Welten und Narrativen. Das Wort ‚Fan‘ in Fanfiktion zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt an. Fanfiktion ist ein Spiel mit den oben genannten Elementen, welche die Autor*innen begeistern. Fanfiktion ist nicht zielgerichtet oder nutzenorientiert; sie ist eine wahrhaft brotlose Kunst. Autor*innen von Fanfiktion schreiben aus Begeisterung.

Eine eher abstrakte Definition von Fanfiktion könnte also wie folgt lauten: Fanfiktion ist das freie Spiel mit Bestehendem, wobei Autoren dieses Bestehende tief verinnerlicht haben und davon begeistert sind. Sie ist das Weiterentwickeln von Narrativen und Charakteren; sie baut Welten aus und erschafft teilweise Werke, die den Originalen in nichts nachstehen, nicht einmal in Kreativität.

Was hat das jetzt mit Philosophie zu tun?

Dieser Jemand, der oben den Einwand einbrachte, man könne sich in der Philosophie nicht einfach hinsetzen und frei denken, in der soviel bereits gedacht worden sei, hat nicht Unrecht. Viel ist bereits gedacht worden, viel Großes und Beeindruckendes, Begeisterndes und Erschreckendes. Ich halte die Auseinandersetzung mit all diesen Gedanken für enorm wichtig. Von der Sache her zu verstehen, was große Philosoph*innen gedacht haben, welche Denkwege sie gegangen sind und wo sie vielleicht mal den Boden unter den Füßen verloren oder absichtlich zurückgelassen haben, ist bereichernd und begeisternd. Die Philosophie ist eine Kunst, deren Techniken es definitiv zu lernen gilt, und in deren sich über Millennia erstreckende Debatte man sich erstmal einfinden muss. Genauso muss man sich mit feinsten Details im Originaltext auskennen, wenn man wirklich gute Fanfiktion schreiben will. Es ist aber nicht so, als müsste man zuerst die Harry Potter Bücher fünfzigmal lesen, bis man eine Geschichte wagen kann, in der Harry ein wenig vernünftiger bei der Namensgebung für seine Kinder ist, oder in der das Trimagische Turnier stattdessen in Beauxbatons stattfindet, oder in der sich die Rumtreiber in Muggle-London herumtreiben. Stattdessen lernt man beim aktiven Spiel mit Charakteren und Narrativen die Welt, in der man sich bewegt, erst wirklich tief kennen. Mir scheint es sich mit der Philosophie ähnlich zu verhalten. Es ist wichtig, Argumente in ihre Kontexte einzuordnen und sie in diesen zu verstehen. Es gilt aber auch, sie aus ihren Kontexten heraus zu verstehen, womit ich meine, dass das Verständnis letztendlich darauf abzielen sollte, ein Argument so sehr zu durchdringen, dass man es aus seinem Kontext lösen kann und ihm trotzdem noch gerecht wird. Das freie Spiel mit Argumenten, für welches ich hier plädiere, soll kein Pick-and-Choose der Philosophiegeschichte werden, bei dem man mal einen Absatz irgendwo liest und darin eine absolute Wahrheit findet, die dem Autor des Absatzes völlig fremd gewesen wäre. Es soll ein Spiel sein, welches sich aus Verständnis ergibt und Verständnis zugleich fördert. Gewissermaßen ein hermeneutischer Maulwurfszirkel, in welchem man sich tiefer und tiefer in ein Thema eingräbt.

Ein weiterer Aspekt der Fanfiktion fehlt der Philosophie häufig, wenn sich normiertes Lernen und Module besonders bemerkbar machen – die Begeisterung. Wie soll man sich auch für eine*n Denker*in begeistern, wenn man nur dabei ist, sich viel zu schnell durch viel zu viele Texte zu arbeiten, stumpf Strukturen zu repetieren und auf Teufel komm raus jedes Argument zu problematisieren? Sicher, das alles muss geschehen, wenn man wirklich mit den Gedanken spielen möchte. Im Post-Prüfungsphasen-Wasteland scheint es jedoch, als wäre das schon alles, denn es ist alles, was geprüft wird, und man wird so viel geprüft, dass daneben keine scholē zum Gedankenspiel bleibt. Im Studienstress kommt paradoxerweise das Studium zu kurz. Dabei ist dieses Spiel mit Gedanken für die Begeisterung so wichtig – das Ausprobieren, ob interessante Ideen funktionieren, ohne dass eine Note auf dem Spiel steht, das Spazieren entlang spannender Gedankenwege, ohne dass dabei zwingend eine Hausarbeit herauskommen muss, und das Verinnerlichen von all dem, was man liest, um zum eigenen Denken nicht nur vorgefertigte Bausteine zu addieren, sondern dieses zu transformieren. Begeisterung entsteht meines Erachtens nach aktiv, nicht passiv. Sie ergibt sich daraus, dass man wirklich mitdenken kann, anstatt nur Gedanken per copy-paste Funktion ins eigene Archiv zu übertragen. Begeisterung ergibt sich daraus, dass man fremde Gedanken Schritt für Schritt zu eigenen macht. So wie man durch Fanfiktion Charaktere, die jemand anders in die Welt gesetzt hat, Schritt für Schritt zu seinen eigenen macht.
Im Spiel mit philosophischen Argumenten und Gedanken, von denen man sich begeistern und mitreißen lässt, soll sich ein fundiertes Verständnis ergeben anstelle eines sofort in Paragraphenform strukturierten Wissens. In diesem Spiel sollen sich neue und alte Gedanken und alles Hybride dazwischen gemeinsam entfalten und zueinander in Beziehung treten, sodass unser Denken wieder fruchtbar wird für Perspektivverschiebungen und Horizonterweiterungen. Im Post-Prüfungsphasen-Wasteland erlaube ich mir also das Spiel mit dem „Was wäre, wenn?“. Nicht alles, was dabei herauskommt, ist brauchbar. Aber jeder Denkweg, den man geht, jede Sackgasse und insbesondere jeder Rundweg, führt zu weiterem Verständnis. Wenn es dem Verständnis zuträglich ist, kann man es dann immer noch in Paragraphen strukturieren, und mit vorsichtiger Wortwahl wissenschaftlich exakt formulieren, damit auch andere einen Zugang dazu finden können. Zunächst und zuallererst aber gilt es zu denken.

Lasst uns also gemeinsam wieder mehr aus der Philosophie machen. Lasst uns mit Begeisterung nach Weisheit streben. Lasst uns wahrhaft verstehen, anstelle lediglich zu bestehen. Lassen wir das Studium unsere Geister erweitern. Lassen wir unser Denken aus der Prüfungsordnung heraus und jenseits von ihr wachsen. Spielen wir mit Gedanken.

 

 

[1] Diese Definition von Fanfiktion basiert auf eigener Erfahrung sowie auf der bereitgestellten Definition in folgendem Buch: Aragon, Cecilia und Davis, Katie: Writers in the Secret Garden. Fanfiction, Youth and New Forms of Mentoring. Cambridge 2019. S. 13-22.

2 Kommentare zu „Über das Denken im Post-Prüfungsphasen-Wasteland

  1. Pingback: Die Funzel

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